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Familie Döllefeld

Biografie von Josef, Recha und Alexander Döllefeld

Josef Döllefeld wurde am 13. Juni 1861 in Lispenhausen geboren - als Sohn von Hirsch Döllefeld und Karoline geb. Jaffa. „Handelsmann“ Hirsch Döllefeld (1829-1917) hatte Lispenhausen ca. 1860 verlassen und die Rotenburger Linie der Döllefelds begründet, während sein Bruder, Sattlermeister Isaak Döllefeld (1840-1898), sich in Bebra ansiedelte, dortige Adressen: An der Bebra 1 bzw. Nürnberger Str. 30.
Josef Döllefeld heiratete am 21. April 1890 Therese Strauß aus Vacha. Die beiden hatten vier Kinder. Tochter Clara emigrierte in die USA, während die beiden Söhne Alexander und Theodor in den elterlichen Betrieb (Getreide-, Dünge- und Futtermittel) in der Querweingasse 5 einstiegen. Karl, der 1897 geborene jüngste Spross der Familie, starb 1919.
Josef Döllefelds Frau Therese verschied 1928, ihr Grabstein steht - wie der ihres Sohnes Karl - auf dem Jüdischen Friedhof in Rotenburg. Josefs Haushalt führte seitdem seine Schwester Jettchen (geb. 1864).
Das Haus Döllefeld und seine Bewohner waren bei den antijüdischen Ausschreitungen im November 1938 besonders hart betroffen. Aus den Vernehmungsprotokollen des Strafverfahrens, das nach 1945 gegen die Hauptschuldigen geführt wurde, ergibt sich ein schauriges Bild der damaligen Geschehnisse. Ein angeklagter SA-Mann: „Ich kam gerade dazu, wie sie (nennt 6 Namen) im Haus Josef Döllefeld alles Mobiliar und Wertgegenstände vernichteten und zum Fenster hinaus beförderten. Ich sah, wie Josef Döllefeld und seine Schwester Jettchen von (nennt 2 Namen) mit geschulterten Äxten zum Marktplatz getrieben wurden.“ Sein ehemaliger Gespannführer N. berichtete, Josef Döllefeld habe ihn aus dessen Gefängnis im damaligen Obdachlosenasyl am Marktplatz angefleht: „Julius, so hilf mir doch!“
Josef Döllefeld kehrte seiner Heimatstadt im April 1940 den Rücken und suchte Zuflucht in Kassel, die der 80-Jährige im Jüdischen Altersheim in der Mombachstr. 17 fand. Sie endete am 7. September 1942 mit der Deportation nach Theresienstadt. Nach knapp zwei Monaten Lagerhaft, am 4. 12.1942, war Josef Döllefeld tot.
Im Ghetto Theresienstadt war es für ihn zu einem Wiedersehen mit seiner Schwester Jettchen Döllefeld gekommen, die Rotenburg bereits am 3.12.1939 verlassen und im Frankfurter jüdischen Altersheim Reuterweg 91 eine zwischenzeitliche Bleibe gefunden hatte. Am 18. August 1942 wurde sie nach Theresienstadt deportiert, im Februar 1945 gehörte die mittlerweile 80-Jährige zu der kleinen Zahl von Häftlingen, die aufgrund einer Vereinbarung mit dem Internationalen Roten Kreuz in die Schweiz gelangten.
Jettchen verbrachte ihre letzten Lebensjahre in einem Alters- und Pflegeheim in Vevey in der Westschweiz.
Alexander Döllefeld, der am 29.11. 1891 geborene älteste Döllefeldsohn, und seine Ehefrau Recha (geb. 28.2. 1895), die Tochter von Isaak und Gitta Rothschild (Rotenburg, Marktplatz 9), hatten bereits die Papiere für die Schiffspassage von Rotterdam nach New York. Wegen des deutschen Luftangriffs auf die holländische Hafenstadt am 5. Mai 1940 blieben die beiden in Holland hängen. Nach Verhaftung und Einweisung in das nordholländische Transitlager Westerbork begann ihre Reise von dort in den Tod am 25. Mai 1943 und endete drei Tage später in den Gaskammern von Sobibór.
Rosa Döllefeld war eine geborene Ehrlich aus Eschwege (in Wanfried geb. am 22. März 1894). Durch die Heirat mit Theodor Döllefeld kam sie nach Rotenburg. Das Ehepaar hatte zwei Töchter, Käthe (geb. 23. Januar 1924) und Dina (geb. 4. August 1927).
Im Juni 1939 fand die Familie Aufnahme im Haus von Rosas Bruder Bernhard Ehrlich, Textilhändler in Eschwege (Friedrich-Wilhelm-Str. 24). Nach drei Jahren Aufenthalt in Eschwege gehörten Rosa und ihr Ehemann samt Tochter Dina zu der ersten Gruppe nordhessischer Juden, die am 9. Dezember 1941 von Kassel aus nach Riga verschleppt wurden.
Bis zum Frühjahr 1945 blieben Rosa und ihre Tochter zusammen, die Räumung der Lager in Lettland beim Heranrücken der Roten Armee im Frühjahr 1944 brachte beide in das Außenarbeitslager Stolp des Konzentrationslagers Stutthof bei Danzig.
In den letzten Kriegswochen ließ die SS viele Stutthof-Häftlinge über die Ostsee nach Holstein transportieren. Wegen Überfüllung des Hauptschiffes, der Cap Arcona, wurden zusätzlich Lastkähne eingesetzt. Auf einem dieser Kähne gelangten Rosa und Dina Döllefeld Ende April 1945 bei Neustadt in die Lübecker Bucht. Nachdem die SS-Wach-mannschaften die ans Ufer getriebenen Kähne verlassen hatten, machten sich die völlig ausgehungerten Häftlinge am frühen Morgen des 3. Mai 1945 am Strand zwischen Neustadt und Pelzerhaken auf die Suche nach Nahrungsmitteln. Von der SS mobilisierte bewaffnete Kräfte (aufgeschreckte Bürger, Angehörige der Kriegsmarine und des Volkssturms) trieben daraufhin die Häftlinge zusammen und erschossen über 200 von ihnen (nachzulesen in der Dokumentation „Cap Arcona“ von W. Lange).
Es ist davon auszugehen, dass Rosa Döllefeld eines dieser Opfer war, wie dies auch ihre Tochter Dina, die das Massaker überlebte, später berichtete.
Dina Döllefeld bemühte sich vergeblich, in ihrer hessischen Heimat wieder Fuß zu fassen. Für kurze Zeit versuchte sie dies auch in Rotenburg. Sie verstarb 31-jährig im Februar 1959 in Chicago an den Spätfolgen der Misshandlungen in den Konzentrationslagern. Am 1. April 1951 hatte sie Gunther Marx geheiratet, am 1. April 1952 Sohn Kenneth geboren.
Käthe Döllefeld war im Juli 1938, dank Unterstützung naher Verwandter in Chicago, die Ausreise in die USA gelungen, wo sie in Louisville/Kentucky eine neue Heimat fand. Durch Eingaben an Behörden und an das Rote Kreuz konnte sie viel dazu beitragen, dass ihr Vater Theodor Döllefeld die Ausreisepapiere aus der damaligen Sowjetunion erhielt. Wie war er dort hingekommen? Eine nahezu unglaubliche Geschichte.
Theodor Döllefeld (geb. 18. Oktober 1895) wurde im Dezember 1941 gleich nach der Ankunft in Riga von Frau und Tochter getrennt und in dem Vorort Salaspils als Arbeitssklave beim Barackenbau für ein neues KZ eingesetzt. Auf diese Rolle war er in gewisser Weise vorbereitet, denn in den Jahren vor seiner Deportation hatte man ihn in Eschwege als Bauarbeiter zwangsverpflichtet.
Seine beruflichen Erfahrungen in der Landwirtschaft waren nach seiner eigenen Einschätzung der Grund dafür, dass er im Mai 1942 in das Vernichtungslager Maly Trostinez bei Minsk eingewiesen wurde, um dort als landwirtschaftlicher Gehilfe auf einem von der SS betriebenen Gut zu arbeiten, das für den Bedarf der SS-Lagermannschaften und der Minsker Ordnungspolizei produzierte.
Als sich im Juni 1944 die Rote Armee Minsk näherte und die jüdischen Gefangenen mit ihrer Erschießung durch die SS rechnen mussten, flüchteten er und sein „Arbeitskollege“ Ludwig Gutmann. In der Nacht vom 28. zum 29. Juni 1944 versteckten sich die beiden in einem Roggenfeld zwischen den Fronten, bis am 3. Juli die sowjetische Armee in Minsk einzog. Von deren Geheimdienst wurden sie jedoch für deutsche Spione gehalten und für ein Jahr ins Gefängnis gesteckt. Die nächsten vier Jahre durchlitt Theodor D. in einem Strafgefangenenlager in der Nähe von Gorki, zwischen Moskau und dem Ural. Im Juni 1949 schaffte man ihn nach Sibirien in das Altai-Gebiet, wo er in der Kleinstadt Alejsk als Lastenträger in einer Mühle malochen musste.
Nach zwei Jahren Zwangsarbeit erhielt er einen regulären Arbeitsvertrag und durfte sich ein privates Quartier suchen. Den Ort verlassen konnte er allerdings nicht, Briefwechsel wurde ihm erst 1955 erlaubt.
Im Juli 1958 waren 17 Jahre Gefangenschaft beendet. Die Monate bis zur Übersiedlung in die USA im Februar 1959 verbrachte er in einem Pflegeheim in Mainz. In Rotenburg ließ er auf dem Grabstein seiner Mutter Therese das Holocaustschicksal von Josef, Rosa, Alex und Recha Döllefeld festhalten (Foto unten). Am 17.9.1959 heiratete er in Louisville Rose Markowitz.
Theodor Döllefeld starb im Juli 1972.

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Mitarbeit: Karl-Heinz Riemenschneider