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Familie Flörsheim

Biografie von Paula und Julius Flörsheim

Julius Flörsheim wurde am 7.12. 1883 in Rotenburg geboren, als Sohn von Bernhard und Karoline Flörsheim.
1906 gründete er mit seinen Brüdern Willi (*1881) und Joseph (*1887) im elterlichen Haus Lindenstraße/Ecke Brauhausstraße nach dem Ableben des Vaters ein „Manufaktur- und Modewarengeschäft“, „verbunden mit fertiger Herren- und Knaben-Garderobe sowie Anfertigung nach Maß“. Ein Schild am damaligen Eckhaus Steinweg/ Lindenstraße machte auf das damals etwas abseits gelegene Geschäft aufmerksam:
Gebr. Flörsheim/ WÄSCHE, KLEIDERSTOFFE, KONFEKTION .
„Größtes und leistungsfähigstes Geschäft am Platze“ - mit diesem selbstbewussten Anspruch offerierten die Gebrüder Flörsheim ihr Warenangebot 1913 in einer Anzeige im Kreisblatt. Im Laufe der Jahre dehnten die Gebrüder Flörsheim ihr Warenangebot auch auf Polstermöbel aus, sodass die Rotenburger unmittelbar neben dem Polstergeschäft Plaut ein Konkurrenzangebot vorfanden.
Die Gebrüder Flörsheim hatten nicht nur die Kundschaft aus ihrer Stadt und der unmittelbaren Umgebung im Visier. „Unseren Kunden von außerhalb, welche die Bahn benutzen, vergüten wir die Fahrkarte 3. Klasse“ - mit diesem generösen Angebot, wie wir es in der Anzeige vom Dezember 1907 finden (s. Seite 35, oben), ermunterten sie die potentielle Kundschaft aus weiter weg liegenden Ortschaften zu einem Einkauf in ihrem Geschäft.
Einen zusätzlichen Kundenkreis erschlossen sich die Gebrüder Flörsheim dadurch, dass sie ihr Warenangebot als „Spezial-Versandhaus, Rotenburg, Lin-denstraße 157 I. Etage“ auch in den Versand brachten.
Weiter lesen wir in der Anzeige: „Um unseren Abnehmern in jeder Weise entgegen zu kommen, gewähren wir trotz obiger von keiner Concurrenz billiger anzubietenden Artikel bei einem Baareinkauf von 10 Mark an einen Extra-Weihnachts-Rabatt von 5 Prozent“.
Die Gewährung von Sonderrabatten, heute alltägliche Werbepraxis, war für damalige Zeit ein ziemliches Novum. Wie aus anderen Quellen bekannt, stießen kundenfreundliche Anstrengungen dieser Art, wie sie von den Flörsheims und auch anderen jüdischen Geschäftsleuten eingeführt wurden, in der nichtjüdischen Geschäftswelt auf – gelinde gesagt – deutliche Skepsis, hier brauchte es eine ganze Weile bis zur Übernahme hartnäckiger Kundenwerbung.
So wie mit den hier vorgestellten Annoncen war die Firma Gebr. Flörsheim insbesondere in den Wochen vor Weihnachten für die Leser des Rotenburger Kreisblatts eine nicht zu übersehende Adresse.
Julius Flörsheims Bruder Willi war einer der sechs jüdischen Rotenburger Kriegsteilnehmer, die nicht mehr von der Front zurückkehrten. Unter der Rubrik „Unsere Helden“ fanden ihn die Leser des Rotenburger Kreisblatts vom 28. April 1916. Im Bewusstsein der Familie war Willi Flörsheim „den Heldentod für’s Vaterland“ gestorben, wie sie es in der Traueranzeige im Kreisblatt formulierte. Er war auch im Radfahrerverein „Viktoria“ aktiv gewesen, der das am 14. März 1916 an der Front gefallene Vereinsmitglied mit einer Todesanzeige im Kreisblatt ehrte.
So wie sein im Weltkrieg gefallener Bruder Willi war auch Julius Flörsheim in der Rotenburger Feuerwehr aktiv, er befehligte zeitweilig deren Schlauchwagen II (Foto von 1932 in der rechten Spalte). Seinen Dienst in der Feuerwehr versah Julius Flörsheim bis zum Beginn der Naziherrschaft.
Joseph Flörsheim, der 1887 geborene jüngste der drei Flörsheimbrüder, engagierte sich im politischen Bereich. 1924 kam er über die SPD-Liste ins Rotenburger Stadtparlament. Joseph hatte die ersten Nachkriegsjahre in Südafrika verbracht, was ihm dann nach der NS-Machtübernahme sicherlich den Entschluss erleichterte, Rotenburg zu verlassen und - über die Zwischenstation Leipzig - ins Exil nach Südafrika zu gehen.
Nach dem Tod seines Bruders Willi hatte Joseph Flörsheim dessen Witwe Else geheiratet. Ihr Sohn Bruno konnte sich zunächst nach Dänemark retten. Von dort gelangte er 1939 über die USA nach Johannesburg/Südafrika.
Julius Flörsheim musste seine letzten Lebensjahre hinter Gittern zubringen. Nach den Novemberpogromen 1938 war es zunächst das KZ Buchenwald, ab 25.07.1941 das KZ Sachsenhausen, wo er am 10.12.1941 umgebracht wurde.
Julius‘ Frau Paula Flörsheim (geb. 9. November 1889) war die Tochter von Jakob Katzenstein und dessen Frau Nanni, eine geborene Lange aus Sontra. Paula wurde am 21.1.1942 von Leipzig aus nach Lettland ins Ghetto Riga deportiert. Am 2. November 1943 kamen die Überlebenden, darunter auch die damals knapp 55-jährige Paula Flörsheim, in das im Rigaer Stadtteil gelegene Konzentrationslager Kaiserwald. Die Häftlinge des Stammlagers Kaiserwald wurden in verschiedenen Außenlagern in der Produktion elektrischer Geräte für Großfirmen der deutschen Rüstungsindustrie eingesetzt, hauptsächlich von der AEG. Die Gefangenen litten massiv unter Hunger, Kälte und Misshandlungen. Als im Juli 1944 die sowjetische Armee im Anmarsch war, begann die Räumung des Lagers. Die noch arbeitsfähigen jüngeren Häftlinge wurden vor den anrückenden Truppen der Roten Armee evakuiert, die arbeitsunfähig gewordenen Häftlinge vor Ort getötet - so auch Paula Flörsheim. Im Gedenkbuch des Bundesarchivs ist Juli 1944 als ihr Todesdatum eingetragen.
2005 ließen Julius und Paula Flörsheims Kinder Hans/Chanan und Edith den Grabstein ihrer Großmutter Nanny Katzenstein in Rotenburg erneuern und auf ihm die Namen ihrer ermordeten Eltern eintragen - mit dem zusätzlichen Text: „Zum Gedächtnis unserer während der Nazizeit ermordeten Eltern.“
Sein eigenes Überleben hat Chanan Hans Flörsheim 2008 in dem Buch „Über die Pyrenäen in die Freiheit. Von Rotenburg über Leipzig nach Amsterdam und durch Frankreich und Spanien nach Israel 1923-1944“ dargestellt (ISBN 3-86628-167-6) - auch als PDF (kostenlos) auf www.hassia-judaica.de.

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36199 Rotenburg an der Fulda

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Mitarbeit: Karl-Heinz Riemenschneider