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Rager, Xaver

Biography of Xaver Rager

Erinnerungen von Paola Rauscher an ihren Großonkel XAVER RAGER (1898–1941)

„Ich habe mich durch diese Arbeit schon verändert. Ich sitze gerader da.“

Xaver Rager stammte aus der Familie meiner Mutter. Es waren brave Bauern aus Jengen. Xaver Rager war der Bruder meiner Oma. Da habe ich immer nur erfahren, dieser Xaver Rager hatte einen Wasserkopf, der war in Ursberg. Dann ist er in Hartheim bei Linz gestorben, man hat geschrieben an einer Lungenentzündung.
Es muss so um 1972 gewesen sein. Da habe ich einen Ursberger Kalender gelesen. Ich kann mich erinnern, dass mich die Geschichten so gerührt haben und dass ich dabei immer wieder an den Xaver Rager gedacht habe. Ich habe gewusst, wenn ich mal Zeit habe, dann beschäftige ich mich mit ihm. Und so kam es.
Als ich mich vor vielen Jahren auf die Suche nach dem Schicksal meines Großonkels Xaver gemacht habe, da habe ich an Dr. von Cranach geschrieben und von seiner Mitarbeiterin einen Brief bekommen mit dem Hinweis: der Großonkel war in Irsee und er wurde am 4. Juni 1941 nach Hartheim deportiert. Dann wusste ich, wohin ich mich wenden musste.
Ich bin 2008 mit meinem Cousin und seiner Frau nach Hartheim gefahren. Ich habe angefangen zu recherchieren, was mit Xaver Rager passiert ist. Von der Familie kam nichts, und zu meiner Mutter hatte ich, was dieses Thema angeht, damals kein so intensives Verhältnis.

Ursberg war eine andere Welt

Dann kam im August 2010 eine Anfrage vom Bayerischen Rundfunk. Ein Redakteur wollte mich über Xaver Rager befragen. Meine Mutter saß bei dem Interview dabei und hat auch erzählt. Ich habe in diesem Gespräch eine große Wut auf meine Mutter gehabt und auf die Familie, die um diesen Xaver nie gekämpft hat. Ich meine aber, dass unser Verhältnis nach diesem Interview langsam besser wurde. Sie hat dann so Sachen gesagt wie: Weißt du Paola für uns war Ursberg eine andere Welt, das war woanders. Durch dieses Interview ist bei meiner Mutter was passiert. Da interessiert sich ein Journalist vom Bayerischen Rundfunk für Xaver Rager. Sie hat viel erzählt und ich glaube, da ist die Geschichte von Xaver Rager erhöht worden.
In dem Gespräch gab es einen Spannungsmoment, als ich gesagt habe, ich verstehe euch nicht, warum habt ihr euch nicht mehr eingesetzt. Ihr habt doch wissen müssen, was da abgeht. Sie hat gesagt, nein, das hat man nicht gewusst. Da hat der Journalist gesagt, er gebe niemandem die Schuld. In vielen Familien mit behinderten Angehörigen war einfach die Scham groß, darüber zu sprechen.
Das hat mir geholfen, die Dinge wieder ruhiger zu sehen. Ich bilde mir ein, da ist bei meiner Mutter etwas aufgebrochen und auch bei mir.
Xaver Rager kam zwar aus Jengen, aber er sah eigentlich Ursberg als sein Zuhause an. Meine Mutter hat mir erzählt, als der Xaver in den Sommerferien daheim war, hat er gesagt: Ich will heim. Da haben seine Eltern zu ihm gesagt, du bist doch hier daheim. Da sagte er: Nein, Ursberg.

Berührendes Bild

Dann erschien 2018 ein Artikel über Xaver Rager in der Mindelheimer Zeitung mit dem Titel „Der ermordete Großonkel“. Dabei stand dieses berührende Bild mit der Ziehharmonika.
Woher das Bild stammt, kann ich nicht sicher sagen. Ich vermute, es kommt von meiner Taufpatin, Frau Tröber aus Jengen. Sie lebt in dem Bauernhaus, in dem Xaver Rager geboren wurde. Ich habe sie mal nach Fotos gefragt. Und vermutlich hat sie mir die Originale gezeigt, denn ich habe sie gescannt. Es gibt mehrere Bilder. Eines zeigt Xaver mit seinem Firmpaten in seinem hölzernen Rollstuhl auf dem Bauernhof. Ich bin stolz darauf und dankbar gegenüber meiner Taufpatin, dass sie mir die Bilder gezeigt hat. Ich weiß nicht mehr, wann das war, ich weiß nur, dass mich dieses Bild nie mehr losgelassen hat. Es war der Auslöser, warum ich dieses Schicksal aufklären wollte.

Gut, dass man darüber spricht

Und als dann 2018 dieser Artikel in der Zeitung war, da war für mich die Geschichte abgeschlossen. Da habe ich das Gefühl gehabt, jetzt ist er gewürdigt.
Als die Geschichte im Rundfunk gesendet wurde, gab es positives Feedback von meinen Cousins und Cousinen, die sich bei mir bedankt haben. Und jemand im Dorf hat zu meinem Cousin gesagt: Gut, dass man jetzt darüber spricht. Gut, dass das nicht vergessen wird.
Die Einrichtungen und Behörden waren alle sehr hilfsbereit. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Hartheim, auch in Kaufbeuren und Irsee. Mir wurde immer geholfen. Ganz wichtig für mich waren die Information vom Bundesarchiv. Die haben Unterlagen von Xaver Rager in Kaufbeuren und Irsee geschickt. Interessant ist: In Ursberg wurde er als liebevoll und freundlich bezeichnet, in Irsee dann als schwachsinnig und debil. Erschüttert hat mich der Gewichtsverlust. Er ist in Irsee eingeliefert worden, da hat er 48 Kilo gewogen im Januar, dann im Mai waren es noch 44 Kilo bei 1,20 m Größe.
Auch die Schwester Canisia in Ursberg hat sich sofort darum gekümmert, dass ich Unterlagen kriege und hat herausgefunden, wo er gewohnt hat. 2018 bin ich mit meiner Mutter nach Ursberg gefahren, und wir haben das Haus der ehemaligen Wohngruppe besucht. Ich habe die Schwester Canisia gefragt, warum die Schwestern das damals zugelassen haben. Sie hat gesagt, dass die Schwestern sich gewehrt haben, versucht haben, das zu verhindern. Aber letztendlich hat die Kirche versagt, denke ich.
Außer den alten Fotos gibt es in der Familie nichts mehr. Auch die Todesnachricht, die sie bekommen haben, ist nicht mehr vorhanden. Die Todesnachricht kam aus Hartheim. Da stand, dass Xaver an Lungenentzündung gestorben ist und ob man die Asche will. Dann hat der damalige Pfarrer von Jengen gesagt, das braucht ihr nicht zu machen, da ist eh nicht die richtige Asche drin.

Meine Mutter hat erzählt, nach dem Krieg kam ein Ursberg-Kalender. Da stand drin, was wirklich passiert ist. Dann hat die Mama gesagt, das dürfen wir dem Großvater nicht zeigen. Der Großvater hat es trotzdem gelesen und gesagt: Jetzt weiß ich, was mit dem Xaver passiert ist.
Sicher hat auch meine Oma gelitten. Meine Mutter sagt, dass sie keine Ahnung hatten. Ob sich die Familie Fragen gestellt hat, kann ich nicht sagen. Es gibt keine Korrespondenz. Xaver ist am 19. November 1940 von Ursberg nach Irsee verlegt worden. Und am 4. Juni 1941 von Irsee nach Hartheim. Über die Verlegung nach Irsee wurde die Familie benachrichtigt, über die von Irsee nach Hartheim nicht. Aus den Zwischentönen meiner Mutter habe ich aber herausgehört, dass die Familie wusste, dass er nach Hartheim verlegt wurde.
In dem halben Jahr, in dem Xaver in Irsee war, hat meine Oma ihren Bruder besucht. Das war 1941. Angeblich ist sie zu Fuß von Jengen nach Irsee gelaufen. Aber es gibt keine Erinnerung daran. Ich weiß nicht, ob sie allein war oder ob jemand dabei war.

Schicksal aufbereiten

Ich will das Schicksal von Xaver Rager so aufbereiten, dass es für alle Generationen erhalten bleibt. Damit solche Ereignisse sich nie mehr wiederholen. Ich weiß, dass ich das einfach machen muss, und ich bin dankbar, dass ich da eine sinnvolle Aufgabe habe.
Die Auseinandersetzung war nicht immer leicht. Manchmal hat mir die Kraft gefehlt. Aber ich war überzeugt, dass es sinnvoll und richtig ist, was ich mache, weil mir diese Menschen so unglaublich leidtun. Da war mal ein Satz von meiner Mutter. Ich habe gesagt, weißt du, Mama, da geht der Xaver in diese Gaskammer rein. Da sagte sie, wahrscheinlich haben sie ihn im Rollstuhl reingeschoben, denn er konnte ja nicht laufen.
Ich habe mich durch diese Arbeit schon verändert. Ich sitze gerader da. Ich fühle, dass mein Rückgrat total gerade ist. Ich fühle mich unheimlich gestärkt durch diese positive Entwicklung in meinem Leben. Es ist wichtig, dass man es ausspricht und das bewusst macht, dass es genügt, wenn man ein bisschen anders ist als die Mehrheit, um in Gefahr zu geraten. Jetzt erlebe ich auch den Familienverband anders, spüre, wie stark der ist. Das hatte ich früher nie so gefühlt. Jetzt fühle ich mich in dieser Familie wohl. Jetzt endlich habe ich das Gefühl, ja, ich gehöre zu dieser Familie.

Aufgezeichnet von Robert Domes

Abbildungen
Titelbild: Foto privat
Abb. 1: Xaver Rager mit seinem Firmpaten, privat
Abb. 2: Xaver Rager mit seinen Eltern und seiner älteren Schwester, privat

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