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Brieger, Anna

Biography of Anna Brieger

Erinnerungen an ANNA BRIEGER (1905–1944)

„Nur am Abend wurde die Patientin plötzlich sehr erregt …“

„1938 sei der Ehemann (Jude) nach Amerika ausgewandert, während die Pat[ientin] keine Einreiseerlaubnis erhielt. Bald nach den Aufregungen durch die polit[ischen] Verhältnisse Einsetzen der jetzigen Erkrankung …“, notierte Dr. Ilse Wendlandt, Stationsärztin der Universitätsnervenklinik Leipzig, am 11. Mai 1942 über die zwei Tage zuvor aufgenommene Anna Brieger.
Sehr wahrscheinlich war es nicht nur die Trennung von ihrem Ehemann, die die Patientin belastete. Auch die vier Kinder aus der ersten Ehe ihres Mannes hatten Deutschland aufgrund ihrer jüdischen Herkunft verlassen müssen. Plötzlich auf sich allein gestellt und die Sorge um den kleinen gemeinsamen Sohn, der nach den Nürnberger Gesetzen als „Halbjude“ diskriminiert wurde, mündeten die vielfältigen Belastungen offenbar in eine psychische Erkrankung. Allgemeine Unruhe, wirres Gerede und eine negative Haltung waren die Symptome, die Anna Briegers Geschwister veranlassten, diese in Obhut des Sanatoriums Westend in Berlin-Charlottenburg zu geben. Mit den ersten Bombenangriffen der Alliierten auf Berlin im Sommer 1940 ließen sie ihre Schwester in eine kleiner abseits großer Städte und Industrieansiedlungen gelegene Privatanstalt in Thüringen überstellen. Über den Aufenthalt in den beiden Sanatorien liegen keine Aufzeichnungen vor. Die Krankengeschichte setzt erst mit der Aufnahme in Leipzig ein.

Konvulsionstherapie in Leipzig

Der mittlerweile in den USA lebende Ehemann Heinrich Brieger, ein Arzt, hatte angeregt, die Erkrankung seiner Frau durch eine Elektrokonvulsionstherapie (EKT) zu kurieren. Diese umgangssprachlich „Elektroschocktherapie“ genannte Behandlungsform war damals die modernste Methode zur Therapie von Schizophrenie und schweren Depressionen. Dabei löst ein wenige Zehntelsekunden dauernder Stromstoß einen Krampfanfall aus, der heiltherapeutisch wirken kann. Die Universitätsnervenklinik Leipzig verfügte als eine der ersten Einrichtungen in Deutschland über eine solch moderne Ausrüstung, weswegen Anna Briegers Verlegung dorthin in die Wege geleitet wurde.
Bei Anna Brieger war die Remission, das heißt die zeitweilige Besserung ihres Zustandes nach den Stromstößen, meist nur von kurzer Dauer. Vom 13. Mai bis zum 21. Juli 1942 wurde sie zwanzig Elektrokrampfbehandlungen unterzogen. Danach teilte die Klinik den Angehörigen mit, dass der Erfolg nur gering sei, und man empfahl die Verlegung in eine andere Heilanstalt. Die Familie wünschte aber einen weiteren Versuch, weshalb die Kranke noch einmal eine Serie von zehn Elektroschocks ertragen musste. Die Leipziger Abschlussdiagnose lautete Schizophrenie, wobei das abweisende und negativistische Verhalten der Patientin besonders hervorgehoben wurde.

Neuer Aufenthaltsort: Ilten

Der neue Aufenthaltsort war ab dem 11. September 1942 die Wahrendorffsche Privatklinik und Sanatorium Ilten bei Hannover. Aus den täglichen Pflegeberichten geht hervor, dass Anna Brieger bis zum 14. September ruhig und geordnet war, „nur am Abend wurde die Pat[ientin] plötzlich sehr erregt, war laut am Schimpfen, wollte das Schlafmittel nicht nehmen u[nd] spuckte dasselbe wieder aus“. Dieses wechselhafte Zustandsbild ist bis zum 19. September dokumentiert; weitere Berichte sind nicht überliefert. Ärztliche Einträge im Krankenblatt sind ebenfalls nur wenige vorhanden. Ein Grund war sicherlich der allgemeine Ärztemangel, der eine intensive Aktenführung verhinderte, ein anderer das Verhalten der Kranken, das trotz des stetigen Wechsels zwischen ruhigen und erregten Phasen gleichförmig verlief. Im Frühjahr und im Sommer 1943 starteten die Iltener Ärzte noch einmal einen Therapieversuch, doch auch diese Bemühungen zeitigten keinen Erfolg.

Anna Brieger wurde schließlich am 16. November 1944 in einem Transport von 149 Patientinnen und Patienten aus Ilten in die Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren-Irsee verlegt. Vermutlich wurde sie gar nicht erst in Kaufbeuren, sondern sogleich in der Nebenstelle Irsee aufgenommen. Der einzige noch folgende Akteneintrag lautet: „Exitus. Herzschwäche.“ Ihr gewaltsamer Tod in Irsee ist durch eine zeitgenössische Notiz der Schwester Maria Antida vom Orden der Barmherzigen Schwestern des hl. Vinzenz von Paul belegt.

Anna Brieger, am 22. November 1905 in Dittersdorf bei Striegau in Niederschlesien (heute Strzegom/Polen) geboren und evangelisch getauft, wurde am 13. Dezember 1944 in Irsee durch die Krankenschwester Pauline Kneißler mittels überdosierter Medikamente ermordet. Ihr Grab befindet sich auf dem Irseer Patienten-Friedhof unmittelbar hinter der Klosterkirche. Im chronologischen „Toten-Register betr[effend] der Kranken der Heil- und Pflege-Anstalt Irsee 1849 – 1950“ von Pater Carl Wolff OSB trägt es die Nummer 169 (Abteilung I, Reihe IV).

Autor: Dietmar Schulze

Abbildung
Titelbild: Anna Brieger (1939), Foto privat

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