Biography of Maria Rosa Bechter
Erinnerungen an MARIA ROSA BECHTER (1935–1943)
„Schreit in … kreischenden, heiseren Tönen oft stundenlang …“
„Auf tiefster Stufe stehendes Kind“, lautet die erste Notiz des Ärztlichen Direktors Valentin Faltlhauser in der Krankengeschichte von Maria Rosa Bechter, die am 3. Juli 1942 in die Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren eingewiesen worden war. Die Überstellung des siebenjährigen Mädchens aus familiärer Pflege nach Kaufbeuren hatte der „Reichsausschuß zur wissenschaftlichen Erfassung von erb- und anlagebedingten schweren Leiden“ veranlasst.
Hinter dem akademisch anmutenden, beschwerlichen Namen „Reichsausschuß“ verbarg sich allerdings keine wissenschaftliche Einrichtung. Vielmehr handelte es sich um eine nationalsozialistische Tarninstitution, die Kinder mit geistigen und körperlichen Beeinträchtigungen erfasste. Der „Reichsausschuß“ ließ sie in sogenannte „Kinderfachabteilungen“ einweisen, dort untersuchen, Prognosen zur künftigen Entwicklung erstellen und bei negativem Urteil auch ermorden. Eine dieser „Kinderfachabteilungen“ befand sich seit Dezember 1941 in der Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren-Irsee. Die Leitung hatte sich Direktor Faltlhauser persönlich vorbehalten.
Maria Rosa Bechter stammte aus einer kinderreichen Familie aus Vorarlberg. Ihre Eltern, Isabella und Otto Bechter, waren Landwirte. Es ist anzunehmen, dass sie – schon allein weil sie keine anderen Möglichkeiten sahen – mit der Überstellung ihrer geistig und körperlich beeinträchtigten, pflegebedürftigen Tochter nach Kaufbeuren einverstanden waren. Falls die Eltern wegen der zu erwartenden Kosten für den Aufenthalt in der Anstalt noch unschlüssig waren, lautete eine Standardformulierung im Schreiben des Reichsausschusses an die überstellenden Einrichtungen oder Ärzte: „Falls die Sorge berechtigten Bedenken hinsichtlich der Kosten haben, so bitte ich, ihnen zu eröffnen, dass der Reichsauschuß auf Antrag gegebenenfalls bereit ist, … die Kosten für Aufenthalt, Verpflegung und ärztliche Betreuung zu übernehmen.“
Faltlhausers wissenschaftliches Interesse galt u. a. Fehlentwicklungen des Gehirns bei Kindern – krankhaften Erweiterungen wie der Hydrocephalie (der sogenannte „Wasserkopf“), also eine Ansammlung großer Mengen von Liquor, was Hirnkammer-Erweiterung und/oder erhöhten Hirndruck verursacht, oder der bei Maria Rosa Bechter diagnostizierten „Mikrocephalie“ (Kleinköpfigkeit aufgrund eines nicht normal entwickelten Gehirns). Die in die Kaufbeurer „Kinderfachabteilung“ eingewiesenen Kinder untersuchte Faltlhauser in der Regel eingehend, um die Chancen auf Besserung und die Möglichkeiten einer Förderung einschätzen zu können. Zu den von ihm veranlassten medizinischen Maßnahmen zählten die Entnahme und Untersuchung von Rückenmarksflüssigkeit (Lumbalpunktion) sowie eine Röntgenuntersuchung (Pneumoenzephalographie) des Gehirns. Galt Faltlhauser ein Kind als entwicklungs- und förderfähig, wurde es behandelt und beobachtet. Blieb er bei einer positiven Einschätzung überwies er das Kind nach Möglichkeit in eine Pflegeeinrichtung mit angeschlossener Förderschule.
Offenbar kein interessanter „Fall“
Trotz der Diagnose „Mikrocephalie“ war Maria Rosa Bechter für Faltlhauser offenbar kein interessanter „Fall“. Seine Eintragungen in der Krankengeschichte galten hauptsächlich Äußerlichkeiten und betonten die Pflegebedürftigkeit des Kindes. Am Aufnahmetag, dem 3. Juli 1942, notierte er: „Braucht sehr sorgfältige Pflege.“ Zehn Tage später, am 13. Juli: „Schreit in … kreischenden, heiseren Tönen oft stundenlang … Nahrung muss löffelweise eingegeben werden.“ Zwei weitere Einträge ähnlicher Art im Juli und August lassen vermuten, dass Faltlhauser bereits nach wenigen Wochen die Aussichten auf Änderung bzw. Verbesserung des körperlichen und geistigen Zustands der kleinen Patientin als äußerst gering einschätzte.
Am 19. November 1942, den letzten Akteneintrag hatte er mehr als drei Monate zuvor getätigt, notierte Faltlhauser in Bechters Krankenblatt: „Nicht die geringste Änderung im Zustandsbild.“ Den folgenden Satz „Heute Encephalographie.“ strich er wieder durch. Offenbar galt ihm das Mädchen nun als nicht weiter therapierbar.
„Behandlungserlaubnis“ bei negativer Prognose
Grundsätzlich hatte Direktor Faltlhauser dem „Reichsausschuß“ über die Mädchen und Jungen in seiner „Kinderfachabteilung“ regelmäßig Bericht zu erstatten. Bei negativer Prognose erteilte der „Reichsausschuß“ von Berlin aus eine „Behandlungserlaubnis“, eine Formulierung, die die Ermächtigung zur Tötung des Kindes umschrieb. Die Aufforderung zur Ermordung von Maria Rosa Bechter ist nicht erhalten. Vermutlich wird sie im Februar 1943 in Kaufbeuren eingegangen sein.
Faltlhausers letzte Einträge im Krankenblatt weisen auf eine aktive Tötung Maria Rosa Bechters mit dem Schlaf- und Beruhigungsmittel Luminal hin: Am 3. März 1943 registrierte er das Auftreten eines Hautausschlags „in der Form eines Impetigo contagiosa“ (Eitergrinds) und einen sich verschlechternden Allgemeinzustand mit Fieber. Am 6. März konstatierte er eine „[z]unehmende Schwäche“ sowie „Rasselgeräusche“ über der Lunge. Am 8. März 1943 stellte Faltlhauser den Tod fest: „Gestern Lungenödem. Heute früh ½ 5 h Exitus letalis.“
Nachsatz 1:
Der „Reichsausschuß zur wissenschaftlichen Erfassung von erb- und anlagebedingten schweren Leiden“ war zwar zur Finanzierung des Anstaltsaufenthalts einschließlich der Ermordung Bechters bereit, er verweigerte jedoch die Übernahme der Beerdigungskosten. Die Anstaltsdirektion, die sich deswegen an den „Reichsausschuß“ gewandt hatte, ließ dieser wissen, „daß es der Kindesmutter im Hin blick auf die großzügige Regelung der Kosten durch den Reichsausschuß zugemutet werden kann, diesen Betrag aus eigenen Mitteln zu zahlen“.
Nachsatz 2:
Als im Jahr 2009 ein Stolperstein für Maria Rosa Bechter verlegt werden sollte, wurde von einer Ermordung in der Nebenstelle Irsee ausgegangen. Nach intensiver Prüfung der Krankenakte und anderer zeitgenössischer Dokumente steht fest, dass Bechter in Kaufbeuren ermordet wurde.
Autor: Dietmar Schulze
Abbildungen
Abb. 1: Einweisungsschreiben des „Reichsausschusses“, Bezirkskrankenhaus Kaufbeuren, Historisches Archiv
Abb. 2: Meldung über die Aufnahme Bechters in der „Kinderfachabteilung“ durch Faltlhauser, Bezirkskrankenhaus Kaufbeuren, Historisches Archiv
Abb. 3: Letztes Blatt aus der Krankengeschichte mit Todeseintrag und Sektionsbefund, Bezirkskrankenhaus Kaufbeuren, Historisches Archiv
https://anstalt-irsee.de/wp-content/uploads/2025/06/namensflyer_bechter.pdf
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