Biography of Erwin Leykauf
Zur Erinnerung an ERWIN LEYKAUF (1938 –1943)
„Ich bitte Sie nun ebenso höflich wie dringend, mir doch umgehend ausführlich zu berichten, wie es um mein Kind steht.“
Erwin Leykauf wird am 4. November 1938 in Henfenfeld, Mittelfranken, geboren. Er ist das zweite Kind der Eheleute Gustav und Elise Leykauf, geb. Wölfel. Sein Vater ist Arbeiter, die Mutter Hausfrau. Die Familie ist evangelisch. Bei seiner Geburt wiegt Erwin acht Pfund und er ist gesund. Im Alter von drei Monaten erkrankt Erwin schwer: Er bekommt hohes Fieber, leidet unter Atemnot, Erbrechen, Durchfall, Appetitlosigkeit und Krämpfen. Zur Beobachtung und Diagnostik verbringt er vier Wochen, von Februar bis März 1939, im Cnopfschen Kinderhospital in Nürnberg. Nach vierzehn Tagen wird er wegen des Verdachts auf eine bakterielle Hirnhautentzündung („Meningococcen-Meningitis“) auf eine Quarantänestation verlegt. Sein Allgemeinbefinden verschlechtert sich und seine Haut ist bläulich verfärbt. Am 13. März 1939 wird er nach Hause entlassen. „Macht heute einen moribunden Eindruck“, heißt es im Entlassungsbericht. Die Ärzte halten Erwin also für todgeweiht, doch er ist zäh und überlebt.
Drei Jahre später – mitten im Zweiten Weltkrieg, Erwins Vater ist Soldat bei der Wehrmacht – wird Erwin auf Veranlassung des Hausarztes zur „Behandlung“ in die „Psychiatrische und Nervenklinik Erlangen“ eingewiesen. Dort scheitert laut Krankenakte eine „neurologische Untersuchung … an der dauernden Unruhe des Kindes. Es ist unmöglich nur 1 Minute still zu halten, stösst ununterbrochen bellende Laute aus, läuft triebhaft im Saal umher, zieht sich aus, zerreisst Wäsche“. Weiter heißt es: „Muss gefüttert werden, ist Tag und Nacht unrein, im Bett untertags nicht zu halten.“ Die Diagnose lautet „erworbener Schwachsinn“. Eine Therapie findet nicht statt. Stattdessen wird Erwins Behinderung als „unheilbar erklärt“. Am 23. März 1942 hält die Akte schließlich fest: „Wird von seiner Mutter nach Hause geholt. Die Mutter ist sehr enttäuscht, als ihr eröffnet werden muss, dass der Zustand ihres Jungen ein dauernder bleibt u. eine Behandlung unmöglich ist. Es wird ihr geraten, sich mit der Fürsorge in Verbindung zu setzen, damit E[rwin] in einem geeigneten Heim untergebracht werden kann.“
Großes, kräftiges Kind
Bald schon ist klar, dass Erwin „so unruhig [ist], daß er nicht länger in der Familie gehalten werden kann, zumal er für sein Schwesterchen eine dauernde große Gefahr bildet“. Deshalb bringt seine Mutter Erwin schon drei Wochen später, am 14. April 1942, notgedrungen in die Heil- und Pflegeanstalt Ansbach. Anlass sind seine „ständige motorische Unruhe“ und „Neigung zu gewalttätigem Vorgehen“. Erwin ist 3,5 Jahre alt. Der Ärztliche Fragebogen und der erste Untersuchungsbefund halten fest, dass er mit 1,5 Jahren laufen lernte und dass er epileptische Anfälle hat. Außerdem: „… hält [er] sich ziemlich rein. … Er verkaut und zerbeißt alles, was er erwischen kann. Muß gefüttert werden. Läuft gut. Schläft nachts gut. Großes, kräftiges Kind. … Spricht nicht, ab und zu Mama und Papa. (…) Kann nicht allein im Zimmer gelassen werden, stößt und schlägt das 5jährige Schwesterchen; Zureden hat keinen Wert, weil das Kind das nicht erfasst.“
Erwins Mutter macht sich große Sorgen um ihren Sohn. Zwei Tage nach seiner Ankunft in Ansbach bittet sie schriftlich um Auskunft, wie die Ansbacher Ärztin seine Krankheit einschätzt und ob Erwin sich schon eingelebt hat: „Denn ich habe so große Sehnsucht nach meinem armen Erwin.“ Die Klinik antwortet, „dass es Ihrem Sohn recht gut geht und er sich schon recht ordentlich … eingewöhnt hat. Er ist lebhaft, mitunter auch unruhig, spielt jedoch gerne mit den anderen Kindern und zeigt guten Appetit“.
Seine Mutter besucht ihn mehrfach in dem knapp 80 Kilometer entfernten Ansbach, doch Erwins Aufenthalt dort ist nicht von langer Dauer: Am 13. August 1942 wird er auf „Anordnung des Staatsministeriums des Innern … bei unverändertem Zustand in die Kinderabteilung der Anstalt Kaufbeuren verlegt“.
Offensichtlich wurden die Eltern nicht vorab von dieser Verlegung informiert. So schreibt Erwins Mutter am 17. August 1942: „Ich erhielt gestern Ihr Schreiben vom 14.8.42, worin Sie mir die Mitteilung machten, dass mein Sohn Erwin sich nun bei Ihnen in der Anstalt befindet. Dass mich das als Mutter sehr erschüttert, so plötzlich diese Nachricht zu erhalten, können Sie wohl begreifen. Was soll ich mir nun denken. Ist es mit meinem Kind besser geworden oder schlechter, dass diese Veränderung notwendig war. Ich bitte Sie nun ebenso höflich wie dringend, mir doch umgehend ausführlich zu berichten, wie es um mein Kind steht. Und zugleich um Mitteilung, zu welchen Besuchszeiten ich zu meinem Kind kommen kann. Wenn es für mich nun auch viel schwerer ist, doch keine Entfernung hält eine Mutter zurück, ihr Kind wieder zu sehen. Nach Ansbach konnte ich freilich leichter.“
Die Strecke von Henfenfeld nach Kaufbeuren beträgt 230 km, mit dem Zug in Kriegszeiten eine kaum überbrückbare Entfernung. Direktor Faltlhauser antwortet ihr am 20. August: „Das Befinden Ihres Kindes hat sich weder etwas gebessert, noch verschlechtert. Der Junge befindet sich fast dauernd in einer ziemlich lebhaften Unruhe, er läuft ziellos umher, er nässt viel ein, seine Sprache ist unartikuliert und schwer verständlich, oft stösst er bellende Laute aus. Ein Urteil über die Zukunft will ich mir noch nicht erlauben, da erst eine längere Beobachtung ein zutreffendes Urteil ergeben kann.“
In Kaufbeuren fordert Faltlhauser alle Berichte an. Er veranlasst bei Erwin eine Enzephalographie (Röntgenaufnahmen des Gehirns) in Vollnarkose und variiert die Medikamentengabe. Faltlhauser korrespondiert mit der Mutter und bittet sie um Geduld. Im Oktober 1942 schreibt er, dass „… die sprachliche Entwicklung kaum Fortschritte gemacht [hat]. Ich hoffe demnächst eine Spielschule einrichten zu können, dann wird sich zeigen, ob überhaupt eine weitere Entwicklung des Kindes möglich ist. Das körperliche Befinden gibt zu Klagen keinen Anlass“.
Ein halbes Jahr später, im Frühjahr 1943, teilt er ihr mit: „Der Junge ist immer noch so lebhaft, zerfahren und nicht fixierbar, dass er in der Beobachtungsklasse nicht gehalten werden konnte. Es ist auch nicht zu erwarten, dass in absehbarer Zeit in dieser Hinsicht eine Besserung eintritt.“
Dauerhafter Pflegefall
Am 14. September 1943 veranlasst Faltlhauser die Verlegung Erwins nach Irsee. Dies ist sein Todesurteil. Direktor Faltlhauser hat entschieden, dass Erwin, der für ihn in die Kategorie „unheilbarer, dauerhafter Pflegefall“ fällt, nicht weiterleben soll.
Am 4. November hat Erwin Geburtstag, er wird fünf Jahre alt. Am 5. November erhält seine Mutter ein Telegramm: „Befinden Ihres Kindes Erwin ernst. Anstalt Irsee.“
Es scheint, als hätte man Erwins Geburtstag noch abgewartet. Womöglich befürchtete man, dass seine Mutter ihn aus diesem Anlass wieder einmal besuchen wollte.
Am 6. November 1943 stirbt Erwin auf der Station von Paul Heichele. Todesursache ist eine beabsichtigte tödliche Medikamentengabe. Erwins Gehirn wird an die Prosektur der Deutschen Forschungsanstalt für Psychiatrie in Eglfing bei München geschickt. Erwin ist eines von 35 Kindern in Irsee, die im Jahr 1943 in der Nebenstelle sterben bzw. umgebracht werden. Seine Leiche wird auf dem Irseer Ortsfriedhof bei St. Stephan beigesetzt.
Autorin: Magdalene Heuvelmann
Abbildungen
Titelfoto: Erwin Leykauf (ca. 1942), Bezirksarchiv Schwaben, BKH Krankenakte Erwin Leykauf, Nr. 12752
Abb. 1: Schreiben von Erwins Mutter an die Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren, Bezirksarchiv Schwaben, BKH Krankenakte Erwin Leykauf, Nr. 12752
Abb. 2: Telegramm vom 5. November 1943 an Erwins Mutter, Bezirksarchiv Schwaben, BKH Krankenakte Erwin Leykauf, Nr. 12752
https://anstalt-irsee.de/wp-content/uploads/2025/06/erwin-leykauf.pdf
Media
Photos
Free thanks to your help
This biography is free to read. If you like the Stolpersteine Guide, we would be glad of a small contribution.
Thanks to Martin Schreyer, Claudia Körner, Anett Humboldt, Peter Hein and 6 more.Stolpersteine nearby
Ella Banehr< 10 m
Alois Bauer< 10 m
Maria Rosa Bechter< 10 m
Rosina Biehler< 10 m
Anna Brieger< 10 m
Josefa Bühler< 10 m
Sources & Imprint
Schwäbisches Bildungszentrum Irsee
Eigenbetrieb des Bezirks Schwaben
Werkleiter: Dr. Stefan Raueiser
Klosterring 4
87660 Irsee