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Gleixner, Josef

Biography of Josef Gleixner

Erinnerungen an JOSEF GLEIXNER (1939–1943)

„… stellte sich dann heraus, dass das Kind nicht ordentlich gedieh.“

Am 2. Oktober 1940 wandte sich der Kemptner Kinderarzt Emil Bahl brieflich an Valentin Faltlhauser, den Direktor der Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren-Irsee. Bahl schilderte seinem Kollegen, dem „lieben Faltlhauser“, den Fall des bereits seit längerer Zeit in seiner Behandlung stehenden Kleinkindes Josef Gleixner.
Josef hatte im Säuglings- und Kleinkindalter zunächst eine schwere Rachitis durchlitten und war anschließend an einer Ohrenentzündung mit septischer Infektion erkrankt: „… immer deutlicher stellte sich dann heraus“, so Bahl, „dass das Kind nicht ordentlich gedieh“. Er überwies Josef deswegen „zur Beobachtung ins [ München-]Schwabinger Krankenhaus“. Dort diagnostizierte der Klinikleiter „eindeutig … Schwachsinn“. Anschließend bat der Kemptner Kinderarzt, den dreijährigen Josef, der mittlerweile „gewalttätig und nicht mehr zu halten“ sei, überweisen zu dürfen. Falls Kaufbeuren nicht infrage komme, möge Faltlhauser eine geeignetere Einrichtung benennen.

In der Kinderfachabteilung

In der Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren-Irsee gab es – wie auch in den Anstalten Eglfing-Haar (bei München) und Ansbach – eine besondere Einrichtung des NS-Staates, nämlich „Kinderfachabteilungen“. Dort wurden Kinder und Jugendliche mit geistigen Behinderungen auf ihre Heil- bzw. Förderbarkeit untersucht. Bei einem positiven Ergebnis, d. h. dem Probanden war testiert worden, später nutzbringende Arbeiten leisten zu können, erfolgte eine medizinische Behandlung oder die Überweisung in eine Fördereinrichtung. Ein negatives Ergebnis hatte in der Regel den Tod zur Folge. Die unverdächtige und eher beschönigende Bezeichnung „Kinderfachabteilung“ diente dabei lediglich der Verschleierung ihrer tatsächlichen Aufgabe, der Kinder-„Euthanasie“. Fraglich ist, ob dem Kinderarzt Bahl diese Funktion der „Kinderfachabteilung“ bekannt war.
Wenige Tage später antwortete Falthauser: „Das Kind kann jederzeit hier aufgenommen werden. Bei der Aufnahme … wären ein ortspolizeiliches Zeugnis, eine Zustimmungserklärung der Eltern und die Lebensmittelabmeldebestätigung vorzulegen.“ Die Stiefmutter brachte Josef Gleixner am 15. Oktober 1942 nach Kaufbeuren. Für die ersten vier Tage von Josefs Aufenthalt bis einschließlich 19. Oktober sind im Krankenblatt kurze Tages- und Nachtberichte des Pflegepersonals überliefert. Alle Einträge zeugen von einem unsauberen, aber keinesfalls gewalttätigen Kind, das dem Personal keine Probleme bereite. Josef wäre ruhig und würde viel schlafen.

In der „Kinderfachabteilung“ wurde der kleine Josef eingehend untersucht. Mittels einer Punktionsnadel wurde ihm aus der Wirbelsäule Rückenmarkflüssigkeit entnommen und zur serologischen Untersuchung nach München geschickt. Außerdem wurde das Gehirn einer Röntgenuntersuchung unterzogen. Faltlhausers abschließende Diagnose lautete Hydrocephalus internus (d. i. Wasserkopf).
Aus der Krankenakte geht jedoch nicht hervor, wie sich diese Diagnose auf die Behandlung auswirkte und welche therapeutischen Maßnahmen eingeleitet wurden. Offenbar galt Josef aber als förderungswürdig, denn er blieb fast ein Jahr in der Kaufbeurer „Kinderfachabteilung“. Während dieser Zeit besuchten ihn seine Eltern und Geschwister mehrmals. Am 14. September 1943 wurde er dann ohne nähere Erklärung „in die Abteilung Irsee verlegt“.

Nur zwei Wochen in Irsee

Die Notizen des Arztes in der Irseer Nebenstelle, Lothar Gärtner, erscheinen dagegen viel negativer: „Vegetiert hilflos, unrein mit Kot u[nd] Urin; in allen Stücken pflege bedürftig; Essen muß eingegeben werden … ohne Sprachäußerung.“ Elf Tage nach der Überstellung nach Irsee, am 25. September, telegrafierte die Anstaltsverwaltung den Eltern: „Befinden Ihres Kindes sehr ernst“. Weitere drei Tage später: „Josef gestorben. Morgen Beerdigung. Kaufbeuren Nr. 70 anrufen.“

Josef Gleixner, vier Jahre und zwei Monate alt, war am 27. September 1943 um 22.00 Uhr in Irsee verstorben. Die Kürze seines Aufenthalts in Irsee und die auf dem Leichenschauschein angegebene Todesursache Lungenentzündung sprechen für seine Ermordung mit dem Schlafmittel Luminal.

Autor: Dietmar Schulze

Abbildungen
Titelbild: Josef Gleixner (um 1942), Historisches Archiv des Bezirkskrankenhauses Kaufbeuren
Abb. 1: Telegramm mit der Todesnachricht, Historisches Archiv des Bezirkskrankenhauses Kaufbeuren
Abb. 2: Auszug aus dem Irseer Toten-Register, Historisches Archiv des Bezirkskrankenhauses Kaufbeuren

https://anstalt-irsee.de/wp-content/uploads/2025/06/namensflyerjosef-gleixner.pdf

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