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Faber, Maria

Biography of Maria Faber

Erinnerungen an MARIA FABER (1894-1944)
(Zu Maria Faber gibt es zwei Texte, jeweils aus der Perspektive von Angehörigen)

Text 1:
Erinnerungen von Angelika Berbuir an ihre Großmutter Maria Faber (1894–1944)

„Auch das Thema Erbkrankheit geistert in der Familie herum.“

Ich habe als Kind meine Mutter gefragt, was denn mit ihrer Mutter gewesen sei. Darauf hat sie eher unwirsch gesagt: „Die ist gestorben, als ich acht war.“ Dann fragte ich: Woran denn? Sie sagte: „Woran man denn so stirbt. Das war kurz vorm Krieg.“ Als Kind habe ich das akzeptiert.
Ich bin 1958 geboren. Meine Geschichte mit meiner Großmutter Maria Faber fing erst an, als ich 16, 17 war. Da habe ich nachgebohrt. Bis meine Mutter mir unter dem Siegel der Verschwiegenheit und unter Tränen anvertraut hat, was wirklich mit der Oma war. Meine Mutter war acht, als ihre Mutter aufgrund einer psychischen Erkrankung dauerhaft in eine Einrichtung kam. Sie hat sie danach nie wieder gesehen. Meine Mutter hat mir dann viele Geschichten erzählt. Und die Akte, die ich Jahre später gelesen habe, hat ihre Erzählungen bestätigt.

Als Familienausflug getarnt

Die Einlieferung in die Psychiatrie in der Nähe war als Familienausflug getarnt. Meine Mutter war dabei. Dann war da ihr Vater und ihre Mutter, die Haushaltshilfe und die beiden Kleinen – ein einjähriges Mädchen und ein Säugling – und ein Taxifahrer. Meine Mutter sagte immer, sie sind vor das Landeskrankenhaus gefahren. Dann sind Pfleger und Ärzte rausgekommen. Das war wohl telefonisch vorbesprochen. Dann muss ihre Mutter das sofort geschnallt haben, was da passiert und ist schreiend abgeführt worden. Meine Mutter hat mir immer gesagt, sie spürt heute noch die Hand des Arztes. Er hat ihr die Hand auf den Kopf gelegt und gesagt: „Du armes Kind.“

Die Diagnose war Schizophrenie. Die Einlieferung war wenige Wochen nach der Geburt des fünften Kindes. Maria Faber war damals 37, sie war schon vorher krank. Die Geburt des vorletzten Kindes war sozusagen ein medizinischer Versuch, durch einen Hormonwechsel die Erkrankung zu stoppen, zu verändern. Warum es dann gleich zwei Kinder wurden, das war dann vielleicht der Lust und Liebe meiner Großeltern zu verdanken. Die Familie war in Meppen zuhause. Die psychiatrische Einrichtung war nicht weit weg. Aber Besuche gab es keine. Aus der Akte ergibt sich, dass mein Großvater regelmäßig gefragt hat: Soll ich meine Frau besuchen? Und ist es angezeigt, die Kinder mitzubringen? Das wurde aber immer abschlägig beschieden.

In diesem Landeskrankenhaus war Maria Faber sechs, sieben Jahre. Dann ist sie in den Harz gekommen. Vom Harz aus wurde sie, ohne dass die Familie es wusste, mit einer Zwischenstation nach Irsee verlegt. Am 5. Dezember 1944 wurde sie in Irsee umgebracht. Das ist der offizielle Eintrag. Ob sie wirklich an dem Tag gestorben ist, weiß man nicht. Danach bekam mein Großvater die Todesnachricht. Er hat seine beiden großen Kinder dann per Brief informiert.

Zu Fuß nach Irsee

Meine Mutter hat damals eine Art Arbeitsdienst in Süddeutschland machen müssen. Dort hat sie diesen Brief bekommen. Dann hat sie sich aufgemacht nachIrsee, Anfang 1945. Es muss Ende Januar gewesen sein. Sie hat mir immer erzählt, wie sie da hingefahren ist. Sie war 21. Eigentlich hat sie sich nicht viel dabei gedacht. Sie hatte irgendeine Sehnsucht. Sie ist vom Bahnhof Kaufbeuren nach Irsee lange gelaufen und kam dort an mit nassen Füßen. Die Schwester Oberin, die sie sprechen wollte, hat sie nicht empfangen. Aber die Nonne, die die Tür öffnete, hat ihr ein paar Socken und eine Suppe gebracht.
Sie hat auf den Brief ihres Vaters verwiesen. Daraufhin haben die Schwestern sie zum Pfarrer geschickt. Der hat den Brief gesehen und meinte: „Sie scheinen aus einer christlichen Familie zu kommen. Ich muss Ihnen sagen, dass das alles nicht mit rechten Dingen zugeht, Ihre Mutter ist umgebracht worden.“ Er hat dann zwei Messdiener aufgetrieben und ist mit meiner Mutter – das hat sie als sehr wertschätzend empfunden – über den Friedhof gegangen. Er hat am Grab meiner Großmutter mit meiner Mutter ein paar traditionelle Beerdigungsgebete gesprochen.
Meine Mutter ist dann zurück zur Pforte und muss einen Aufstand gemacht haben, dass die Nonnen Angst hatten. Sie sagte: „Meine Brüder sind an der Front und Sie machen solche Schweinereien hier.“ Sie muss da wirklich getobt haben. Bei der Gelegenheit hat eine Frau die Tür geöffnet und hat geguckt. Meine Mutter hat immer von stechenden blauen Augen gesprochen. Sie hat behauptet, das müsse die Kneißler gewesen sein. Nach meinem Gefühl hat sie ihre Mutter zwei Mal verloren. Mit acht und mit 21.

Ein paar Dinge meiner Großmutter habe ich noch. Einen ausgeschnittenen Stofffetzen aus einem Turnbeutel, mit dem Namen meiner Mutter, den sie verwahrt hat. Das war ihr wirklich ganz wichtig, weil das die Großmutter gestickt hatte.

Das Thema ist mit Scham besetzt

Als meine Mutter mir all diese Geschichten erzählt hatte, war ich sehr betroffen. Es hat für mich im Verhältnis zu meiner Mutter das eine oder andere erklärt. Ich war traurig. Ich war aber auch neugierig, habe viele Fragen gestellt. Die hat sie dann im Laufe der Jahre alle beantwortet. Aber sie hat immer gesagt, ich darf mit keinem drüber reden. Weil das so schambesetzt war. Deshalb habe ich auch lange gebraucht.
Zunächst habe ich das Thema in die Familie getragen. Ich habe 13 Cousins und Cousinen. Davon ist eine Cousine sowas wie meine Cousinenfreundin. Mit der habe ich darüber geredet. Wir haben allen in der Familie ein Bild von der Großmutter geschickt mit einem Brief. Das hat ein bisschen Chaos in der Familie verursacht. Meine Mutter hat das noch mitgekriegt und fand das zu dem Zeitpunkt in Ordnung. Es war ja noch innerhalb der Familie. Aber dass ich das außerhalb der Familie erzähle, hätte sie als Sakrileg empfunden. Meine Mutter ist 2008 gestorben.

Mein Antrieb war Neugier im Sinne von etwas wissen wollen, verstehen wollen. Weil ich dann auch meine Mutter besser verstanden habe in ihren Ängsten und ihren Glaubenssätzen. Dazu kam bei mir ein Gerechtigkeitsbedürfnis. Und ein Gefühl, das darf man nicht verschweigen, dafür muss man sich nicht schämen.
In der Familie herrscht Scham. Und auch ich habe Scham. Von der Geschichte wissen nicht alle Freunde. Es ist nicht so ein Thema, das ich einfach mit jedem bespreche.
Auch das Thema Erbkrankheit geistert in der Familie herum. Ich weiß, dass die Geschwister meiner Mutter vor dem Heiraten und Kinderkriegen mit ihren Partnern darüber gesprochen haben. Meine Mutter hatte immer Ängste, dass das wiederkommt, dass sie die Veranlagung weitergibt. Aber sie war trotz allem eine lebenslustige, kraftvolle, fröhliche Frau.
Ich war 1998/99 das erste Mal in Irsee. Es war für mich emotional total anstrengend. Ich weiß, dass ich Rotz und Wasser geheult habe.

Brief an die Oma

Vor dem Besuch in Irsee habe ich selbst keine Nachforschungen gemacht. Später habe ich für mich die Akte angefordert. Die hatte ich fast drei Monate und habe sie immer wieder gelesen.
Dann habe ich einen Brief an meine Oma geschrieben und ihn am 1. November 2015 in Irsee vorgelesen. Das war emotional wahnsinnig anstrengend.
Für mich ist diese weibliche Linie geschlossen. Dieser gewaltsame Tod macht ja auch was. Ich habe das Gefühl, dass ich diesen gewaltsamen Tod irgendwie heilen konnte für mich. Das ist sehr spirituell. Ob es wirklich ganz verheilt ist, kann ich nicht sagen. Aber es ist auf einem guten Weg.
Ich habe auch eine Familienaufstellung zum Thema Großmutter und Mutter gemacht. Dabei habe ich gebrüllt. Ich habe eine fremde Wut abgebrüllt. Ich glaube, es ist nicht nur die Wut meiner Mutter gewesen mit der Trauer und den Verletzungen, sondern es ist auch die Wut meiner Großmutter gewesen. Da war die Mutter- und Großmutterwut bei mir und die musste ich rauslassen.
Mir geht es heute gut damit. Gerade dadurch, dass ich eine Familienaufstellung mit meiner Mutter und meiner Großmutter gemacht habe, dass ich auch solche Elemente reingebracht habe, habe ich das Thema für mich durchgearbeitet. Da bin ich mit mir im Reinen. Das ist für mich in Ordnung. Das sind für mich nochmal andere Ebenen der Auseinandersetzung. Ich glaube, dass ich mich auf eine gute spirituelle Art damit auseinandergesetzt habe. Aber da fühle ich mich manchmal ein bisschen alleine in meiner Familie.

Aufgezeichnet von Robert Domes

Abbildungen
Titelbild: Foto privat
Abb. 1: Maria Faber im Kreis der Familie (um 1929), privat
Abb. 2: Marias Ehemann bittet um eine Todesurkunde, Historisches Archiv des Bezirkskrankenhauses Kaufbeuren
Abb. 3: Maria Faber mit zwei ihrer Söhne (ca. 1922/23), privat

https://anstalt-irsee.de/wp-content/uploads/2025/06/namensflyer-maria-faber.pdf

Text 2:
Gedanken von Andreas Faber an seine Großmutter Maria Faber (1894 –1944)

„Mein lieber, lieber Glaubensgott, Dein Geschöpflein ist so unglücklich, das glaubst du nicht. Einmal fehlt es ihm an allem, was es braucht u. dann soll es nicht einmal Sein dürfen.“

Nach 13 leidvollen Jahren in verschiedenen Heil- und Pflegeanstalten wurde meine Großmutter Maria Faber am 5.12.1944 in Irsee von Schwester Pauline getötet. Da mein Großvater aber erst sechs Wochen später vom Tod seiner Frau erfuhr, fand sie ihre letzte Ruhestätte auf dem Irseer Anstaltsfriedhof – ohne Begleitung der Familie und weit entfernt von ihrer Heimat.
Laut Totenschein verstarb sie an Herzschwäche. Es wurden weitere offensichtlich bewusst falsche Informationen zu ihrer Person eingetragen, um die menschenverachtenden Intentionen des NS-Regimes zu legitimieren. So wurden das Geburtsdatum und die Religion (evang. statt kath.) in den Akten verändert mit der fadenscheinigen Begründung, ihre Krankenakte sei nicht verfügbar gewesen. Dabei gab es eine ausdrückliche behördliche Anweisung, dass die Krankenakte den Transportbegleitern immer mitzugeben sei.
Mit der Zuordnung zur evangelischen Religion konnten Verstorbene ohne Widerspruchsmöglichkeit der Kirche oder der Familie eingeäschert werden. Da zur Zeit ihres Todes aber Materialien zur Einäscherung fehlten, musste eine Erdbestattung vorgenommen werden. Dass die Familie überhaupt über den Tod benachrichtigt wurde, war lediglich dem Umstand geschuldet, dass mein Großvater als Selbstzahler direkt informiert werden musste. Seine vollständigen und korrekten Daten konnten nur aus der Krankenakte stammen.

Meinem Großvater war die Bedrohung durch das „Euthanasie“-Programm der Nationalsozialisten bewusst. So schrieb er am 22.09.1941 an Dr. Fontheim, dem Direktor der Heil- und Pflegeanstalt in Liebenburg (Harz): „Ist es möglich, dass sie wo anders hinkommt?“ Wie ich von einem seiner Urenkel erfahren konnte, beschützte Dr. Fontheim jedoch geschickt seine Patienten vor dem Schicksal psychiatrisch Erkrankter.
Das Leben meiner Großmutter und ihre 13 Jahre in Heil- und Pflegeanstalten konnte ich anhand von Erzählungen, Dokumenten und ihrer Krankenakte rekonstruieren.

Frintrop – Bonn

Meine Großmutter Maria Faber wurde als erstes von acht Kindern am 1.04.1894 in Frintrop (Essen) als Tochter des Bäckermeisters Gerhard-Franz te Poel und seiner Ehefrau Sibilla Elisabeth geb. Schleußer geboren. Vier ihrer Geschwister starben bereits im Säuglings- oder Kleinkindalter.
Als meine Großmutter neun Jahre alt war, verlor ihr Vater sein Geschäft und die Familie zog nach Bonn. Die wirtschaftliche Lage aber war so prekär, dass ihre Mutter mit Vorhängen unterteilte Zimmer der Wohnung an Studenten vermietete.
1910 begann meine Großmutter eine Ausbildung zur Sekretärin und arbeitete bis zu ihrer Hochzeit beim Bonner Generalanzeiger. Ihr ältester Sohn, mein Vater, schrieb später zu ihrem Berufsleben, „dass sie in ihrem Beruf die Kurzschrift, damals noch eine Rarität, bereits vollkommen beherrscht haben soll.“

Familiengründung

Meine Großmutter lernte ihren Mann Nikolaus, meinen Großvater, während seines Studiums in Bonn kennen, als er bei ihrer Familie zur Untermiete wohnte. Er hatte schon viel Lebenserfahrung durch eine Schusterlehre bei seinem Vater, einen zweijährigen Rom-Aufenthalt als Priesterkandidat, Grundwehrdienst über fast drei Jahre, dem nebenberuflichen Abitur als Externer 1909 und dem Einsatz im Ersten Weltkrieg einschließlich einer Verletzung.
Noch im Krieg (1917) heirateten die beiden standesamtlich in Bonn und kirchlich in Maria Laach. Direkt nach der Hochzeit trat mein Großvater seinen Referendardienst in Sterkrade an, sodass die frisch Vermählten schon am Anfang ihrer Ehe häufig getrennt lebten.

Langenberg – Duisburg

Als mein Großvater 1919 in Langenberg/Rhld. eine Vertretungsstelle fand, zogen sie in ihre erste gemeinsame Wohnung. In den nächsten Jahren war meine Großmutter aber oft auf sich allein gestellt, da ihr Mann nur vorübergehende Vertretungsstellen an entfernteren Orten erhielt und auch dort wohnte.
Mein Vater wurde 1919 geboren. Im Abstand von zwei Jahren kamen zwei weitere Kinder zur Welt, Benno (1921) und Gisela (1923). Die junge Familie war nicht nur durch die doppelte Haushaltsführung belastet, sondern auch durch die hohe Inflation nach dem Ersten Weltkrieg.
1925 zogen sie nach Duisburg, wo mein Großvater eine längerfristige Vertretungsstelle antrat. Diese Zeit in einer Wohnung in der Innenstadt, fast neben dem Theater, war eine glückliche, da meine Großmutter von Musik und Kultur begeistert war und selbst gut Klavier spielte.
Als mein Großvater 1928 eine Studienratsstelle in Meppen übernehmen konnte, war die Hoffnung groß, endlich von den täglichen Sorgen entlastet zu werden. Jedoch konnte die Familie erst im November 1929 nachziehen, sodass erneut eine Doppelbelastung entstand – verschlimmert durch die Weltwirtschaftskrise Ende der 1920er-Jahre. Für meine Großmutter wurde alles zu viel, sodass sie 1928 erkrankte.
In der Familie interpretierte man dies als Überlastung, und mein Großvater organisierte Aufenthalte bei Verwandten, um seiner Frau zu helfen. Später beschrieb mein Vater den Beginn der Erkrankung so: „Mutter ist erkrankt und stationär behandelt worden, als wir drei ältesten Kinder noch im Schulalter waren. Aus unserer Sicht litt sie unter Angstzuständen und depressiven Verstimmungen, für die wir keine Begründungen wussten. Die Ärzte waren wohl vorwiegend ratlos, drängten auf stationäre Behandlung und ließen unseren Vater an ihrer Ratlosigkeit teilnehmen.“

Meppen

Kurz nach dem Umzug nach Meppen verschlechterte sich der Zustand meiner Großmutter und sie wurde in Bonn stationär behandelt. Dort wurde auch die Diagnose einer unheilbaren Schizophrenie gestellt. Allerdings weckten die Ärzte bei meinen Großeltern eine Hoffnung auf Heilung durch den Rat zu einer weiteren Schwangerschaft. So wurden die jüngsten Geschwister Asta (1930) und Paul Ernst (1931) geboren. Meine Großmutter entwickelte aber erneut Symptome wie einen Vergiftungswahn, der sie dazu zwang, Nahrungsmittel nur noch im Umfeld von Meppen einzukaufen. Außerdem verlangte sie, dass weder ihr Ehemann noch die Kinder die Schule besuchten.
Hochschwanger in einem schizophrenen Schub war sie mehrfach von zu Hause abwesend und im Juni 1930 bei großer Hitze über drei Tage verschollen. Da man Schlimmstes befürchtete, wurden die Schüler des Gymnasiums meines Großvaters und seiner Söhne in eine groß angelegte Suchaktion einbezogen. Dies belastete alle zusätzlich. Schließlich fanden mein Großvater und seine Ältesten die Schwangere völlig entkräftet in einem nahe gelegenen Wald. Sie kam ins Rochus Hospital Telgte und drei Wochen später zur Geburt ihrer Tochter Asta in die Hebammenanstalt nach Osnabrück. Erst nach über drei Monaten war die Familie wieder vereint.
Nach der Geburt des fünften Kindes, Paul Ernst, kam es zu einem erneuten schizophrenen Schub, der zur Einweisung in die Heil- und Pflegeanstalt in Osnabrück führte. Die Umstände der Einweisung mit Polizei und Amtsarzt waren für meine Großmutter und ihre Familie traumatisierend. Als sie die Konsequenzen erkannte, wehrte sie sich lautstark und verzweifelt. Vor dem Haus der Familie spielte sich eine dramatische Szene ab, so dass der Amtsarzt Gisela eine Hand auf den Kopf legte und sagte: „Du armes Kind.“

Osnabrück – Liebenburg – Irsee

Ihr Zustand bei der stationären Aufnahme wurde in ihrer Krankenakte als „traurig-ängstlich“ beschrieben. Sie „fürchtete, dass doch alles zu ihren Ungunsten ausgelegt und falsch gedeutet werde“. Damit begann für sie ein 13 Jahre andauerndes Martyrium. Kontakte zu ihrer Familie bestanden nur schriftlich und in einzelnen Besuchen ihrer Familie.
Mit der Verlegung nach Liebenburg (November 1932) wurden die Besuche der Familie selten, zumal meinem Großvater mitgeteilt wurde: „Sie werden wenig davon haben, ihre Frau zu besuchen. Jedoch haben wir gegen ihren Besuch nichts einzuwenden. Sie können ihrer Frau ihre Lage etwas erleichtern, wenn sie ihr ab und zu ein kleines Paket schicken.“ Oft ging dies aber nicht, da meinem Großvater das Geld dafür fehlte. Als Beamter musste er den Großteil der Unterbringungskosten für seine Frau selbst leisten. Außerdem standen noch Zahlungen für vorangegangene stationäre Aufenthalte aus. Durch Zahlungsverzug wurden zudem finanzielle Hilfen Dritter gestrichen, sodass ein Drittel seines Gehaltes für meine Großmutter aufgewandt werden musste.

Die Krankheit bestimmte in den Folgejahren das Leben meiner Großmutter und ihrer Familie. Eine Rückkehr in die Familie wurde immer unwahrscheinlicher, da wiederholt Phasen verstärkter Symptome auftraten.
Darüber hinaus belastete alle die politische Entwicklung. Ab 1936 standen mein Großvater und der älteste Sohn, mein Vater, im besonderen Fokus der Nazis, da sie sich aus deren Sicht politisch nicht korrekt verhielten. „Man könnte jedoch wenigstens verlangen, dass er [mein Großvater] seine Kinder in unserem Sinne erziehen würde, das ist aber keineswegs der Fall. Diese stehen derartig im Banne kath. Verbände und Bünde, dass mit ihnen nichts anzufangen ist. Für die HJ sind sie nicht zu gebrauchen. Sie sind direkt reaktionär.“ […] „Sein Sohn, der in der HJ-Kapelle tätig war, ist wegen Sabotage des Winterhilfswerkes aus der HJ ausgeschlossen worden“, ist in einer amtlichen Bewertung meines Großvaters zu lesen. Zudem wurde mein Vater als Folge seines oppositionellen Verhaltens 1937 während der Griechisch-Klausur vom Abitur ausgeschlossen. Diese Konsequenzen in Meppen blieben auch meiner Großmutter nicht verborgen und belasteten sie zusätzlich.

Und dann kam der Krieg. Ende April 1942 wurde meiner Großmutter mitgeteilt, dass ihr Sohn Benno am 23.04.1942 in Russland gefallen sei. Diese Nachricht nahm sie, bei „weit fortgeschrittener Erkrankung“, sehr verstörend wahr: „Es ist ja bedauerlich, aber wohl allgemein.“ Als mein Vater sie im Spätherbst 1944 letztmalig besuchte, lag sie im Bett, ohne mit ihm zu kommunizieren. Ahnte sie vielleicht ihr Ende und wollte es ihrem Sohn leichter machen, sich zu verabschieden?

Schon 1943 schrieb Großmutter: „Mein lieber, lieber Glaubensgott, Dein Geschöpflein ist so unglücklich, das glaubst du nicht. Einmal fehlt es ihm an allem, was es braucht u. dann soll es nicht einmal Sein dürfen. … Das ist doch furchtbar, großer Gott u. Vater. Das mußt Du Dir nochmal gut durch den Kopf gehen lassen. Und ich möchte so gerne in den Himmel, jetzt baldigst, ganz rasch, nicht wenn es so schwer ist u. schließlich immer schwerer wird.“ Aber in Liebenburg wurde sie weiterhin vor der „Vernichtung der Ballastexistenzen“ geschützt. Erst am 29. Oktober 1944, mit Auflösung der Anstalt, begann ihr letzter schwerer Weg. Mit dem Zug wurden die verbliebenen 150 Patienten von Liebenburg über Groß Mahner nach Ilten verlegt.
Für die 70 Kilometer brauchten sie acht Tage, wobei sie die letzten fünf Kilometer, dürftigst bekleidet, zu Fuß gehen mussten. Viele haben diesen Weg nicht überlebt oder starben an Flecktyphus. Aber Großmutter wurde am 16.11.1944 von Ilten nach Irsee weiterverlegt, wo sie am 05.12.1944 getötet wurde.

Auch wenn es unseren Eltern nie ganz gelungen ist, uns Nachkommen dieses Familienschicksal und ihr eigenes Erleben zu vermitteln, war meine Großmutter und ihr Schicksal für mich immer Teil der Familiengeschichte. Durch viele Gespräche und meine Recherchen wurde ihr Schicksal für mich immer greifbarer. Ihre Enkel und selbst die Urenkel spüren aber bis heute die Folgen dieser Familientragödie.

Autor: Andreas Faber

Abbildungen
Titelfoto: privat
Abb. 1: Totenschein aus der Krankenakte Maria Faber, Historisches Archiv des Bezirkskrankenhauses Kaufbeuren
Abb. 2: Familie te Poel in Fintrop, ca. 1903, privat
Abb. 3: Familienbild Duisburg, 1928, privat
Abb. 4: Beurteilung meines Großvaters durch politische Ämter in Meppen, Familienarchiv

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