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Familie Gans / Rothschild

Biografie von Willi und Paula Gans

Willi Gans wurde am 28. November 1883 in dem Haus Brotgasse 6 als Sohn von Schlossermeister Cappel Gans und dessen Frau Hedwig geboren. Seine Mutter, eine geborene Rosenthal, stammte aus Geisa in der thüringischen Rhön.
Paula Gans, Willis Ehefrau, war eine geborene Rothschild aus Zella-Mehlis. Willi Gans führte den väterlichen Betrieb bis 1936, als er einsehen musste, dass ihm hier unter den neuen politischen Verhältnissen die wirtschaftliche Existenzgrundlage entzogen war.
In der Bonner Straße 33 in der Kölner Südstadt fanden Willi und Paula Gans für sich, ihre Tochter Ruth und ihren damals 15-jährigen Sohn Ernst zwar eine bescheidene Bleibe und Werkstatt-räume. Aber auch dort war es für einen jüdischen Handwerker kaum mehr möglich, von seiner Arbeit zu leben.
Auf den Erlös aus dem Verkauf des Rotenburger Wohnhauses und der dortigen Werkstattgebäude sowie der (geringen) landwirtschaftlich nutzbaren Ackerflächen hatte die Familie keinen Zugriff, denn die Verkaufserlöse gingen auf „Sperrkonten“.
Am 6. Dezember 1941 wurde die Familie Gans in Köln verhaftet und einen Tag später mit der ersten Deportation deutscher Juden ins Ghetto von Riga verschleppt.
Willi überlebte bis 1944. Seine letzten Tage verbrachte er als Zwangsarbeiter im Armeebekleidungsamt Mühlgraben, einer Außenstelle des Konzentrationslagers Riga-Kaiserwald.
Paula Gans‘ weiteres Schicksal bleibt in seinen Details im Dunkeln, es ist davon auszugehen, dass sie im Ghetto Riga einen gewaltsamen Tod fand.
Aufgrund ihrer Ehe mit Willi Gans war Paula an den Ort zurückgekehrt, in dem ihre Vorfahren väterlicherseits über Generationen gelebt und gewirkt hatten. Paulas Vater Salomon Rothschild stammte aus Rotenburg, 1884/85 hatte er sich als Textilhändler in Zella-Mehlis niedergelassen. Seine Söhne Max und David, Paulas ältere Brüder, bauten dort in der Bahnhofstraße das Textilhaus Rothschild auf. Paulas Rotenburger Stammbaum reichte - wie auch der ihres Ehemannes - über viele Generationen zurück. Nach Moses Moritz Rothschild, einem 1884 in die USA ausgewanderten Cousin Paulas und Wohltäter seiner Heimatstadt in den 1920er Jahren, wurde im Juni Paula Gans‘ Mutter Johanna Rothschild, ihr Bruder David Rothschild und ihre Schwester Sophie verh. Grünewald wurden Mordopfer der Shoah, alle im Ghetto Theresienstadt.
Tochter Ruth (geb. 13.12.1921) und Sohn Ernst (geb. 17.5.1926) überstanden mehrere Arbeits- und Konzentrationslager (u. a. Riga, Stutthof, Buchenwald). Sie waren die einzigen in die Konzentrationslager Deportierten, die für längere Zeit nach Rotenburg zurückkehrten. Ihnen wurde das Haus Kalkröste 4 als Wohnung zugewiesen.
Sie scheiterten aber bei dem Versuch, in ihrer Heimatstadt wieder Fuß zu fassen, und emigrierten deshalb im Juli 1946 in die USA. Dort wohnten sie zunächst in New York, ehe Ruth mit ihrem Ehemann namens Mayer in Cleveland/Ohio eine neue Heimat fand.
Ernst Gans lebte später mit Frau und Sohn in New Jersey; von dort aus führte er einen ihn frustrierenden Kampf um eine angemessene Entschädigung für seine angegriffene Gesundheit, die Folge von über vier Jahren KZ-Haft.
Der damals 18-jährige Ernst Gans kam im November 1944 mit einem Körpergewicht von 42 kg („bekleidet“) ins KZ Buchenwald.
Am 7. April 1946 schrieb Rabbiner Dr. Leopold Neuhaus an den Rotenburger Bürgermeister, Ernst Gans betreffend: "Bei dieser Gelegenheit noch etwas Persönliches. Ein einziger jüdischer Mann namens Gans befindet sich in Rotenburg a. d. Fulda. Er erlernt die Schlosserei in Bebra, so wie sein Vater und Großvater Schlosser in Rotenburg gewesen sind. Sollte es da nicht möglich sein, dem jungen Mann ein Rad zur Verfügung zu stellen, daß er damit nach Bebra fahren könnte? Ich kann mir nicht denken, daß in Rotenburg nicht ein P.G. ist, in dessen Besitz sich ein Fahrrad befindet, das man für Herrn Gans zur Verfügung stellen könnte? Der junge Mann war jahrelang im Konzentrationslager und dieser Wunsch ist wirklich ein bescheidener." In seinem Antwortschreiben geht der Rotenburger Bürgermeister mit keinem Wort auf dieses Anliegen ein.
Johanna Gans, Willis jüngere, 1890 geborene Schwester, war bis Jahresende 1938 zusammen mit ihrer Mutter Hedwig in Rotenburg geblieben. Die in Rotenburg und Nachbarorten im November 1938 besonders massiven antijüdischen Ausschreitungen veranlassten die beiden Frauen dann aber zur Flucht aus ihrer Heimatstadt. In Göttingen fanden sie im Dezember 1938 zunächst Aufnahme in der Familie von Johannas Schwester Rosa (geb. 1888), die den Göttinger Viehhändler Siegfried Meyerstein geheiratet hatte.
Im Mai 1939 wurden Johanna und ihre Mutter Hedwig Gans in das jüdische Gemeindehaus Weender Landstraße 26 eingewiesen. Hier starb die Mutter am 6. April 1942. Der Vater, Cappel Gans, war am 27. September 1938 noch in Rotenburg verstorben, er war der Letzte, der auf dem dortigen Jüdischen Friedhof bestattet wurde.
Johanna Gans wurde am 31. März 1942 nach Hannover-Ahlem verfrachtet und von dort über das Durchgangslager Trawniki weiter in das Warschauer Ghetto. In der zweiten Jahreshälfte wurde sie in das Vernichtungslager Treblinka eingeliefert. Von dort gab es für sie kein Entrinnen.
Karoline Piterson war die ältere Schwester von Hedwig Gans, der Mutter von Willi und Johanna Gans. Sie war am 4. September 1851 im thüringischen Geisa als Karoline Rosenthal zur Welt gekommen.
Um ihre Person und ihren Lebensweg ranken sich wilde Abenteuergeschichten. Laut Großneffen Heinz Meyerstein (1920-2009), in dessen Göttinger Familie sie 1938/39 zusammen mit Hedwig und Johanna Gans für einige Monate Zuflucht fand, hatte Karoline die Bekanntschaft mit einem schwedischen Kapitän namens Piterson gemacht. Bei Nacht und Nebel sei die junge Frau mit dem Skandinavier nach Amerika durchgebrannt.
Viele Jahre später sei sie dann mittellos und völlig verstört bei der Familie ihrer Schwester Hedwig (Gans) in Rotenburg aufgetaucht, die sie aus Barmherzigkeit bei sich aufnahm.
Über ihren genauen zwischenzeitlichen Verbleib und ihr Leben in Amerika habe sie sich zeitlebens in Schweigen gehüllt. Weder in den Jahren nach ihrer reumütigen Rückkehr aus der Fremde noch in späterer Zeit habe die Ausreißerin ihr Geheimnis gelüftet.
Karoline Piterson wurde am 21. Juli 1942 nach Hannover-Ahlem und zwei Tage später ins Ghetto Theresienstadt deportiert. Nach knapp einem Monat Lageraufenthalt, am 21. August 1942, war die Widerstandskraft der 90-Jährigen erloschen.

Der damals 18-jährige Ernst Gans kam im November 1944 mit einem Körpergewicht von 42 kg („bekleidet“) ins KZ Buchenwald.
Am 7. April 1946 schrieb Rabbiner Dr. Leopold Neuhaus an den Rotenburger Bürgermeister, Ernst Gans betreffend: "Bei dieser Gelegenheit noch etwas Persönliches. Ein einziger jüdischer Mann namens Gans befindet sich in Rotenburg a. d. Fulda. Er erlernt die Schlosserei in Bebra, so wie sein Vater und Großvater Schlosser in Rotenburg gewesen sind. Sollte es da nicht möglich sein, dem jungen Mann ein Rad zur Verfügung zu stellen, daß er damit nach Bebra fahren könnte? Ich kann mir nicht denken, daß in Rotenburg nicht ein P.G. ist, in dessen Besitz sich ein Fahrrad befindet, das man für Herrn Gans zur Verfügung stellen könnte? Der junge Mann war jahrelang im Konzentrationslager und dieser Wunsch ist wirklich ein bescheidener." In seinem Antwortschreiben geht der Rotenburger Bürgermeister mit keinem Wort auf dieses Anliegen ein.

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Dr. Heinrich Nuhn
Lärchenweg 2
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Telefon: 06623 2482
E-Mail: h.i.nuhn@gmx.de

Mitarbeit: Karl-Heinz Riemenschneider