Biografie von Adolf und Berni Speier
Adolf Speier wurde am 18.12.1892 als Sohn von Moses und Jettchen Speier (geb. Gans) in dem Haus Altstadtstraße 16 geboren. Seine Mutter war schon im gleichen Haus aufgewachsen. Ein Jahr vor ihm war seine Schwester Hanna geboren, deren Schicksal auf den Seiten 10/11 dargestellt ist.
Berni Speier wurde am 23. Mai 1898 in Erdmannrode geboren. Sie war das siebte von neun Kindern von Herz und Karoline Oppenheim. Ihre Großeltern Meier Oppenheim und Regina geb. Bacharach stammten aus Niederaula.
Schwer verwundet und mit dem Eisernen Kreuz 1. Klasse für seinen tapferen Fronteinsatz dekoriert, kehrte Adolf Speier aus dem Ersten Weltkrieg zurück. 1923 schlossen Adolf und Berni in Rotenburg ihren Ehebund, aus dem die beiden Töchter Loni (geb. 1924) und Ilse (geb. 1932) hervorgingen.
193o verlegten die Speiers ihren Geschäfts- und Wohnsitz in die Breitenstraße 16. Hier konnten sie das gegenüber dem alten Laden in der Schulstraße deutlich erweiterte Warensortiment in zwei großen Schaufenstern zeigen: Manufaktur- und Kurzwaren, Babyausstattung, Berufskleidung.
Für Adolf Speier war Rotenburg mehr als der Ort, in dem er als Kaufmann seinem Broterwerb nachging. In der Freiwilligen Feuerwehr wurde ihm der Posten eines stellvertretenden Führers der Absperrmannschaft übertragen. Seine wichtigste Rolle aber war die des Einsatzleiters der Sanitätskolonne im Roten Kreuz. Sein Geschäft in der Breitenstraße war Anlaufstelle für den Sanitäts- und Rettungsdienst, wie es das Hinweisschild neben der Ladentür ausweist (s. Foto S. 16).
Nach Hitlers Machtübernahme war Adolf Speiers Einsatz nicht mehr erwünscht. Bei den schweren Angriffen auf die Rotenburger Juden im November 1938 wurden Wohnung und Laden geplündert, woraufhin die Familie Zuflucht bei Berni Speiers Schwester Bertha Nussbaum in Hersfeld (Hanfsack 2) suchte. Im April 1939 gingen die Speiers von dort nach Frankfurt (Schwanen-straße 12), in der Hoffnung auf Schutz durch die großstädtische Anonymität.
Am 18. Juni 1939 schrieb Adolf Speier voller Galgenhumor an seine Schwester Bertha Oppenheim, die seit 1936 in Palästina lebte: „Gesund sind wir Gott Lob noch alle, wenn auch das Fett nicht drückt. Ich selbst bin ja noch dick genug, trotzdem ich zirka 20 Pfund abgenommen habe, aber unsere Damen sind schlank geworden, besonders die liebe Berni ist sehr runter.“
Um den beiden Töchtern eine Schulausbildung zu ermöglichen und sie vor Angriffen zu schützen, schickten die Eltern sie ins Jüdische Waisenhaus Röderbergweg 87, das auch die Flucht der Kinder nach Palästina organisierte. Am 25. März 1940 konnten Loni und Ilse Speier mit 14 weiteren jüdischen Mädchen ihre Frankfurter Unterkunft mit dem „Reiseziel“ Jerusalem verlassen, wo sie in der Evelina-de-Rothschild-Mädchen-schule Aufnahme fanden.
Den Eltern gelang die Ausreise, um die sie sich seit Jahren bemüht hatten, nicht mehr. Sie wurden am 16.9.1942 ins Ghetto Theresienstadt deportiert und zwei Jahre später, am 20. Oktober 1944, nach Auschwitz verschleppt und in der Gaskammer ermordet.
Wie eingeschränkt Adolf Speier seine Chancen für ein Leben außerhalb des NS-Machtbereichs gesehen hatte, wird aus seinem letzten Brief (Juni 1941) an einen Neffen in den USA deutlich:
„Ich aber möchte um Himmelswillen keinem zur Last fallen, das könnt Ihr Euch denken, ich möchte nur arbeiten, soweit es mein Arm kann. (…) Ihr müsset auch wissen, daß wir doch unter diesen Umständen, wie es jetzt der Fall ist, auch nicht mehr als die Wäsche und Kleidung mitbringen können, da doch ein Lift oder größere Kisten alles, so gut wie die Überfahrt, in Dollar bezahlt werden muß und wer will dies bezahlen, wir werden unsere Last haben, bis wir das Geld zur Überfahrt nach Amerika bekommen, und nun auch noch Gepäck?"
Ihr Geschäfts- und Wohnhaus Breitenstraße 16 in Rotenburg hatten die Speiers unmittelbar nach den Novemberpogromen 1938 an privat verkauft - mit notariellem Vertrag vom 19. Dezember 1938. Die Stadt Rotenburg machte jedoch ihr Vorkaufsrecht geltend und erwarb im Juni 1939 den Besitz der Familie Speier für den mit dem Erstkäufer vereinbarten Kaufpreis von 13.000 Mark. Das bedeutete aber für die Familie Speier nicht, dass sie über diesen Betrag verfügen konnte. Das Geld wurde - damaliger „Rechtslage“ und Praxis gemäß - auf ein Sperrkonto bei einer Devisenbank eingezahlt.
17.900 RM war der Einheitswert des Hauses 1935. Der tatsächliche Wert von Gebäuden, der sog. Verkehrswert, liegt deutlich über dem Einheitswert, der als Berechnungsgrundlage für Brandversicherung und dergleichen dient. Der Verkaufserlös war also deutlich niedriger als der tatsächliche Wert.
Adolf und Berni Speier waren sich aber schon vor den Novemberpogromen 1938 im Klaren darüber, dass es für sie und ihre Kinder in Deutschland keine Zukunft geben würde. Deshalb waren sie auch zum Abschluss eines Kaufvertrags bereit, der deutliche finanzielle Einbußen beinhaltete.
1944 setzte man einen neuen Einheitswert für den ehemals Speierschen Besitz fest. Der ursprüngliche Einheitswert von 17.900 RM wurde auf 10.700 RM „berichtigt“. Ahnte man schon etwas von etwaigen späteren Nachzahlungen an die um Teile ihres Besitzes geprellten ehemaligen Eigentümer?
Berni Speiers Bruder Moritz Oppenheim (geb. 2.3.1895) war mit einer schweren geistigen und körperlichen Behinderung zur Welt gekommen und lebte bei seinen Eltern in Erdmannrode (jetzt Ortsteil von Schenklengsfeld). Nach deren Tod (Mutter Karoline im Oktober 1921 und Vater Herz Oppenheim im Oktober 1924) nahm Berni Speiers Familie den schwer behinderten Moritz zu sich nach Rotenburg.
Am 1. August 1938 wurde Moritz als Patient in der Landesheil- und Pflegeanstalt in Haina aufgenommen. Am 25. September 1940 wurden alle „Vollju-den“ weisungsgemäß aus den nordhessischen und ostwestfälischen Anstalten nach Gießen gebracht. Von dort wurden dann am 1. Oktober 1940 insgesamt 126 jüdische Behinderte mit den grauen Mordbussen der SS nach Brandenburg an der Havel deportiert, wo sie noch am gleichen Tag in der Gaskammer ermordet wurden, die auf dem Gelände des ehemaligen Zuchthauses (Tarnname: „Landespflegeanstalt“) installiert worden war.
Den Familien wurde aber nicht Brandenburg als Ziel der „Verlegung“, sondern die fiktive „Irrenanstalt Cholm, Post Lublin“ in Ostpolen mitgeteilt. Erst vor wenigen Jahren wurde dieses Betrugsmanöver aufgedeckt, das Nachforschungen zu der Mordaktion vereiteln sollte.
Näheres zu den Familien Speier bzw. Oppenheim und überlebenden Nachkommen in Israel bietet die Webseite www.hassia-judaica.de mit den Kapiteln „Ilse/Yehudith Speier Epstein“ u. „Manfred/Moshe Oppenheim Naveh“.
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Leopold Alexander60 m
Dina Falkenstein90 m
Hanna Speier120 m
Jettchen Gans120 m
Fanny Linz130 m
Paula Pauline Plaut140 m
Quellen & Impressum
Förderkreis Ehemaliges Jüdisches Ritualbad / Jüdisches Museum Rotenburg
Dr. Heinrich Nuhn
Lärchenweg 2
36199 Rotenburg an der Fulda
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E-Mail: h.i.nuhn@gmx.de
Mitarbeit: Karl-Heinz Riemenschneider