Biography of Paul Fränkel
Fast wäre Paul Fränkel in Vergessenheit geraten. Da vom Kinderheim Ingerkingen, in dem er als Behinderter untergebracht war, keine Patientenakten und keine Transportlisten existieren, wurde er auf vielen Opferlisten nicht erfasst. Lediglich auf einem Stein der 1947 auf dem Tuttlinger Friedhof errichteten Gedenkstätte für zivile Opfer des Nationalsozialismus taucht sein Name auf. Vier Steine mit 81 Namen von Ermordeten aus Tuttlingen und den umliegenden Gemeinden sollen dort an die Gräuel des Nationalsozialismus erinnern. Am 11. September 1940 wurde Paul von Ingerkingen nach Grafeneck gebracht und getötet.
Paul Fränkel kam am 7. September 1910 als Sohn des Schuhfabrikarbeiters Josef Fränkel (gest. 17.10.1916) und dessen Ehefrau Magdalena geb. Eyrich (1873-1946) zur Welt. Anfang des 20. Jahrhunderts wurde der Familienname gelegentlich noch „Frenkel“ geschrieben, bevor sich die Schreibweise mit „ä“ durchsetzte. Die Familie Fränkel lebte in einer eigenen Wohnung in der Schaffhauser Straße 16. Sechs Jahre nach der Geburt von Paul starb sein Vater Josef Fränkel. Als Paul eingeschult werden sollte, empfahl der für den Halbwaisen Paul Fränkel eingesetzte Pfleger der Mutter, das Kind in ein Kinderasyl zu geben, da es wohl kaum dem Schulunterricht folgen könne.
Das Kinderasyl Ingerkingen (heute Gemeinde Schemmerhofen, Kreis Biberach) wurde 1912 als Pflege- und Bewahranstalt für „schwachsinnige, epileptische und unheilbar kranke Kinder“ als Außenstelle der Pflegeeinrichtung Heggbach gegründet. Im ehemaligen Zisterzienserinnenkloster Heggbach betrieben seit 1884 Franziskanerinnen des Klosters Reute eine entsprechende Anstalt. Als in den 1910er Jahren der Anteil an Kindern in Heggbach zu groß wurde, beschloss man, für diese eine eigene Einrichtung aufzubauen. Im Ökonomieanwesen der Familie Betz in Ingerkingen wurde 1912 der richtige Ort gefunden. Dorthin wurden auch einige Tuttlinger Kinder geschickt, sobald sie schulpflichtig waren, dem regulären Unterricht aber nicht folgen konnten. So wurde Paul Fränkel, der wohl mit einer Intelligenzminderung geboren worden war und als „schwachsinnig“ bezeichnet wurde, im Juni 1917 nach Ingerkingen gebracht. Das städtische Fürsorgeamt übernahm die Kosten, wobei der Landesfürsorgeverband einen Teil zurückerstattete. Zur Deckung der Kosten wurde auch die Invalidenrente des Vaters herangezogen. 1918 holte die Mutter Paul wieder heim, aber 1920 kehrte er in die Pflegeeinrichtung zurück, wo er dann auch verblieb.
Üblicherweise wechselten die Zöglinge im Alter von 15 bis 16 Jahren vom Kinderasyl Ingerkingen in die Pflegeeinrichtung Heggbach. Dies war im Fall von Paul Fränkel nicht so. Er taucht in den Abrechnungen der städtischen Fürsorge weiterhin unter Ingerkingen auf. Bei den Grafeneck-Prozessen gab die Oberin Maria Tiberia, die mit bürgerlichem Namen Josefine Dreher hieß, an, dass mit dem Kinderasyl 80 Morgen Fläche Land für Ackerbau verbunden war und Kinder, die sich besonders für die Arbeit in der Landwirtschaft eigneten, in Ingerkingen behalten wurden, um die Felder zu bewirtschaften. Paul Fränkel war wohl einer von ihnen.
Im Kinderasyl Ingerkingen lief im Vorfeld des Tötungsprogramms das gleiche Prozedere wie in anderen Pflegeeinrichtungen ab. Die Leitung es Heims wurde im Herbst 1939 aufgefordert, Angaben zu ihren Pfleglingen zu machen und Meldebögen auszufüllen. Dann kamen im Herbst Medizinalrat Dr. Mauthe und ein weiterer Helfer aus dem Ministerium in Stuttgart nach Ingerkingen, um die Krankenakten der Kinder zu sichten. Dies geschah nur sehr oberflächlich, und die etwa 80 Fälle wurden in 45 Minuten durchgesprochen. Kurze Zeit später erhielt die Oberin Mitteilung, welche Kinder sie für eine Verlegung nach Norddeutschland vorbereiten sollte. Die Oberin beschrieb die Abholung: „Wie angemeldet kam dann der Omnibus, der völlig schwarz verhängt war. Mit dem Omnibus kam ein Fahrer und 2 weltliche Pflegerinnen. Die Kinder wurden von dem Fahrer am Oberarm gestempelt (Nummern) und wurden dann von den Pflegerinnen zum Omnibus geführt. Das Verladen ging ruhig und ordentlich vor sich. Kurze Zeit nach Abgang des 1. Transports kamen schon Todesnachrichten, die uns von den Angehörigen der Kinder überbracht wurden.“
Mit diesem Worten schilderte die Oberin beim Grafeneck-Prozess den ersten Transport vom 11. September 1940, bei dem 33 Jungen abgeholt wurden. Unter ihnen war auch Paul Fränkel, der wenige Tage zuvor 30 Jahre alt geworden war. Da keine Transportlisten vorhanden sind, kann dies nur aus den städtischen Fürsorgeunterlagen abgeleitet werden. Dort ist vermerkt, dass Paul am 30. September 1940 in der Tötungsanstalt Sonnenstein bei Pirna, verstorben sei. Die irreführenden Angaben wurden der Familie übermittelt, um den eigentlichen Sachverhalt, den tausendfachen Mord in Grafeneck, zu verschleiern. Da alle Kranken und Behinderten, die aus Württemberg stammten und 1940 getötet wurden, in der Tötungsanstalt Grafeneck starben, ist davon auszugehen, dass auch Paul Fränkel am 11. September 1940 in Ingerkingen abgeholt und am selben Tag in Grafeneck getötet wurde. Insgesamt gab es am 1. Oktober und am 30. Oktober zwei weitere Transporte aus dem Kinderasyl Ingerkingen nach Grafeneck. Letztendlich wurden 19 Erwachsene, 7 Jugendliche und 46 Kinder des Kinderasyls deportiert und getötet.
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