Biography of Nathan Stauber, Gisela Stauber and 4 more
Familie Stauber – Nordstr. 64
Nathan Stauber wurde am 22.7.1895 in Ispas (Bukowina) geboren. Nach fünf Jahren Kriegsgefangenschaft in Sibirien (seit 1916) kam er im Juni 1922 nach Deutschland (Magdeburg). Mittlerweile hatte sich die europäische Landkarte gewaltig verändert. Aus dem Österreicher wurde ein in Rumänien geborener Pole. Im Juli 1924 kam er nach Leipzig. Eigentlich wollte Nathan in Leipzig nur ein Visum beim US-Konsulat beantragen und in die USA auswandern. Ein Ticket für die Passage hatte er schon, musste aber noch auf die Einreisegenehmigung warten, die er jedoch nie erhalten sollte. Um seinen Lebensunterhalt verdienen zu können, wollte Nathan in die Textilbranche einsteigen. Einen dauerhaften Aufenthalt in Leipzig verhinderten die Behörden und begründeten dies mit der schwierigen Arbeitsmarktlage durch eine hohe Arbeitslosigkeit. Nathan bekam immer nur einen auf ein Jahr befristeten Aufenthalt in der Stadt gewährt.
Im Jahr 1925 lernte er Gisela Lifschütz kennen. Sie wurde am 4.1.1902 in Leipzig geboren und stammte aus einer um die Jahrhundertwende eingewanderten Familie aus Brody (Galizien). In Leipzig schaffte es ihr Vater im Textilhandel, einen bescheidenen Wohlstand zu erwirtschaften. Im Jahr 1926 heirateten Gisela und Nathan und am 15.2.1927 kam ihre erste Tochter Bessie zur Welt. Nathan arbeitete zu dieser Zeit im Geschäft von Gisela mit, die einen eigenen Wäscheversand betrieb. Doch auch diese neue familiäre Konstellation verschaffte Nathan keinen Aufenthaltstitel in Leipzig. Genervt von dieser Situation schrieb er im Mai 1927 an das Polizeipräsidium: „Meine Frau hat hier ein eigenes Geschäft. Durch die Geburt unseres Kindchens ist sie aber begreiflicherweise nicht in der Lage, allein die hohe Verantwortung zu tragen. Ganz abgesehen davon, dass es ja doch ein Unding ist, dass sich der Mann von der Frau ernähren lässt, erachte ich es als meine unbedingte Pflicht, dass ich persönlich meinem Hausstand vorstehe, und sie zum wenigsten in der Leitung des Geschäfts unterstütze.“*
In diesen prekären Verhältnissen wuchs die Familie. Am 25.9.1929 wurde Margit geboren, am 15.12.1932 Wolfgang Ingo und am 25.3.1937 Rita.
Eine enge Beziehung hatte Gisela zu ihren jüngeren Geschwistern Jetti und Georg. Beide wanderten bereits 1928 bzw. 1926 in die USA aus. Anfang 1933 bemühte sich Georg, seine Schwester und die Kinder in die USA zu holen. Die Visa waren vorhanden. Da Nathan jedoch der rumänischen Einwanderungsquote unterlag, durfte er nicht mitkommen. Gisela wollte ihren Mann aber nicht zurücklassen. Zudem litt Nathan an Multipler Sklerose und Gisela fühlte sich verpflichtet, sich um ihn zu kümmern.
Für Nathan Stauber war die Lage besonders prekär: Er war nie deutscher Staatsbürger gewesen und durfte offiziell gar nicht in Leipzig leben. Ständig drohte ihm die Ausweisung. Nun verschlechterte sich auch die wirtschaftliche Situation für die Familie und sie musste 1935 die Wohnung in der Nordstraße aufgeben. Nach den Novemberpogromen 1938 intensivierten sie ihre Bemühungen zur Ausreise in die USA. Doch das behördliche Verfahren zog sich in die Länge. Eine illegale Flucht war unmöglich, denn Nathan war schwer von seiner Krankheit gezeichnet. Er könnte kaum noch laufen. Mit Kriegsbeginn 1939 war eine Flucht erst recht nicht mehr möglich.
Nathan (47 Jahre), Gisela Stauber (40 Jahre) und ihre Kinder Bessie (15 Jahre), Margit (12 Jahre), Wolfgang (9 Jahre) und Rita (5 Jahre) wurden 1942 in das besetzte Polen deportiert und ermordet.
*Staatsarchiv Leipzig, 20031 Polizeipräsidium Leipzig PP-S 5241
Recherchen: Matt Lieber (Großneffe von Gisela Stauber)
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