Biography of Oskar Kalter, Claire Kalter and 3 more
Pfaffendorfer Str. 52
Familie Oskar Kalter
Oskar Osias Kalter war eins der sieben Kinder von Hanna und Baruch Kalter (siehe Stolpersteine Lortzingstr. 11) und ihr ältester Sohn. Er wurde am 11.7.1891 in Tarnow geboren. Im Jahr 1913 kam er nach Leipzig. Hier lernte er Klara Claire Hilsenrath kennen, die am 3.10.1900 in Leipzig geboren wurde. Sie heirateten 1920 und aus der Ehe gingen drei Söhne hervor: Manfred Norbert (*21.11.1921), Joachim (*28.1.1923) und Herbert (*12.7.1926).
Oskar Kalter war Kaufmann und Textilhändler.
Die Familie wurde im Zuge der sogenannten „Polenaktion“ am 28.10.1938 nach Polen abgeschoben. Das von Flüchtlingen überfüllte Krakau verließen sie nach einer Woche und gingen in die Heimatstadt der Familie Kalter nach Tarnow. Alle Ausreisebemühungen blieben erfolglos. Mitte Juli 1939 bekam Oskar ein Visum für zwei Monate, um seine Geschäfte in Leipzig aufzulösen. Nachdem sich die Anzeichen eines bevorstehenden Krieges immer mehr verdichteten, kehrte er einen Tag vor Kriegsausbruch zurück nach Tarnow. Nach dem deutschen Überfall auf Polen floh die Familie weiter nach Osten. Sie wurde jedoch von der Wehrmacht eingeholt und zurück nach Tarnow gebracht. Joachim musste in einem SS-Arbeitslager beim Bau militärischer Anlagen Zwangsarbeit leisten. Herbert war an der slowakischen Grenze und Manfred sowie die Eltern blieben zur Zwangsarbeit in Tarnow. Joachim Kalter schreibt unmittelbar nach dem Krieg seine 5-jährige „Odyssee“ durch Ghettos, Arbeits- und Konzentrationslager auf.* So beschreibt er, wie sich ab März 1942 die Situation spürbar änderte. Jetzt entstanden überall Vernichtungslager und es fanden Pogrome statt. Claire Kalter (42 Jahre) wurde im November 1942 nach Belzec deportiert und am 16.11.1942 ermordet. Viele Jahre gingen Joachim und sein Bruder Herbert davon aus, dass Manfred ebenfalls in dieser Zeit in Majdanek ermordet wurde. „Herbie and Joachim honored Manfred, as one of the six million Jews that lost their lives in the Holocaust.”** Erst im Jahr 2009 tauchten Dokumente auf, nachdem Manfred im November 1943 in Tarnow verhaftet wurde und er nach dem Krieg in einem DP-Camp (Lager zur vorübergehenden Unterbringung sogenannter „Displaced Persons“) in Anspach registriert wurde. Trotzdem hörten die beiden Brüder nach 1942 nie wieder etwas von ihm.
Im November 1943 wurden Vater Oskar und Herbert nach Auschwitz deportiert. Während Herbert nach Auschwitz-Monowitz zur Zwangsarbeit in den Fabriken der IG Farben kam, wurde Oskar Kalter (52 Jahre) ermordet.
Im Juli 1944 wurde auch Joachim nach Auschwitz deportiert. Im November 1944 gelang es Herbert, seinen Bruder nach Auschwitz III zu holen. Am 18. Januar 1945 wurden die Brüder auf einen „Todesmarsch“ in das KZ Buchenwald geschickt, wo sie 10 Tage später ankamen. Dann wurden die Brüder in ein Außenlager nach Langenstein bei Halberstadt deportiert. Hier sollten die Menschen durch schwerste Arbeit ermordet werden. Im März 1945 erkrankt Joachim und kam auf die Krankenstation. Als Anfang April 1945 das Lager evakuiert wurde überließ man die Kranken sich ihrem Schicksal. Herbert nutzte die Gelegenheit und legte sich unter die Toten und wartete bis die letzten SS-Kommandos das Lager verließen.
Am 11. April 1945 besetzten die Amerikaner das Lager. Die Brüder schlugen sich mit vielen Hindernissen, so wurden sie noch zweimal durch die Alliierten verhaftet und ins Gefängnis gesteckt, nach Lyon durch, wo Verwandte wohnten.
Von hier schrieb Joachim an seinen Onkel Josef Kalter (Bruder von Oskar – Stolpersteine Schorlemmerstr. 11) am 7.6.1945:
„Ich verstehe insbesondere Dich lb. Josef, Deinen Schmerz darüber von allen Deinen Geschwistern nur Du und Sabine übrig geblieben sind und die übrigen mit der ganzen Familie diesen Barbaren zum Opfer gefallen sind und uns beiden kommt es heute noch wie ein Wunder Gottes vor, den Klauen dieser Unmenschen mit ihren sadistischen Ausrottungsmethoden entronnen zu sein. Du verlangst Details über unsere Erlebnisse der letzten Jahre und möchte ich nur so viel sagen, dass man Bücher darüber schreiben könnte und nachdem man aber gelesen hätte, könnte man es doch nicht glauben, dass überhaupt so etwas im Zeitalter der Zivilisation des 20. Jahrhunderts überhaupt passieren konnte.
[…]
Vielleicht habt Ihr Bilder von Papa, Mutti, Fredi und uns. Wir möchten wenigstens eine Erinnerung haben.“
* Joachim Kalter: Eine jüdische Odyssee – Von Leipzig nach Polen abgeschoben und deutsche Lager überlebt - Ein Bericht 1938-1946, Konstanz, 1997.
** Aussage von Craig Kalter, Sohn von Joachim Kalter
Patenschaft: Maxi Häder und Jule Richter (Leibniz-Gymnasium), Schülerinnen und Schüler der Thomasschule, Familie Craig Kalter
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