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Familie Levie

Biography of Moritz, Rebekka and Richard Levie

Als Moritz Levie am 26. November 1935 mit seiner Frau Rebekka und seinem Sohn Richard Sulzbach für immer verlässt, da ist er bereits siebenundsiebzig Jahre alt. Sie ist um ein Jahr jünger. Der sechsunddreißigjährige Sohn Richard, der mit ihnen im elterlichen Hause lebt und wie sein Vater Kaufmann ist, begleitet die alten Eltern nach Straßburg. Drei Tage nach dem Grenzübertritt melden sie sich in Frankreich an. Aus Moritz wird Maurice und aus Rebekka Rébecca. Drei Monate später sind sie bereits französische Staatsbürger.
Die Abmeldung auf dem Sulzbacher Meldeamt findet sich unter der Rubrik „umgezogen/verzogen“ eingetragen: “am 26. 11. 35 von S[traße] Adolf Hitler Nr. 59 nach Straßburg“. Was auf der Meldekarte als bloßer Umzug erscheint, ist für den in Hüttigweiler geborenen Moritz Levie und seine in Großblittersdorf geborene Frau Rebekka Levie geb. Levÿ ein später, überaus bitterer Gang ins Exil. Fast auf den Tag genau 46 Jahre ist es her, dass die beiden in Illingen aufgebrochen sind, um sich in Sulzbach niederzulassen. Fast ein halbes Jahrhundert lang haben sie in Sulzbach gelebt, hier sind ihre Kinder zur Welt gekommen und zur Schule gegangen, und hier hat die Familie ihr bescheidenes Auskommen im Sulzbacher Einzelhandel gefunden. Die beiden Fotos oben zeigen das Schuhgeschäft „BAZAR“ im Erdgeschoss des Levieschen Hauses. Das erste Foto stammt wohl aus der Zeit um 1930, als die Adresse von Haus und Laden noch Hauptstraße 63 lautet. Eine Osterhasen-Dekoration wirbt in den großen Schaufenstern für den Kauf von Schuhen zum Fest. Auf dem zweiten Foto ist der Ausverkauf des Schuhgeschäfts zu sehen. Vor seinem Eingang bieten Mitglieder der HJ das antisemitische Hetzblatt „Der Stürmer“ zum Kauf an.
Bis 1931 ist die Zahl der in Sulzbach lebenden Jüdinnen und Juden auf 41 angewachsen. In der Regel gehören die Sulzbacher Juden der jüdischen Kultusgemeinde von Saarbrücken an. Die Levies aber fühlen sich immer noch der Synagogengemeinde von Illingen verbunden. Dass jüdisches Leben im Deutschen Reich seit dem Boykott jüdischer Geschäfte am 1. April 1933 durch diskriminierende Gesetze immer weiter eingeschränkt wird, das wird von den saarländischen Juden aufmerksam beobachtet. Aber noch gilt für sie so etwas wie eine gesetzliche Schonfrist. Sie beruht auf dem maßgeblich vom Saarbrücker Rabbiner Rülf mit ausgehandelten Römischen Abkommen. Dieses noch kurz vor der Abstimmung ausgehandelte Abkommen ermöglichte es den im Saargebiet lebenden Juden, für die Dauer eines Jahres nach der Rückgliederung, also bis Ende Februar 1936, ungehindert auszureisen. Und viele Juden verlassen nach der Saarabstimmung das Land, meistens mit dem Ziel Frankreich oder Luxemburg. Auch im Sulzbacher Stadtbild macht sich der Exodus bemerkbar. Am 1. Oktober 1935 gibt es nur noch drei jüdische Einzelhandelsgeschäfte in Sulzbach. Eines davon ist das der Levies.
Nur drei Monate, bevor das Römische Abkommen endet und die Nürnberger Gesetze auch im Saarland Einzug halten, verlassen Moritz, Rebekka und Richard Levie Sulzbach. Es ist ihre Rettung. Moritz Levie stirbt am 19. Mai 1939 80jährig in Straßburg, er hat den Ausbruch des Krieges nicht mehr erlebt. Rebekka Levie und ihr Sohn Richard werden 1939, wie 120.000 andere Einwohner Straßburgs auch, aus der grenznahen Stadt evakuiert. Untergebracht werden sie in Villeurbanne im Departement Rhône. Wie lange sie evakuiert bleiben – als Juden können sie 1940 ja nicht ins besetzte Straßburg zurückkehren - und unter welchen Umständen sie den Krieg und die deutsche Besatzung überlebt haben, ist nicht bekannt. Wir wissen nur, d a s s Rebekka Levie und ihr Sohn überlebt haben. Dass sie nach dem Krieg wieder in ihre frühere Wohnung in der Straßburger rue de Berne zurückgekehrt sind. Und dass sie eine Entschädigungszahlung nach einem Restitutionsprozess erhalten haben. Dass sie als Familie in allen Lebenskrisen beieinander geblieben sind und offenbar fest zusammengehalten haben, das soll sich auch symbolisch in eben jenen drei eng beieinanderliegenden Stolpersteinen zeigen, die hier in Sulzbach an sie erinnern werden.

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Petra Pabst - saarlodria@aol.com