Biography of Hans Venedey
Geboren 21. November 1902 in Luzern.
Letzte Adresse 1933 in Konstanz: Beethovenstraße 11
Venedey stammte aus einer bürgerlichen Juristenfamilie mit langer radikal-demokratischer Tradition. Sein Vater war der hoch geachtete Konstanzer Rechtsanwalt und langjährige badische Landtagsabgeordneter Martin Venedey (1860 - 1934), sein Großvater war Jacob Venedey (1805 - 1871), der sich 1848 als Abgeordneter in der Frankfurter Nationalversammlung für die bürgerlichen Grundrechte wie Pressefreiheit, Versammlungsfreiheit und Gleichheit aller Bürger vor dem Gesetz einsetzte.
Nach dem Abitur an der Zeppelin-Oberrealschule in Konstanz im Jahr 1922 studierte Hans Venedey Rechts- und Staatswissenschaften in Freiburg im Breisgau.
Hans Venedey war verheiratet und hatte eine Tochter (geb. 1941) und einen Sohn (geb. 1946).
Während seines Studiums in Freiburg schloss er sich der Burschenschaft Alemannia an, in der auch sein zwei Jahre jüngerer Bruder Hermann Mitglied war. Als 1925 ein Konvent der Burschenschaft die Unvereinbarkeit von gleichzeitiger Mitgliedschaft in der Burschenschaft und im Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold beschloss, legten die Brüder ihre Bänder und Mützen auf den Tisch und erklärten ihren Austritt aus der Burschen-schaft.
Nach dem Studium trat er als Strafverteidiger in die Anwaltspraxis seines Vaters Martin Venedey in Konstanz ein. Bei der Beerdigung seines Vaters am 22. April 1934, der von 1891 bis 1921 Abgeordneter für die liberale Demokratische Volkspartei im badischen Landtag war, konnten seine beiden Söhne Hans und Hermann nicht anwesend sein, da beide 1933 vor den Nazis geflohen waren. Die Trauerhalle konnte die Zahl der Menschen, die Martin Venedey das letzte Geleit gaben, nicht fassen. Man kann die große Anteilnahme der Bevölkerung auch als einen stillen Protest gegen das NS-Regime werten.
1926 wurde Hans Venedey Mitglied der SPD. Von 1930 bis 1933 war er Mitglied des Konstanzer Gemeinderats. Neben seiner Arbeit in der SPD war Venedey auch Vorsitzender der Eisernen Front in Konstanz. Die Eiserne Front war ein Zusammenschluss verschiedener republiktreuer Organisationen wie SPD, Gewerkschaften und anderer Verbände. Ihr Symbol waren die drei Pfeile, die für den Kampf gegen die Feinde der Demokratie: Monarchisten, Kommunisten und Nationalsozialisten standen. Außerdem war er Mitglied im Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold, einem 1924 in Magdeburg zur Verteidigung der Weimarer Republik gegründeten Bündnis verschiedener demokratischer Organisationen wie SPD, Gewerkschaften und Zentrum.
Zu Beginn der 30er Jahre war die NSDAP zur stärksten Partei in Konstanz geworden. Bei den Reichstagswahlen vom 5. März 1932 erhielt die NSDAP 34,2 % der Stimmen, während die SPD und KPD zusammen nur 20,7 % erhielten; das Zentrum brachte es auf 30,2 %.
Als am 6. März 1933, nach dem Wahlerfolg der NSDAP bei den Reichstagswahlen, einige Nationalsozialisten auf dem Rathaus die Hakenkreuzfahne aufzogen, protes-tierte Venedey am gleichen Tag in einem Schreiben an den parteilosen Oberbürgermeister Otto Moericke: "Bei der roten Fahne mit dem schwarzen Hakenkreuz im weißen Feld... handelt es sich um eine Parteifahne, die keineswegs eine verfassungsmäßige Fahne, sondern ein ausgesprochenes Kampfsymbol einer Partei ist. Dieses Kampfsymbol richtet sich in schärfster Form gegen alle Staatsbürger, die der NSDAP nicht angehören, insbesondere aber gegen alle Republikaner, die in der Stadt Konstanz immerhin noch die Mehrheit bilden. In der Hissung der nationalsozialistischen Fahne liegt eine Herausforderung aller freiheitlich gesinnten Staatsbürger und eine Kränkung unserer jüdischen Mitbürger, da die Fahne das Zeichen des Antisemi-tismus, das Hakenkreuz, enthält." Erst am Abend desselben Tages wurde die Fahne auf Grund einer Verfügung des badischen Staatsministers des Innern wieder vom Dach geholt. In der Sitzung des Stadtrates vom 9. März 1933 rechtfertigte sich OB Moericke damit, dass Widerstand gegen die Hissung der Hakenkreuz-fahne zwecklos gewesen wäre.
Nach einer vorläufigen Regelung des Reichspräsidenten Hindenburg vom 12. März 1933 waren die schwarz-weiß-rote und die Hakenkreuzfahne gemeinsam zu hissen. Durch die Verkündigung des Reichsflaggengesetzes vom 11. April 1935 wurde die Flaggenfrage endgültig entschieden: Schwarz-Weiß-Rot, die Farben des Kaiserreichs, waren hinfort die Reichsfarben, und die Hakenkreuzfahne die National- und Handelsflagge. Damit waren die Farben von Weimar, Schwarz-Rot-Gold, aus der Öffentlichkeit verbannt.
Venedeys linke Gesinnung und sein Protest gegen die Hissung der Hakenkreuzfahne auf dem Rathaus hatte zur Folge, dass er am 14. März 1933 von der Gestapo auf offener Straße verhaftet und im Konstanzer Gefängnis eingesperrt wurde. Nach Intervention seines Vaters Martin Venedey, der Abgeordneter zum badischen Landtag gewesen war, wurde er am 20. April 1933 anlässlich Hitlers Geburtstag entlassen, stand danach aber unter Polizeiaufsicht. Auch im fernen Berlin war die Gestapo mittlerweile auf Hans Venedey aufmerksam geworden. Sein Name steht auf einer reichsweiten Liste von Rechtsanwälten, die KPD-Mitglieder sind oder für die KPD bzw. Rote Hilfe arbeiteten.
Am 21. März 1933 wurde Venedey aus der Liste der beim Landgericht Konstanz zugelassenen Rechtsanwäl-te gelöscht.
Im Juli 1933 erfuhr er von seiner unmittelbar bevorstehenden erneuten Festnahme und flüchtete über Basel nach Paris, wo er sich bis 1934 aufhielt.
Nächste Station seines Exils war dann Zürich, wo er bis 1936 mit seiner späteren Frau wohnte. Da seine Aufenthaltserlaubnis nicht verlängert wurde, über-siedelte Venedey 1936 wieder nach Paris. Hier arbeitete er bis 1939 als Dolmetscher bei einer Regierungskommission für deutsche Flüchtlinge beim franz. Innenministerium. Außerdem war er für die jüdische Auswanderungsorganisation „Hicem" tätig, die sich um Schiffspassagen für Flüchtlinge nach Südameri-ka und Palästina bemühte, und war Mitglied in einer sozialistischen Emigrantenorganisation namens „Concentration", dessen Vorsitzender der öster-reichische Sozialist Julius Deutsch war. Deutsch hatte als General der republikanischen Truppen im spanischen Bürgerkrieg gekämpft.
1938 stellte Venedey bei der deutschen Botschaft in Paris einen Antrag auf Entlassung aus der deutschen Staatsbürgerschaft; damit wurde er staatenlos. Ostern hatte seine spätere Frau Leni eine Fehlgeburt. Im Juni 1939 heiratete er seine langjährige Freundin Leni, geb. Frei, die ihre schweizerische Staatsbürgerschaft behalten konnte, weil sie mit einem Staatenlosen und nicht mit einem Deutschen verheiratet war.
Nach dem Sieg der deutschen Wehrmacht gegen Frankreich im Juni 1940 wurde Venedey verhaftet und zunächst im Norden von Paris in einem Stadion interniert. Danach wurde er im Lager Villerbon bei Blois in der Dordogne im unbesetzten südlichen Teil Frankreichs (Vichy-Regierung) interniert. Dieses wie auch andere Lager im unbesetzten Teil Frankreichs war keine Vernichtungslager, wenngleich die Todesrate auf Grund der schlechten Verpflegung hoch war. In Villerbon z.B. tolerierte das französische Wachpersonal sonntags Familienbesuche. So erhielt auch Venedey Besuche von seiner Frau.
Im Oktober 1942 konnte er mit Hilfe eines bezahlten Fluchthelfers über Lyon in die Schweiz fliehen, wo er zunächst in Genf interniert wurde. Später kam er in das Lager Zürich-Seebach, wo er für ein geringes Entgelt zu Archivarbeiten dienstverpflichtet war. Seine Frau wohnte derweil in Zürich.
In Zürich schloss er sich der 1943 gegründeten Widerstandsgruppe „Bewegung Freies Deutschland" an, in der Antifaschisten, Sozialdemokraten und Kommunisten eine sozialistische Neuordnung Deutschlands nach dem Krieg konzipierten. Auf der 2. Landeskonferenz der Bewegung „Freies Deutschland" am 27. Mai 1945 im Kongresshaus Zürich setzte sich Venedey für ein Bündnis von KPD und SPD ein.
Nach Ende des Krieges kehrte Venedey Anfang August 1945 in seine Heimatstadt Konstanz zurück. Er begann nun, wie vor 1933, sich ein zweites Mal eine bürgerliche Existenz aufzubauen. Am 20. Dezember 1945 erhielt Venedey auf Antrag die deutsche Staatsbürgerschaft zurück. Ende September 1946 wurde er in Konstanz wieder als Rechtsanwalt zugelassen und gründete mit Erwin Keller eine Anwaltskanzlei.
Anfang Oktober 1945 übersiedelte er nach Wiesbaden, weil er von Karl Geiler, dem Ministerpräsident des von der amerikanischen Besatzungsmacht geschaffenen Staates Groß-Hessen am 12. Oktober 1945 zum Innenminister berufen wurde. Groß-Hessen umfasste die Gebiete des Volksstaates Hessen und der preußischen Provinz Hessen-Nassau, aber ohne das rechtsrheinische Rheinhessen.
Als Innenminister wirkte er entscheidend bei der Ausarbeitung einer neuen Verfassung für Hessen mit. Er war sowohl Mitglied im 12-köpfigen Verfassungsaus-schuss der SPD als auch im Beratenden Landesaus-schuss bei der Regierung. Der Landesausschuss legte am 31.3.1946 einen Verfassungsentwurf für Groß-Hessen vor, an dem Venedey maßgeblich beteiligt war. In der Präambel der Verfassung hieß es zunächst: „Hessen ist eine sozialistische und demokratische Republik." Auf Druck der amerikanischen Besatzungs-macht wurde dann das Wort „sozialistisch" durch „parlamentarisch" ersetzt. Mit großer Mehrheit wurde die neue Verfassung am 1.12.1946 in einer Volks-abstimmung angenommen.
Während der Beratungen über die neue Verfassung hatte sich Venedey stets für sozialistische Positionen und ein Zusammengehen von SPD und KPD eingesetzt. Er war davon überzeugt, dass nur eine vereinigte Arbeiterpartei eine friedliche und sozialististische Ent-wicklung Deutsclands möglich mache. Mehrmals wurde er als Ehrengast zu „Einheitsparteitagen" eingeladen. Am 10.03.1947 warb er selbst auf dem Frankfurter Römerberg vor 15.000 Zuhörern für dieses Ziel. Weitere Redner auf dieser Großkundgebung waren Otto Grotewohl und Wilhelm Pieck von der SED aus der sowjetischen Besatzungszone. Im September 1947 nahm er an einer Zentralen Delegiertenkonferenz der Arbeitsgemeinschaften der SED/KPD in Berlin (Ost) teil, die den Zusammenschluss von SPD und KPD in den Westzonen vorantreiben sollte. Venedey berichtete auf dieser Konferenz über die Einheitsbestrebungen in der französischen Zone. Wegen seines Engagements wurde er in die Leitung der Arbeitsgemeinschaft gewählt, der neben 20 Vertretern der SED auch 30 Vertreter der westzonalen Einheitsbewegung angehörten.
Da die SPD unter ihrem Vorsitzenden Kurt Schumacher einen klaren Abgrenzungskurs gegenüber der KPD verfolgte, wurde er am 03.7.1947 aus der SPD „wegen parteischädigenden Verhaltens" ausgeschlossen. Schu-macher begründete den Parteiausschluss gegenüber dem Militärgouverneur der amerikanischen Besatzungs-zone in Deutschland, General Lucius Clay, mit folgenden Worten: "Der gegenwärtige Innenminister von Groß-Hessen, Herr Venedey, ist ... für die Kommunisten und ihre Einheitspartei tätig ... Wir sehen einen Feind in ihm."
Venedey kämpfte nun verstärkt in der französischen Zone Baden für seine politischen Ideen weiter. Seit August 1948 versuchte er unorthodoxe Kommunisten und linke Sozialdemokraten in einer neuen, von ihm gegründeten Partei namens „Freunde der Freiheit" zu sammeln. Er war zuversichtlich, dass die Chancen dafür in Baden mit seinen demokratischen Traditionen besser seien als in Hessen. Er reiste von Landkreis zu Landkreis und versuchte frühere Parteifreunde für diese Idee zu gewinnen, er stieß aber lediglich in Bühl, Lahr und Rastatt auf gewisse Sympathien. Die Ost-West-Spannungen, die im „Kalten Krieg" mündeten (Macht-übernahme der Kommunisten in der Tschechoslowakei, Ungarn und Polen 1948), hatten in den Westzonen die KPD und generell Positionen links von der SPD in Verruf gebracht. Sein Vorhaben scheiterte. Man hielt Venedey im Kreise der SPD zwar für einen aufrichtigen Sozialisten, bedauerte aber zugleich „die Nichtigkeit, der er sich verschrieben hat."
Nach seinen vergeblichen Versuchen in Hessen und Baden, eine Aktionseinheit zwischen Kommunisten und Sozialdemokraten zu schaffen, kehrte Venedey Ende 1948 wieder nach Konstanz zurück und nahm seine Anwaltstätigkeit wieder auf. Unter anderem unterstützte er die Klage von Opfern des NS-Regimes gegen das Land Baden in Entschädigungsfragen, vertrat aber auch Hans Constantin Paulssen, Wehrwirtschaftsführer im Dritten Reich und späterer Leiter der Aluminiumwerek Singen.
Seinen politischen Überzeugungen blieb Venedey nach 1945 treu. Da er nicht mehr SPD-Mitglied war, enga-gierte er sich in einigen der KPD nahe stehenden Orga-nisationen. Im „Demokratischen Kulturbund Deutsch-lands" (Vorsitzender bei seiner Gründung 1951 war der Verleger Ernst Rowohlt) war er bis zum Frühjahr 1957 einer der beiden Vorsitzenden. Auch im „Hauptaus-schuss für Volksbefragung", der 1951 gegen die von Adenauer angestrebte Remilitarisierung der Bundes-republik (Dienststelle Schwerin) kämpfte, war Venedey aktiv.
Venedey war wegen seiner linken Gesinnung Anfang der 50er Jahre zahlreichen Schikanen staatlicher Stellen ausgesetzt. Als er im April 1951 einen Antrag auf Haftentschädigung und Verdienstausfall infolge seiner Emigration stellte, wurde sein Antrag erst 7 (!) Jahre später, am 26.8.1958, mit der Begründung abgelehnt, „dass er die freiheitlich-demokratische Grundordnung im Sinne des Grundgesetzes bekämpft und deswegen … von der Entschädigung ausgeschlossen ist". Fast gleichzeitig wurde auf Veranlassung des Vorstandes des Konstanzer Finanzamtes, Bruno Helmle, eine steuerliche Prüfung seiner Anwaltskanzlei vorgenom-men. Das Ergebnis der Prüfung war ein Bescheid auf Nachzahlung von 5000 DM an das Finanzamt. Offenbar wollte sich Helmle, eingedenk seiner erst 2012 aufgedeckten NS-Vergangenheit, als Verteidiger der neuen demokratischen Ordnung in der Bundesrepublik profilieren. Venedey antwortete dem Finanzamt, dass eine Nachzahlung in dieser Höhe sein beruflicher Ruin wäre. Ob Venedey diese Summe bezahlt hat, lässt sich aus den Akten nicht belegen.
Gegen den Ablehnungsbescheid auf Entschädigung legte Venedey Einspruch ein und bekam vom Landgericht Freiburg am 14.12.1959 eine Entschädigung in Höhe von 15.000 DM zugesprochen.
Im April 1951 beantragte Hans Venedey beim Landratsamt Konstanz einen Reisepass. Sein Name aber stand auf einer „Schwarzen Liste" der westlichen Alliierten, sodass sein Antrag abgelehnt wurde. Den Pass bekam Venedey erst Mitte März 1953.
1955 nahm Venedey an einer Weltfriedenskonferenz in Helsinki teil, auf der sich die sozialistischen Staaten unter Führung der Sowjetunion propagandistisch für friedliche Koexistenz, gegen das atomare Wettrüsten und für den Weltfrieden einsetzten.
1956 unterzeichnete Hans Venedey, zusammen mit seinem Bruder Hermann und anderen Persönlichkeiten der Stadt, das so genannte Konstanzer Manifest, das gegen die Ausrüstung der Bundeswehr mit Atomwaffen protestierte. Anfang der 1960er nahm er mehrmals an Ostermärschen in Konstanz teil, auf denen, wie in vielen anderen Städten, „gegen atomare Kampfmittel jeder Art und jeder Nation in Ost und West" protestiert wurde. Doch in seinen letzten Jahren war Venedey eher ein "resignierter Beobachter der politischen Verhältnisse".
Hans Jakob Venedey starb hochgeachtet am 9. Januar 1969 in Konstanz. Er wurde im Familiengrab der Venedeys auf dem Konstanzer Hauptfriedhof begraben.
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Sources & Imprint
"Stolpersteine für Konstanz – Gegen Vergessen und Intoleranz"
c/o Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschisten
Katrin Brüggemann, 78462 Konstanz, Hussenstraße 27