Biography of Malchen Goldschmidt, Adolf Goldschmidt and 5 more
Obernstr. 26 - späteres „Judendhaus“
Malchen und Adolf Goldschmidt
Adolf Goldschmidt wurde 1879 in Stadthagen geboren. Wie sein Vater betrieb er hier einen Pferdehandel. 1911 heiratete er Malchen Nußbaum, die1878 in Hannover geboren wurde. Die Ehe blieb kinderlos. Adolf kämpfe im Ersten Weltkrieg und erhielt das Frontkämpfer-Ehrenkreuzes.
1927 war er Rottmeister des Amtspfortenrotts.
1938 kaufte Adolf das Haus in der Obernstraße 26, allerdings wurde dies im Juli 1939 eines von zwei „Judenhäusern“ in Stadthagen, in denen die Nationalsozialisten viele Juden unter Anwendung von Zwang einquartierten.
1942 wurde das Ehepaar Goldschmidt in das Warschauer Ghetto deportiert. Seit diesem Zeitpunkt fehlt von ihnen jedes Lebenszeichen. Beide wurden mit Wirkung vom 8. Mai 1945 für tot erklärt.
Mit ihrer Deportation verfiel ihr Haus wie auch ihr gesamtes restliches Vermögen 1942 automatisch dem Deutschen Reich. Nach dem Krieg beantragten ihre Erben die Rückerstattung des entzogenen Hauses, was ihnen auch gewährt wurde.
Erich Stern wurde 1914 in Annen in Westfalen geboren. Nach der Beendigung einer kaufmännischen Lehre und mehreren Arbeitsstationen, zog er 1937 nach Stadthagen in die Obernstraße 26 und begann, als Abteilungsleiter im Kaufhaus Lion in Stadthagen zu arbeiten.
Im November 1938 wurde er mit den anderen jüdischen Stadthägern verhaftet und in das KZ Buchenwald verschleppt. Nach seiner Entlassung im Februar 1939, verrichtete er sechs Monate Zwangsarbeit im Straßenbau, ehe er eine landwirtschaftliche Umschulung absolvierte.
Dank dieser gelang es ihm, 1940 in die Dominikanische Republik auszuwandern.
Dort lebte er wegen fehlender Arbeitsmöglichkeiten von der Unterstützung jüdischer Hilfsorganisationen. 1947 wanderte Erich Stern in die USA aus und starb dort 1993.
Fritz Weinberg wurde 1913 im Kreis Gießen geboren. Der gelernte Schaufensterdekorateur arbeitete ab Mitte 1938 im Kaufhaus Lion in Stadthagen. Wie andere Angestellte des Kaufhauses wohnte er bei der Familie Goldschmidt in der Obernstr. 26. Auch er wurde am 10. November 1938 in das KZ Buchenwald transportiert. Nach seiner Entlassung war er von März 1939 bis zum August 1939 auf dem Hachschara Lehrgut in Polenzwerder bei Eberswalde, wo Juden u.a. auf eine landwirtschaftliche Aufbauarbeit in Palästina vorbereitet wurden. Er reiste dann aber im August nach England aus, wo er kurzzeitig interniert wurde. Im Anschluss diente er mehrere Jahre in der britischen Armee. 1947 heiratete er die Betreiberin eines Kurzwarengeschäfts, in dem er als Verkäufer arbeitete.
Rudolf Weinberg wurde 1922 in Münster geboren. Er war Kaufmannslehrling im Kaufhaus Lion. Im Juni 1938 stellte er einen Antrag auf Erteilung eines Auslandsreisepasses. Vermutlich wanderte er Ende 1938 mit seiner Schwester Bertha in die USA aus.
Herbert Wildau (*1909) machte an einer jüdischen Schule die Mittlere Reife und absolvierte eine kaufmännische Lehre in einem Kaufhaus in Dortmund. Ab Mai 1937 arbeitete er als Abteilungsleiter und erster Verkäufer im Kaufhaus Elias Lion in Stadthagen, wo er im Haus der Familie Goldschmidt, Obernstr. 26, wohnte. Angesichts des zunehmenden Antisemitismus, beendete er 1937 das Arbeitsverhältnis.
Noch bevor das Kaufhaus an Herrmann Hagemeyer verkauft wurde, sah er aufgrund des wachsenden Antisemitismusses im Deutschen Reich keine Möglichkeit mehr, hier eine sichere Existenz zu begründen. Daher beendete er 1937 das Arbeitsverhältnis und wanderte mit seiner Familie dank Hilfe einer jüdischen Organisation nach Argentinien aus. Als Siedler lebten und arbeiteten sie dort in der jüdischen Kolonie Avigdor. 1943 heiratete Herbert Wildau in Mexiko; aus der Ehe stammen drei Kinder. Über sein weiteres Schicksal ist bisher nichts bekannt.
Hermann Wilhelm Heymann (*1914)
Nach einer Anstellung in Sehnde arbeitete der gelernte Kaufmann ab 1937 als Verkäufer im Kaufhaus Elias Lion in Stadthagen und wohnte in der Obernstraße 26.
Anfang April 1937 kündigte er bei Lion, heiratete wenige Tage später in Hildesheim Irma Mayer aus Koblenz und wanderte mit ihr im Mai 1937 nach Ecuador aus. Ein Vetter hatte ihm dort eine fingierte Anstellung besorgt und somit die Auswanderung ermöglicht. Ab 1943 war er in Ecuador als Textilreisender tätig und konnte 1948 sein eigenes Textilgeschäft in Guayaquil eröffnen
Da Hermann das Klima in Ecuador nicht vertrug, kehrte er 1955 mit Frau und dem inzwischen geborenen Sohn Daniel nach Deutschland zurück. Die Familie wohnte in Hannover. 1956 übernahm Hermann ein Viehhandelsgeschäft in Ahlem bei Hannover. 1956/57 erhielt er eine Kapitalentschädigung. Ein Antrag auf Ausgleichszahlungen für Schäden an Körper und Gesundheit wurde 1960 abgelehnt. Im selben Jahr nahm er sich das Leben.
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Sources & Imprint
Förderverein ehemalige Synagoge Stadthagen e.V.
Stadthagen ist bekannt durch seine Bauten der Weserrenaissance, der Blütezeit des Städtchens im Zentrum Schaumburgs. Sie hat sich in der Zeit des Nationalsozialismus weder als Stadt des Widerstands noch des besonders aggressiven Terrors hervorgetan. So kann Stadthagen als stellvertretend für so viele deutsche Städte gelten, in denen jüdische Mitbürger:innen aus der Mitte der Gesellschaft gedrängt wurden. Der wachsende Antisemitismus, Berufsverbote u.ä. Drohungen und Gewalt führten dazu, dass von den 59 Juden und Jüdinnen, die 1933 in Stadthagen lebten bereits die Hälfte bis Ende 1939 emigriert sind. Die übrigen 28 wurden in die s.g. Judenhäuser Obernstraße 26 und Am Mark 6-8 gepfercht. Drei von ihnen starben eines natürlichen Todes. Eine von ihnen, Berta Gellermann, überlebte den Holocaust in Stadthagen. Eine weitere Frau, Irma Rosenfeld, überlebte die KZs und wanderte in die USA aus. Alle anderen wurden ab 1941 in verschiedene Ghettos, Konzentrations- und Vernichtungslager deportiert und dort ermordet.
Sie waren alle Mitbürger:innen dieser Stadt. Sie betreiben Geschäfte, gründeten Familien, gingen zum Markt und spazieren und waren im Schützenverein. Sie verloren alles. In Stadthagen finden sich an den Orten des zuletzt frei gewählten Wohnorts Stolpersteine im Boden eingelassen, die an ihr Schicksal erinnern. Diese Führung folgt neun dieser Wohnorte und erzählt die Geschichte einiger von ihnen. Der Förderverein der ehemaligen Synagoge Stadthagen setzt sich dafür ein, dass ihre Geschichten bewahrt und erzählt werden. Weitere Stolpersteine sowie ausführlichere Informationen zu den einzelnen Biografien, können auf der Website der ehemaligen Synagoge nachgelesen werden.