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Familie Seligmann - Wohnhaus und Praxis

Biography of Dr. Arthur, Emma Susanne, Claus-Dietrich and Susanne Gisela Seligmann

Der Arzt Dr. Arthur Seligmann war in Wurzen ein geachteter Bürger und ein sehr beliebter Allgemeinmediziner. Bereits 1926 finden wir seinen Eintrag im Wurzener Einwohnerbuch.Die ersten beiden Jahre seines Lebens verbrachte Arthur Seligmann in seinem Geburtsort in der Nähe von Cuxhaven. Dorthin waren seine Eltern Dr. Jacob und Mathilde Seligmann mit seinen beiden Schwestern Clara und Erna im Jahr 1890 gezogen. Sie kamen aus der Nähe von Hannover, um hoch im Norden eine Arztpraxis zu gründen. 1893 wurde der kleine Arthur als drittes Kind seiner Eltern in Ilienworth geboren.

Die Eltern waren zum Christentum konvertiert und Arthur wurde einige Tage nach seiner Geburt in der evangelischen Kirche St. Walhadi getauft. Aber schon 1895 starb sein Vater. Mathilde zog vier Wochen später mit ihren drei kleinen Kindern zurück nach Hannover. Es ist zu vermuten, daß sie dort Hilfe aus der Verwandtschaft bekam.
Arthur absolvierte nach der Schulausbildung eine kaufmännische Lehre in einer elektrotechnischen Großfirma und gelangte 1914 nach Spanien. Durch die Wirren des 1. Weltkriegs konnte er nicht zurückkehren.

1914 starb seine Mutter. 1919 begann Arthur in Madrid ein Medizinstudium, kehrte im Herbst nach Deutschland zurück und legte 1924 nach weiteren Semestern an der Universität Leipzig sein Staatsexamen ab.

Hier lernte Arthur Susanne Löwenstein kennen, die Tochter eines Leipziger Bahnhof-Vorstehers. Sie heirateten 1926 in der evangelischen Markuskirche in Leipzig-Reudnitz.
Das junge Paar zog aber bald nach Wurzen um und Arthur Seligmann eröffnete eine eigene Arztpraxis, deren guter Ruf sich in Wurzen schnell verbreitete. Die Wurzenerin M. R. erinnerte sich z.B. an eine Notbehandlung im Kindesalter durch Dr. Seligmann. Sie sprach mit großer Hochachtung davon. Für sein Ansehen spricht auch, dass er sich u.a. mit anderen Kollegen im Wurzener Schützenverein organisierte.

Mit der Geburt der beiden Kinder Claus-Dietrich (1927) und Susanne-Gisela (1929) war die Familie komplett. Seligmanns waren Mitglied der Evangelisch-Lutherischen Gemeinde zu Wurzen und ließen sie auch ihre beiden Kinder im Dom taufen. Bald konnte die Familie eine schöne große Wohnung in der Domgasse 19 beziehen.

Die betagte Wurzenerin M. H. wohnte in ihren Kindertagen auf der gleichen Etage wie Seligmanns. Sie erinnert sich noch gut an die gemeinsame Zeit mit den beiden Kindern und daran, wie sie manchmal in Giselas Kinderzimmer mit Puppen spielten.

Alles änderte sich, als die Nazis 1933 an die Macht kamen und deren antijüdische Gesetze ein normales Leben mehr und mehr unmöglich machten. Dem Arzt war es nur noch erlaubt, jüdische Patienten zu behandeln. Später durfte er gar nicht mehr praktizieren und musste als Heilmittelvertreter seinen Lebensunterhalt verdienen. Immer mehr entwürdigende Verordnungen schränkten das Leben ein. Die Kinder kamen nur noch selten und kurz zum Spielen herunter und waren sehr still. Gisela wurde in ihrer Klasse ausgeschlossen und musste ganz allein auf der letzten Bank sitzen.

In der Progromnacht gegen die Juden am 9. November 1938, als in ganz Deutschland deren Eigentum zerstört und geplündert wurde, versammelte sich der Mob auch vor Seligmanns Wohnhaus. Frau M. H. erinnert sich wieder: „An diesem Abend hatte es geregnet. Später spielte sich ein großer Tumult auch vor den Fenstern der Seligmanns in der Domgasse ab. Ich hörte Schreie, aber die Fensterscheiben wurden nicht eingeworfen. Dietrich und Gisela Seligmann kamen für diese Nacht in die Obhut meiner Mutter.“ Wie alle jüdischen Männer wurde auch Dr. Seligmann in dieser Nacht verhaftet und im Schloß eingesperrt. Der Wurzener Pfarrer Carl Magirius setzte sich unter der gefahr, selbst verhaftet zu werden, für seine Gemeindeglieder ein. Er brachte ihnen Essen unternahm, leider vergeblich, große Anstrengungen, ihre Freilassung zu ermöglichen. Er war ein Vertreter der „Bekennenden Kirche“ und distanzierte sich von den „Deutschen Christen“, die der nationalsozialistischen Ideologie anhingen. Arthur Seligmann wurde mit anderen Wurzener Juden in das KZ Sachsenhausen deportiert. Susanne und den Kindern stand Pfarrer Magirius bei, so gut er konnte.

Am 15.12.1938 kam Arthur mit der Auflage, Deutschland umgehend zu verlassen, aus dem KZ frei. Mit Hilfe des Pfarrers gelang es 1939 zuerst dem 12jährigen Dietrich nach England zu flüchten. Später folgte Mutter Susanne mit der damals 10jährigen Gisela. Schließlich kam auch Arthur über Ecuador und Chile im Juli 1939 in Liverpool an. Eine Kinderzeichnung von Dietrich ist noch erhalten geblieben, sie zeigt das Schloß zu Wurzen.

Nach diesen traumatischen Umständen mussten sich die Seligmanns in England ein neues Leben aufbauen. Nach vielen Hürden gelang es Arthur, wieder als Arzt zu arbeiten. Bis zu seinem Tod im Oktober 1962 war er in London als Schularzt tätig. Susanne (in England nannte man sie Emma) fand Arbeit bei der BBC als Übersetzerin. Sie lebte in London und starb dort im Alter von 75 Jahren.

Dietrich (in England nannte man ihn Claus) studierte Architektur, ging später nach Seattle / USA und war dort an der Universität Professor für Architektur. Er starb 2014 mit 87 Jahren und hinterließ vier Kinder, sechs Enkel und einen Urenkel. Gisela (in England nannte man sie Susanne) studierte Medizin, wie ihr Vater, und arbeitete als Ärztin. Sie ist heute 86 Jahre und lebt in der Nähe von London. Sie hat zwei Töchter und drei Enkel.

Arthurs Schwester Erna Rosenstein, geb. Seligmann überlebte die Schoah nicht. Sie wurde im Dezember 1941 von Hannover aus ins Rigaer Ghetto deportiert und kam dort um. Claras Schicksal ist bisher unbekannt.

Wir sind sehr froh, dass am 8. August 2015 Stolpersteine für die Familie Seligmann verlegt werden konnten.

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