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Emil Rieger

Biografie von Emil Rieger

An seinem 27. Geburtstag war Emil Rieger als politisch Verfolgter in Schutzhaft in den Kasematten des KZ Oberer Kuhberg in Ulm und zog sich in den folgenden neun Monaten eine Krankheit zu, die sein weiteres Leben stark beeinträchtigte und nachhaltig veränderte. Zwei weitere Jahre „Schutzhaft“ im KZ Dachau taten ihr Übriges.

Emil Rieger kam am 11. Oktober 1907 in Tuttlingen als Sohn des Schuhmachers Eugen Rieger und dessen Ehefrau Maria geb. Kunz zur Welt. Seine Mutter stammte aus einer Talheimer Bauernfamilie, sein Vater war aus Tuttlingen und Schuhmacher. Eugen Rieger starb jung an einer Kopfgrippe. Emil wuchs mit drei Geschwistern auf, machte ab Februar 1922 bei der Aktiengesellschaft für Feinmechanik vormals Jetter und Scheerer eine 4-jährige Ausbildung zum Chirurgiemechaniker und wechselte 1928 zur Firma Chiron, wo er bis Mai 1931 beschäftigt war.

Bereits mit 16 Jahren trat er 1929 der KPD bei. Nebenher war er von 1928 bis 1933 Mitarbeiter des Süddeutschen Literaturvertriebs in Stuttgart, eines linken Buchhandels, und verkaufte dessen Publikationen in Tuttlingen. Früh erkannte er die Gefahren, die der erstarkende Nationalsozialismus barg, was ihn zum Leiter der antifaschistischen Organisation in Tuttlingen empfahl. Er ging schon 1932 zu einer politischen Versammlung der NSDAP und versuchte in Diskussionen, die Anwesenden von dem Irrweg „Nationalsozialismus“ abzubringen.

Nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten stand Emil als politisch Andersdenkender auf der Verhaftungsliste der Tuttlinger SA. Einem ersten Verhaftungsversuch im März 1933 konnte er sich durch Flucht entziehen. Ein erneuter Versuch schlug ebenfalls fehl, da er nach Fridingen zur Familie von Fritz Pollmann geflohen war. Schließlich zog es ihn nach Ulm zu Pollmanns Mutter, dann weiter zu politischen Freunden in Reutlingen und Stuttgart. Er wechselte die Aufenthaltsorte schnell, da er niemanden in Gefahr bringen wollte. Deshalb ging er mit Hilfe politischer Freunde aus Singen und mit Unterstützung der Roten Hilfe Zürich illegal in die Schweiz.

Von Mai bis November 1933 tauchte Rieger in Orselina bei Locarno im Kanton Tessin unter. Die Pfarrerswitwe Kienast, die eine kleine alkoholfreie Pension betrieb, ließ ihn einfache Arbeiten verrichten und half ihm dort zu überleben. Im Herbst ging das Saisongeschäft aber deutlich zurück und er bemühte sich um eine andere Arbeit. Da er illegal in die Schweiz eingereist war, hatte er keine Aufenthaltserlaubnis. Da er aber seinen Lebensunterhalt selbst musste, bewarb er sich für Straßenbauarbeiten. Mit dieser Bewerbung flog er auf, und es wurde amtlich, dass er die Grenze illegal überschritten hatte. Am 2. Dezember 1933 wurde er nach Deutschland abgeschoben. Als politisch Verfolgter hätte er zwar Asyl beantragen können, wäre dann aber in einem Internierungslager gelandet, was er auf keinen Fall wollte. Nach seiner Abschiebung war er bei Parteifreunden in Esslingen, wo er kurzzeitig in Haft genommen und dann nach Tuttlingen entlassen wurde.

Wenige Monate nach seiner Rückkehr wurde sein Freund und Jahrgänger Reinhold Rall verhaftet, da er kommunistische Schriften besessen hatte. Er war im Oberamtsgefängnis in Tuttlingen inhaftiert und starb dort in der Nacht vom 5. auf den 6. August 1934 unter ungeklärten Umständen. Am Grab von Reinhold Rall hielt Emil Rieger eine Grabrede und bezeichnete Rall als politischen Freund. Er führte in der Trauerrede aus, „dass wir im Geiste des Verstorbenen weiter leben und kämpfen wollen.“ Wenige Tage danach wurde Emil Rieger erstmals festgenommen, aber wieder auf freien Fuß gesetzt.

Am 8. Oktober 1934 wurde Rieger vom Aerbeitsplatz weg erneut verhaftet. Die Gestapo machte ihm zum Vorwurf, dass er Vorbereitungen zum Hochverrat getroffen habe, ohne dass für diese Anschuldigung stichhaltige Argumente gefunden werden konnten. Am 8. Oktober wurde er verhaftet und ohne Gerichtsverfahren in das KZ Oberer Kuhberg in Ulm in so genannte „Schutzhaft“ überstellt.

Vom 15. Oktober 1934 bis 11. Juli 1935 war er in den Kasematten im Oberen Kuhberg. Dort tropfte Wasser von den Wänden und er musste auf feuchtem Stroh schlafen, was eine rheumatische Entzündung der Wirbelsäule auslöste, die ihn sein weiteres Leben lang beschäftigen sollte.

Nach seiner Entlassung aus dem KZ Dachau arbeitete Rieger bis 1943 als Polier bei der AG für Feinmechanik und betreute das Montieren elektrischer Sterilisatoren. Allerdings machte ihm seine rheumatische Erkrankung immer stärker zu schaffen, und es kam immer wieder zu krankheitsbedingten Ausfällen.

Am 23. Februar 1943 wurde er trotz seiner massiven gesundheitlichen Beschwerden zur Wehrmacht eingezogen, die ihn allerdings nach einem Zusammenbruch im Juli krankheitsbedingt entließ. Im selben Jahr war er zum Kuraufenthalt in Bad Aibling und zur Röntgenbestrahlungen in Krankenhaus Tuttlingen. Seine Beschwerden verschlimmerten sich aber ständig: Er konnten nicht lange stehen und nicht lange sitzen. Am 1. Januar 1944 wurde er als Invalidenrentner mit einer Erwerbsminderung von 70% eingestuft. Hierfür wurde ein ärztliches Gutachten erstellt, in dem seine Einschränkungen beschrieben wurden. Sein Rücken war soweit versteift, dass er sich kaum drehen und bücken konnte. Selbst beim tiefen Atmen hatte er Schmerzen in der Brust.

Trotz seiner gesundheitlichen Probleme wurde Rieger 1944 erneut verhaftet. Nach dem Attentat vom 20. Juli 1944 wurde er acht Tage im Oberamtsgerichtsgefängnis in Tuttlingen inhaftiert.

Beim Kriegsende war er 37 Jahre alt, seine Gesundheit war ruiniert und er suchte neue Perspektiven. Er arbeitete zunächst bei der Aktiengesellschaft für Feinmechanik als Betriebsobmann, musste die Tätigkeit nach vier Monaten Halbtagstätigkeit wieder aufgeben. Dann ließ er sich zum Verwaltungsassistent bei der AOK ausbilden. Dort arbeitete er vom November 1945 bis Oktober 1946 ganztags, dann halbtags bis er Ende Februar die Tätigkeit ganz aufgab.

Schließlich wandte er sich der Kultur zu. Nach einem Gemeinderatsbeschluss wurde er zum Leiter von Luginsland, einer Informationsstelle, die zugleich das Kulturamt der Stadt war, bestimmt. Dieses Kulturzentrum war von den Franzosen initiierte worden und wurde von der Stadtverwaltung betrieben. Neben der Organisation von Konzerten und Ausstellungen, gab es in der Informationsstelle in der Bahnhofstraße auch eine Bibliothek. Nach drei Jahren kam aber das Aus für das Kulturzentrum.

Nachdem die französische Besatzungsmacht wieder Parteien zugelassen hatte, gründete sich am 11. Januar 1946 als erste Partei in Tuttlingen die KPD wieder. In den ersten Gemeinderatswahlen nach dem Krieg im September 1946 errang sie einen Sitz, den der Redakteur Oskar Heuberger innehatte. Als Heuberger im Februar des Folgejahres wegzog, rückte Emil Rieger für ihn in den Gemeinderat nach. Bei der Gemeinderatswahl 1948 errang er ein Mandat für die KPD für sechs Jahre. 1947 wurde ihm der Status als ehemaliger politischer Gefangener von der „Zentralstelle ehemals politisch Gefangener in der französisch besetzten Zone“ zugesprochen und er erhielt einen Ausweis mit der Nr. R139.

Gleichzeitig bemühte sich Rieger, die Tuttlinger Volksbuchhandlung, die von 1924 bis 1933 existiert hatte, wiederzubeleben. Nach mehreren Anläufen hatte er 1950 Erfolg: Er öffnete die Buchhandlung in der Möhringer Straße 12 und verlegte sie kurz darauf in ein Kiosk am Busbahnhof.

1974 wurde Rieger im Krankenhaus Sigmaringen an Harnblasensteinen operiert - eigentlich ein harmloser Eingriff. In Folge der Operation verstarb er aber am 4. Dezember 1974 an Herzversagen aufgrund einer Brustkorbstarre. Dieses Krankheitsbild hing mit seiner KZ-bedingten Erkrankung zusammen und wurde in einem ärztlichen Gutachten als todesursächlich anerkannt.

Nach seinem Tod führten seine Frau und seine Tochter die Buchhandlung weiter. 1983 zogen sie in ein städtisches Gebäude in der Rathausstraße um, wo das Geschäft bis 2024 bestand. Heute befindet sich in diesen Räumen „Stiefels Buchladen“.

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