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Otto Huber

Biografie von Otto Huber

„Ein Opfer des Krieges“ schrieb der Vater von Otto Huber im Jahr 1920 unter eine Mitteilung an die Universität Tübingen, in der er nach einer Rückfrage der Alma Mater diese darüber informierte, dass es sehr fraglich sei, ob sein Sohn das begonnene Studium jemals wieder aufnehmen können würde. Otto Huber erkrankte nicht nur im Ersten Weltkrieg an einem Kriegstrauma, er wurde zudem 1940 von den Nationalsozialisten im Rahmen des Tötungsprogramms T4 in der Vernichtungsanstalt Grafeneck ermordet.

Das Leben des Otto Jakob Huber begann hoffnungsvoll. Er kam am 3. März 1896 als Sohn des städtischen Schrannenmeisters Johann Jakob Huber (1864-1945) und dessen Ehefrau Anna Maria geb. Renner (1862-1914) in Tuttlingen zur Welt. Die Familie lebte zunächst in der Oberen Vorstadt 20 und später in der Möhringer Straße 26. Otto besuchte die Schule, dann die Oberrealschule in Tuttlingen und ging danach ein Jahr auf die Oberrealschule in Stuttgart-Cannstatt, wo er am 30. Juni 1914 das Abitur bestand. Es war zu dieser Zeit noch nicht möglich, die Reifeprüfung, die zum Studium berechtigte, in Tuttlingen abzulegen. Nur wenige seines Jahrgangs schafften das Abitur und noch weniger begannen ein Studium. Im Fall von Otto Huber erstaunt es, da er nicht aus einer Akademikerfamilie stammte. Im Abiturzeugnis ist vermerkt, dass er beabsichtigte sich dem „Volksschullehrerberuf“ zu widmen. Die Zeugnisnoten zeigen, dass er eine Begabung und wohl auch Interesse für geschichtliche und naturwissenschaftliche Fächer hatte. Er schrieb sich im Herbstsemester 1914 an der Universität Tübingen zu einem naturwissenschaftlichen Studium ein.

Ob er das Studium tatsächlich begann, ist nicht gewiss. Denn Otto Huber meldete sich im Herbst 1914 als Kriegsfreiwilliger in den Ersten Weltkrieg und rückte am 18. November 1914 in das württembergische Infanterieregiment 180 ein. Die Bewertungen seiner vorgesetzten Offiziere waren sehr gut und so wurde er Ende 1915 zum Gefreiten und dann im Juni 1916 zum Unteroffizier befördert. Otto wurde mit seinem Regiment in Russland, in Serbien und schließlich in Frankreich eingesetzt. Er nahm an 17 Schlachten und Kämpfen, darunter auch die Schlacht bei Ypern, teil, wie sein Vater voller Stolz in seiner Mitteilung an die Universität Tübingen schrieb. Er war mit einem Eisernen Kreuz II. Klasse ausgezeichnet. Im Mai 1916 war Otto noch 12 Tage auf Heimaturlaub in Tuttlingen, wo ihn die Familie zum letzten Mal gesund sehen konnte.

Dann wurde sein Regiment an die Somme verlegt und er nahm an einer der schwersten Schlachten des Ersten Weltkriegs teil. Mit über einer Million getöteten, verwundeten und vermissten Soldaten war sie die verlustreichste Schlacht an der Westfront während des Ersten Weltkriegs.

Otto Huber wurde im Rahmen dieser Schlacht am 18. August 1916 beim Wald von Delville bei Ginchy im Nordwesten Frankreichs von britischen Soldaten gefangen genommen.
Damit begann die Tragödie im Leben des Otto Huber. Er kehrte am 8. September 1918 - noch vor Kriegsende - im Rahmen eines Gefangenenaustauschs nach Deutschland zurück, da er inzwischen psychisch erkrankt war. Er wurde in Aachen in das Reservelazarett II überstellt. Von dort kam er am 19. September 1918 in das Reservelazarett 1 nach Stuttgart und in das Bürger-Hospital in Stuttgart, von wo aus er in das Reservelazarett Weissenau verlegt wurde.

Als er dort eingeliefert wurde, war er sehr abgemagert und warf sich auf alles Essbare. Er vergrub sich in seinem Bett und schützte sich durch eine Decke. Die Kriegsereignisse beschäftigten ihn weiter und hatten ihn aus der Bahn geworfen. Man kann erahnen, welchen Horror er durch Krieg und Kriegsgefangenschaft erleiden musste, um so zu erkranken.

Wie bei nahezu allen psychisch Erkrankten wurde die Diagnose „Schizophrenie“ gestellt. Vom Reservelazarett kam er am 1. Dezember 1919 direkt in die Heilanstalt Weissenau. Da viele Veteranen mit einem Kriegstrauma von den Schlachtfeldern zurückkehrten, beschloss das Land Württemberg, eine spezielle Abteilung für psychisch erkrankte Kriegsteilnehmer in der Heilanstalt Weissenau bei Ravensburg einzurichten. Dort gab es allerdings kaum Therapiemöglichkeiten. Die Ärzte dokumentierten Ottos Zustand, der wenig Veränderung aufwies. So lebte er die kommenden 21 Jahre in seiner eigenen Welt in seinem Bett in der Heilanstalt Weissenau und konnte nicht mehr gesunden.

Durch ein NS-Gesetz 1934 wurde traumatisierten Soldaten die Einstufung als Kriegsbeschädigte entzogen. Das schuf die Voraussetzung zur Ermordung von Soldaten des Ersten Weltkriegs, die an Kriegstraumata litten. Die Transportlisten zeigen, dass Otto Huber am 27. Mai 1940 von der Heilanstalt Weissenau nach Grafeneck gebracht und ermordet wurde. Otto Huber war einer von 72 männlichen Patienten, die bei diesem Transport von den grauen Bussen abgeholt wurden. Es war der dritte Transport von elf, die zwischen Mai 1940 und März 1941 insgesamt 691 Patientinnen und Patienten der Heilanstalt Weissenau zu ihrer Ermordung brachten.

Tötungsanstalt Grafeneck

Die Trostbriefabteilung von Grafeneck teilte der Familie Huber mit, dass Otto nach Grafeneck verlegt wurde und dort an einer akuten Herzmuskelentzündung mit anschließender Herzschwäche verstorben sei – eine der typischen Falschmeldungen, mit denen versucht wurde, den tausendfachen Mord an Kranken und Behinderten in Grafeneck zu verschleiern. Seine Familie teilte in einer Todesanzeige vom 20. Juni 1940 mit, dass er „nach vielen Leidensjahren“ zur „ewigen Ruhe eingehen durfte“.

Bei der Familie wurde aus Grafeneck angefragt, ob sie Interesse an der Urne habe. Der Vater und die Schwester des Getöteten wollten die Urne in Tuttlingen beisetzen und forderten sie an. Entgegen der NS-Ideologie vertrat die Tuttlinger Friedhofsverwaltung die Ansicht, dass Otto Huber ein Kriegsopfer sei und bestattete ihn im Grab 107 auf dem Ehrenfriedhof. Dieses existiert bis heute.

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