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Katzenellenbogen, Familie

Biografie von Israel Katzenellenbogen, Judith Katzenellenbogen und 4 weitere

Familie Katzenellenbogen - Waldstr. 86 ("Mückenschlösschen")

Judith und Israel Katzenellenbogen stammen aus Vilnius in Litauen. Israel wurde am 18.3.1884 geboren und Judith (geb. Musnik) kam am 21.10.1886 zur Welt. Im Mai 1905 heirateten sie in Eger (Böhmen). Vermutlich in dieser Zeit kamen sie nach Leipzig, denn ihre Kinder wurden alle in Leipzig geboren: Max (*1.2.1906), Vera (*17.2.1909), Salomon "Sami" (*27.6.1912), Rahel (*9.2.1918), Ruth (*17.8.1922). Zweijährig starb Rahel bereits 1920 an einer Vergiftung und wurde auf dem Alten Israelitischen Friedhof beerdigt. In Leipzig lebten auch Judiths Eltern.

Im Jahr 1910 gründete Israel Katzenellenbogen zusammen mit seinem Partner Heinrich Kanner ein Rauchwaren- und Kommissionsgeschäft, das allerdings 1921 wieder aufgegeben wurde. In dieser Zeit zog die Familie als Eigentümer in die damalige Waldstr. 84. Zusammen mit seiner Frau eröffnete Israel K. 1927 eine neue Firma unter seinem Namen als Offene Handelsgesellschaft (OHG).
Die Familie pflegte zwar einige jüdischen Traditionen, war aber ansonsten wenig religiös. Drängender waren in den 1920er Jahren soziale Fragen. Vater Israel verstand sich eher als Kommunist. Auch seine beiden Söhne wurden engagierte Anhänger. Mutter Judith sympathisierte mit der zionistischen Bewegung.
Das soziale Engagement mündete u.a. darin, dass Israel K. zu den Gründern der 1925 gebildeten Gesellschaft "Ort" gehörte, die osteuropäischen Einwanderern bei der Existenzgründung half, denn deren wirtschaftliche Not war oft sehr hoch. Auch Max spielte 1926 eine führende Rolle bei der Gründung des "Bundes jüdischer Pfadfinder" ("Kadimah"). Sami unterstützte mit seinem musikalischen Können (Cello) Wohltätigkeitsveranstaltungen des "Hilfsvereins israelitischer Gewerbetreibende".
Die globale Finanz- und Wirtschaftskrise 1929 erfasste auch Israel Katzenellenbogen. Die wirtschaftliche Lage der Firma hatte sich 1930 bedeutend verschlechtert und finanzielle Verbindlichkeiten konnten nicht mehr erfüllt werden. Auf Grund der Privathaftung des Unternehmens (OHG) wurde auf das Haus in der Waldstraße 1931 eine Hypothek als Sicherheit abgeschlossen und ein Jahr später musste es zwangsverwaltet werden. Im Mai 1933 erfolgte die Zwangsversteigerung.
Zu dieser Zeit befanden sich die Eheleute schon nicht mehr in Leipzig. Judith bereitete sich schon länger auf eine Ausreise nach Palästina vor. Am 3.2.1933 verließ sie mit der 10jährigen Ruth Leipzig. Am 20. März 1933 verließ Israel K. fluchtartig Leipzig, nachdem die Nazis ihm vorwarfen, "Gräuelpropaganda nach England" betrieben zu haben, wie er in einem Brief an seine Frau schrieb. Er versteckte sich noch drei Wochen in Berlin, wo mittlerweile seine beiden Söhne lebten, bevor ihm die Ausreise nach Frankreich gelang. Von Paris aus schrieb er am 24.4.1933 an seine Frau: "Heute aber freue ich mich sehr darüber, dass ich wenigstens hier bin, unerreichbar fern von Hitler und Konsorten, sehe und höre keinen Nazi und lauere nur auf den Augenblick, wo es uns gelingen wird, unsere ganze Familie aus dieser Hölle herauszuführen."* Noch im Frühjahr 1933 gelang ihm die Flucht nach Palästina.
Vera konnte mit ihrem Mann Willy Steinmesser im Frühjahr 1933 nach Paris und ein Jahr später nach Palästina fliehen.
"Sami" saß zu dieser Zeit im Gefängnis in Berlin. Er wurde bereits 1932 verhaftet und wegen Zersetzung der Reichswehr zu zwei Jahren Haft verurteilt. Nach seiner Entlassung Ende 1934 gelang ihm mit Hilfe seiner kommunistischen Freunde die Flucht in die Sowjetunion, wo er am 18.3.1935 ankam. Am Moskauer Konservatorium studierte er Musik. Als "Trotzkist" verhaftet wurde er Opfer der Stalinistischen Säuberungen. Im Sommer 1937 verliert sich seine Spur. Das russische Rote Kreuz teilte 1958 Israel Katzenellenbogen mit, dass "Sami" (27 Jahre) am 29.10.1939 im Gefängnis gestorben sei.
Auch Max verstand sich als Kommunist und engagierte sich in den politischen Kämpfen gegen den Nationalsozialismus und den europäischen Faschismus. Im Frühjahr 1935 floh er nach Prag. Palästina war für ihn keine Option. Im April 1936 schrieb er an seine Eltern: "Das einzige Land, in dem es keine Judenfrage mehr gibt und geben wird, ist das, wo der gute Sami sitzt. Aber auch dieses Land war nur in der Lage, die Judenfrage innerhalb seiner Grenzen zu lösen. Es ist ebenso unmöglich, die leidende Judenheit dorthin zu verfrachten wie nach Palästina. Die Judenfrage kann nur in jedem Lande im Zusammenhang mit der sozialen Frage gelöst werden."* Nahezu folgerichtig ging Max 1937 nach Spanien und beteiligte sich am militärischen Kampf gegen den Franco-Putsch. Im November 1938 brachte man ihn schwer verwundet nach Südfrankreich. Nach der deutschen Besetzung wurde Max (36 Jahre) Opfer der Shoah. Aus dem Lager Drancy wurde er am 14.9.1942 nach Auschwitz deportiert und ermordet.

* Briefsammlung aus den Familienunterlagen

Recherchen: Michael Goldfarb (Sohn von Ruth Katzenellenbogen), Doron Goldfarb (Enkel von Ruth), Achim Beier (AG Stolpersteine)
Patenschaft: Nicole Baumgärtel

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