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Rheinau, ehem.jüd.Gemeinde Freistett

Biografie von Leo Braunschweig

Etwa 1815 waren die Vorfahren von Leo Braunschweig und seinen sieben Geschwistern aus Rheinbischofsheim nach Neufreistett gezogen. Leo ging hier in die Schule. 1914 bis 1918 nahm er am Ersten Weltkrieg teil. Nach seiner Rückkehr wurde er zunächst Teilhaber einer hiesigen Zigarrenfabrik. Bald danach verlegt er sich auf den Zigarrengroßhandel. Sein Betriebskapital wird 1919 für die Steuer auf 10 000 Mark geschätzt. 1919 wird Leo Braunschweig als einer von 24 Mitgliedern zum Gemeindeverordneten gewählt. Im Oktober 1922 ist er dann auch Mitglied im Bürgerausschuss. Im Lamm und im Schwanen diskutierte er mit dem Nazi-Lehrer Dr. Gärtner oft über Politik, bis der Wirt ihn warnte, das lieber zu unterlassen.
Die NS-Judengesetze machten ihm die Ausübung seines Berufs ab 1933 immer schwerer. Juden wurden aus dem öffentlichen Leben immer mehr ausgeschlossen. 1937 wurde ihm die Konzession entzogen. Dann kam die Pogromnacht. Ernst Braunschweig, der zweite Sohn von Leo, erzählt: >In der Pogromnacht 1938 wurden bei uns die Tür und die Fenster eingeschlagen. Ich war dabei, meine Großmutter, die Eltern und mein Bruder Franz. Österreichische SS und welche von der Gestapo Kehl waren bei uns in der Wohnung. Als die SS die Verdiensturkunde von meinem Onkel Siegfried Hammel sah, der im 1. WK gefallen ist, sagte einer spöttisch: „Ach, gab es auch Juden als Soldaten?“<
Vom 10.11. bis 28.12.1938 war Leo Braunschweig im KZ Dachau. In den Unterlagen zum sogenannten „Wiedergutmachungsprozess“ steht: "Auf dem Transport nach und in Kehl wurde er ... bis zur Unkenntlichkeit blutig geschlagen. Nach der Entlassung war er in ärztlicher Behandlung. Auch nach der Rückkehr nach Neufreistett soll er von der Gestapo noch einmal geschlagen worden sein.“ Ein Zeitzeuge: „Leo war nicht mehr der gleiche wie vorher. Er versteckte sich und floh, sobald es ging, heimlich nach Frankreich. Seine Frau musste den Haushalt allein auflösen und folgte ihm später.“ ... Und aus den Akten: „Der Zusammenhang der Misshandlungen in Dachau mit seinem wegen Herzinsuffizienz erfolgten Tod in Paris konnte nicht negiert werden.“

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In der heutigen Stadt Rheinau existierten zwei jüdische Gemeinden. In Rheinbischofsheim beschwerten sich 1737 Straßburger Kaufleute gegen die Konkurrenz jüdischer Kaufleute aus dem Ort beim Grafen von Hanau-Lichtenberg. Juden waren hier Nachweisbar vor 1701 ansässig.
In dem heutigen Freistett wurde 1745 die Stadt Neufreistett gegründet, in deren Gründungsurkunde den Bürger "freie Religionsausübung" zugesichert wird, so dass sich hier gegen entsprechende "Schutzgelder" seither auch Juden niederlassen durften.
Als Begräbnisstätte wurde zunächst der jüdische Friedhof in Kuppenheim genutzt, bis 1817 auf Anordnung der Landesregierung ein Verbandsfriedhof für die Orte Lichtenau, Freistett, Rheinbischofsheim und Bodersweier in Freistett angelegt wurde, auf dem nach 1862 auch eine zeitlang Juden aus Kehl bestatte wurden. Der Friedhof kann nach Absprache mit der Stadtverwaltung besichtigt werden.
Der Bevölkerungsanteil jüdischer Bürger betrug in Neufreistett bis 1925 im Durchschnitt etwa 15 %, was circa 50 Personen entspricht. In Rheinbischofsheim lag er bei etwa 7 %, entsprechend etwa 100 Personen. (Zum Vergleich: Der Anteil katholischer Bürger in beiden Orten betrug in diesem Zeitraum etwa 9 bzw. 3 %.)
1929 kam es zur Eingemeindung von Neufreistett nach Freistett. Da bereits im Zuge der "Judenemanzipation" viele Juden vom Land in die Städte gezogen waren, hatte die Zahl der Gemeindeglieder seither stetig abgenommen. Und als ab 1933 die Ausgrenzung der Juden durch die Nazis jedes Jahr massiver wurde, versuchten immer mehr Juden Deutschland zu verlassen. Wegen dieser Mitgliederabnahme vereinigte sich 1935 die jüdische Gemeinde Neufreistett mit der jüdischen Gemeinde Rheinbischofsheim, und die Synagoge in Neufreistett wurde seither nicht mehr benutzt.