Biografie von Berta und René Hoffmann
Berta und René Hoffmann
Die 1944 in der hessischen Landesheilanstalt Weilmünster um Leben gekommene BERTA HOFFMANN gehört zu der im Nationalsozialismus verfolgten Opfergruppe der Psychiatriepatienten. Wie ihr Leben und das ihres damals siebenjährigen Sohnes RENÉ HOFFMANN zerbrechen, als beide am 25. Januar 1935 aufs Sulzbacher Bürgermeisteramt vorgeladen und für immer voneinander getrennt werden, das hat der Sulzbacher Autor Ludwig Harig, der Klassenkamerad des "kleinen René", später recherchiert und erzählt.
René Hoffmann wächst als einziger Sohn der alleinerziehenden Berta Hoffmann im Sulzbacher Grubenpfad auf. Sein Vater, ein Sulzbacher Stellwerksbeamter, kümmert sich nicht um den Sohn und dessen Mutter. Anders der Vater der Mutter, ein Schreiner, in dessen Haus beide leben. Der Junge liebt den Großvater sehr und nennt ihn seinen "Aba".
Mit dem ersten Schultag habe Renés Unglück angefangen, berichtet Harig in den ersten Sätzen seines wohl berühmtesten Buches "Weh dem, der aus der Reihe tanzt". Und fügt hinzu: "Was ich ihm angetan habe, ist nicht wiedergutzumachen." Detailliert schildert er im ersten Kapitel das systematische Mobbing des kleinen René durch die Erstklässler, denen der französische Name René missfällt und die in seiner Mutter ein "Franzosenliebchen" sehen. Ein Schuljahr später, gut eine Woche nach der Saarabstimmung, werden René und seine Mutter Berta morgens um acht Uhr auf das Sulzbacher Bürgermeisteramt beordert und von einem Polizisten gewaltsam voneinander getrennt. Berta Hoffmann, "im Dorf als Geistesgestörte verschrien", wird vor den Augen ihres Sohnes in die Arrestzelle des Rathauses gesperrt und von dort in die Merziger Nervenklinik gebracht. René wird von dem Polizisten in die nebenan liegende Schule gezerrt und noch am gleichen Vormittag von einem Automobil abgeholt und in ein Waisenhaus nach Holz verbracht.
Mehr als 60 Jahre später trifft Ludwig Harig den "kleinen René" in einer Dachwohnung im Bliesgau wieder. Es ist ein "großer, schwerer Mann mit starker Nase und starkem Kinn, ergraut und braun gebrannt", der ihm die Tür öffnet, seit über 40 Jahren glücklich verheiratet mit einer sogenannten Kriegerwitwe, die zwei Kinder mit in die Ehe gebracht hat. Und er erzählt ihm, was ihm seit der gewaltsamen Trennung von seiner Mutter widerfahren ist. "Sachen (...), die es normalerweise gar nicht gibt": von der zweijährigen Misshandlung "bis aufs Blut" durch eine Schwester im Holzer Waisenhaus, von drei Jahren voller Schläge durch seinen Pflegevater, einem Bauern in Altlay im Hunsrück, von der Bäckerlehre in Cochem und der Grenadierausbildung in Kaiserslautern, vom Kriegseinsatz an der Saar. Letzterer ist für ihn eine Zeit der Befreiung, die Zeit der Peitschenprügel hat endlich ein Ende.
René - für den Wortspieler Harig "der Wiedergeborene" - stirbt 2001 im südlichen Bliesgau und ist auf dem Friedhof in Sitterswald begraben. Er hat überlebt. Seine Mutter Berta nicht. Als mit Kriegsbeginn die grenznahen saarländischen Gebiete evakuiert werden, verteilt man die etwa 900 saarländischen Patienten und Patientinnen der Merziger Nervenklinik auf Heilanstalten rund um die hessische T4-Tötungsanstalt Hadamar. Aus Klinikinsassen werden Opfer. Berta Hoffmann kommt am 1. September 1939 nach Weilmünster. In dieser Anstalt finden etwa 6000 psychisch kranker und behinderter Menschen zwischen 1937 und 1945 den Tod - zwangssterilisiert, durch Entzug von Nahrung und Pflege systematisch unterversorgt, vergiftet durch eine Überdosis Medikamente. Berta Hoffmann stirbt am 16. Mai 1944 im Alter von 43 Jahren. Eine Patientenakte ist nicht erhalten. Wohl aber ein Eintrag im Sektionsbuch. Es nennt als Diagnose "Imbezillität", als Todesursache "Herz- und Kreislaufschwäche".
René und Berta Hoffmann haben jeweils einen Stolperstein im Grubenpfad in Anerkennung und Würdigung ihrer Leidensgeschichte unter der Nazi-Herrschaft. Die Patenschaft für diese beiden Steine übernimmt das Sulzbacher Jugendzentrum JUZ, das am Beispiel des Schicksals von René und Berta Hoffmann in seiner künftigen Jugendarbeit ganz besonders auf die Geschichte der Opfer nationalsozialistischer Gewalt und auf das Phänomen Mobbing eingehen wird.
Mutter und Sohn haben im Haus mit der Hausnummer 11 gelebt. Die Steine wurden auf der gegenüberliegenden Straßenseite auf dem Gehweg verlegt.
Foto: ein altes Klassenfoto - Ludwig Harig (letzte Reihe) - René Hoffmann (erste Reihe Mitte)
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