Biografie von Lieselotte Elikan und Werner De Vries
Arminstraße 3/Höhe Kurt-Neuwald-Platz ... Hier wohnten Lieselotte Elikan und Werner de Vries
Lieselotte Margot Elikan, genannt Lilo, wurde am 7. Mai 1924 in Heidelberg geboren. Die ersten sieben Lebensjahre verbrachte sie in Grötzingen, einem damals selbstän-digen Ort, der heute ein Stadtteil von Karlsruhe ist. Dort lebte sie zusammen mit ihrer Mutter, Helene Elikan, im Haushalt ihrer Großmutter und ihres Stiefgroßvaters, der Vorbeter und Gemeindediener der Grötzinger Synagoge war. Lieselotte hatte eine vier Jahre jüngere Halbschwester, Marianne.
Von Lieselottes Vaters sind lediglich der Name und das Todesdatum bekannt: Willi Lichtenwalder starb im Dezember 1938. Lieselotte Elikan besuchte in Grötzingen zwei Jahre lang die Volksschule, bis sie nach dem Tod ihrer Großmutter Ende des Jahres 1931 mit ihrer Mutter nach Ettlingen zog.
Die Mutter heiratete einen nicht-jüdischen Ofensetzer. Auch Lieselotte war nun in Ettlingen gemeldet, ging aber ab 1932 bis zum Frühjahr 1939 im jüdischen Land-schulheim in Herrlingen nahe Ulm zur Schule. Ihre kleine Schwester Marianne lebte bei Pflegeeltern.
Ende des Jahres 1938 sollte die damals 14-jährige Lieselotte offenbar mit einem Kindertransport ins Ausland gerettet werden. Im Dezember wurde für das Mädchen bei der „Gemeinnützigen Auswanderer-Beratungs-stelle“ in Karlsruhe ein Passantrag für eine Unterbringung in England gestellt. Der Pass wurde jedoch nie abgeholt, er liegt noch heute im Archiv.
Nachdem das Landschulheim in Herrlingen im März 1939 zwangsweise geschlossen worden war, lebte Lieselotte vermutlich vorübergehend bei ihrer Mutter, die sich inzwischen von ihrem Mann getrennt hatte und nach Karlsruhe gezogen war. Hier war Lieselotte jedenfalls gemeldet, als sie am 26. Mai 1939 im Heim „Isenburg“ eine hauswirtschaftliche oder pflegerische Ausbildung begann.
Nach zweijährigem Aufenthalt verließ Lieselotte im Sommer 1941 das Heim in Neu-Isenburg und nahm eine Stelle im Israelitischen Krankenhaus in der Gagernstraße 36 in Frankfurt an. Dort herrschten nach der Zusammenlegung mit dem Krankenhaus Röderbergweg 97 und der Einrichtung einer zusätzlichen Abteilung für Alte und Sieche große Enge und Not. Nach den Tagebucheintragungen ihrer Halbschwester Marianne arbeitete Lieselotte in Frankfurt als Krankenschwester. Im Israelitischen Krankenhaus lernte sie Werner de Vries kennen. Am 5. Dezember 1941 ging sie mit ihm in seine Heimatstadt Gelsenkirchen. Ihre letzte Adresse dort lautete Karl-Laforce-Straße 3a (Heute Arminstraße, die damalige Bebauung existiert heute nicht mehr.)
Am 27. Januar 1942 wurde Lieselotte Elikan zusammen mit Werner de Vries und dessen Familie deportiert. Am Vortag hatte man sie zur Ausstellungshalle auf dem Wildenbruchplatz in Gelsenkirchen gebracht, dem Sammelort für die zur Deportationen vorgesehenen Menschen.
Von dort schrieben sie eine letzte Postkarte: " Liebe Marianne!
Ein letztes Lebewohl von der Ausstellungshalle aus, wo wir gesammelt wurden, senden Dir Werner und Lilo. Morgen, Donnerstag 27ten geht’s vom Bahnhof ab. Wahrscheinlich nach Riga, Vielleicht sehen wir uns dort wieder, sonst sind wir gesund und munter. Viele Grüße noch mal, Werner. Lieselotte fügte hinzu:
„Schwesterchen, [sei] nicht böse, dass ich [vorher] keinen Bescheid gab. Sei glücklich dass Du noch zu Hause bist. Ich kann doch nicht in Riga die Verantwortung übernehmen wenn Du dabei bist. Dazu bin ich zu jung. Lebe wohl, lass es Dir gut gehen. Innige Küsse Lilo.“
Am Morgen des 27. Januar um drei Uhr wurden Lieselotte Elikan und Werner de Vries am Gelsenkichener Güterbahnhof in einen Waggon verladen. Der Transport bestand zunächst aus rund 500 Personen. Von Gelsenkirchen führte die Route über Dortmund, Bielefeld und Hannover - wo jweils weitere Menschen in den Zug gezwungen wurden - mit schließlich 1000 Seelen zum Bahnhof Riga in Lettland. Es war Winter und es herrschten eisige Temperaturen von 30 Grad unter Null, die Wagen waren unbeheizt. Die Eingesperrten verfügten weder über Wasser noch über sonstige Verpflegung. Lieselotte Elikan starb im Dezember 1944 im Konzentrationslager Stutthof, Werner de Vries überlebte und kehrte nach Gelsenkirchen zurück.
Den Leidensweg von Lieselotte Elikan nach der Deportation aus Gelsenkirchen deutet ein Brief an, den Werner de Vries am 8. Juli 1946 an Lieselottes Schwester, Marianne Elikan, schrieb:
Liebe Marianne,
Heute am 8ten Juli kam mein Gelsenkirchener Schulkamerad Joseph Ippel zu mir und zeigte mir Deinen lb. [lieben] Brief. Ich war sehr überrascht, denn ich hatte nicht geglaubt, dass Du, lb. Marianne, noch lebst. Ich bin sehr, sehr froh, von Dir ein Lebenszeichen zu bekommen; leider, leider habe [ich] von Lilo seit fast 2 Jahren nichts mehr gehört. Wir kamen am 20ten Januar 1942 nach Riga, wo Lilo und ich im Truppenwirtschaftslager der Waffen SS kaserniert wurden. Lilo kam in die Marke-tenderei [Küche oder Verpflegungsstation], wo sie es sehr gut hatte, und ich in die Autoschlosserei, als Autoschlosser und Uhrmacher. Wir hatten es beide verhältnismäßig gut, waren nie krank und hatten immer zu essen.
Im Oktober 44 wurde Riga von den Russen bedroht und geräumt. Mit dem letzten Schiff verließen wir Riga und kamen nach Danzig-Stutthof, wo wir zum ersten Mal getrennt wurden. Es war ein großes Lager von 40000 Menschen. Ich schmuggelte noch ein Briefchen ins Frauenlager, worin ich Lilo riet, sich möglich[st] schnell kasernieren zu lassen, sehen konnten wir uns ganz selten und dann nur von weitem. Ich wurde dann nach Danzig in eine große U-Boot Werft abkommandiert.
Als die Russen dann Danzig stürmten, trieb man uns nach Lauenburg in Pommern, wo wir dann am 10ten März 1945 von den Russen befreit wurden. Leider lebten nicht mehr viel[e] von uns. Ich hoffte immer noch mal Lilo irgendwo zu treffen oder irgendeine Bekannte von ihr, aber es war vergebens. Es war keine Frau von Danzig-Stutthof zu treffen. 3 Monate wartete ich in Lauenburg, da dort fast alles von Danzig kam, aber es war keine bekannte Frau dabei. Dann fuhr ich nach Gelsenkirchen, da ich mit Lilo ausgemacht hatte, wenn wir getrennt werden und leben bleiben, treffen wir uns in Gelsenkirchen wieder, aber nach so langer Zeit, habe [ich] alle Hoffnung auf ein Wiedersehen aufgegeben. Auch meine Eltern, meine Brüder mit Frauen sind nicht mehr zurückgekehrt. Wo bist Du während der Jahre gewesen? Hast Du noch ein Bild von Lilo? Es wäre mir eine große Freude, wenn ich wenigstens ein Bild von ihr hätte [...]
Lieselottes Mutter, Helene Elikan, war unter den badischen Juden, die am 22. Oktober 1940 in das französische Lager Gurs am Rande der Pyrenäen verschleppt wurden. Die weiteren Stationen ihres Leidenswegs waren das Lager Rivesaltes unweit von Perpignan und das Sammellager Drancy nordöstlich von Paris. Von dort wurde Helene Elikan im Frühsommer 1942 in das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz deportiert, wo sie ums Leben kam. Marianne Elikan wurde im Juli 1942 von Trier aus in das Ghetto Theresienstadt deportiert. Sie war damals erst 14 Jahre alt und ohne begleitende Angehörige. Marianne Elikan überlebte in Theresienstadt. Sie wohnt heute im Saarland.
Deniz Adar, Melike Demirbag, Elisa Dubina, Laura Geiling, Dominik Gruhn, Kevin Hackbarth, Alina Hollmann, Jennifer Islam, Oliver Karski, Alexander Roßbegalle, Nursema Sen, Yudum Sever, Thu Hang Tran, Sally Uwuru, Sarah Zander haben mit Lehrer Alfons Schindler (Kurs Geschichte/Deutsch der Stufe 9 des Schalker Gymnasiums) die Patenschaft für den Stolperstein übernommen, der an Lieselotte Margot Elikan erinnert.
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