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Rabbiner Dr. Siegfried Galliner

Biografie von Siegfried Galliner

Siegfried Galliner, einer der Söhne des Kantors und Lehrers Jonas Galliner und dessen Ehefrau Lina, geborene Pianikowski, geboren am 25. Januar 1875 in Zinten (Kornewo), Ostpreußen war zwischen Mai 1914 und seiner Flucht nach England im Jahr 1939 Rabbiner in Gelsenkirchen. Das kinderlose Ehepaar Siegfried und Rose Galliner, geb. Stern, geboren in Königshütte (Oberschlesien) wohnte zuletzt an der Munckelstr. 38.

Nach dem Besuch des Friederich-Wilhelm Gymnasiums in Posen studierte Siegfried Galliner zwischen 1895-1903 an der Universität Berlin und dem Rabbinerseminar Philosophie, Sprachen und Literaturgeschichte. Er wurde für seine Dissertation „Saadia Al-fajjumi’s arabische Psalmenübersetzung und Commentar (Psalm 73-89)“ am 6. März 1902 in Erlangen promoviert. Er erhielt seine Rabbinische Ordination (Semicha) und war dann um 1903 als Lehrer an der Religionsschule Adass Jisroel Berlin. Von 1904 bis 1914 war er stellvertretender Rabbiner an der konservativen Synagoge, Prediger und Religionslehrer in Beuthen (Bytom) in Oberschlesien. Er war Vorsitzender im Verein für jüdische Geschichte und Literatur in Beuthen; Mitglied im Verband der jüdischen Literaturvereine Oberschlesiens, ab 1912 Mitglied im Verband der Rabbiner Oberschlesiens, Mitglied im Rat des preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden und in der Vereinigung der traditionell gesetzestreuen Rabbiner Deutschlands.

Seit 1914 wirkte der vielfältig engagierte Dr. Siegfried Galliner als Rabbiner in der liberalen Gemeinde Gelsenkirchen als Gemeinderabbiner. Er war wiederholt Vorsitzender des Rheinisch-Westfälischen Rabbinerverbandes und aktiv in der sozialen Fürsorge. Dr. Galliner wurde 1916 zum Vorsitzenden des Unterstützungsvereins der Synagogen-Gemeinde Gelsenkirchen gewählt. Mit dem nachfolgend transliterierten Originaltext einer Niederschrift enden die im Stadtarchiv vorhandenen Unterlagen des Unterstützungsvereins. Wie lange der Verein danach noch existierte, ist nicht mehr feststellbar.

Für die Festschrift der Synagogenemeinde verfasste Dr. Galliner 1924 einen Aufsatz mit dem Titel „Die Bedeutung der jüdischen Theologie und ihre Gegenwartsaufgabe“. Rabbiner Galliner war auch Vorsitzender der Wohlfahrtausschusses, 1927 im Ehrenausschuss der Wohlfahrts-Lotterie der "Arbeitsgemeinschaft zur Bekämpfung der Tuberkulose unter Juden". In Gelsenkirchen begründete er unter anderem den "Jüdischen Schülerbund - Chewras talmidim" um das Zusammengehörigkeitsgefühl der Schüler zu stärken. Auch war er Gründer einer Jüdischen Schule in Gelsenkirchen. Auch war Dr. Siegfried Galliner Mitglied und Präsident der orthodoxen Amos-Loge, die sich in gemieteten Räumlichkeiten an der Bahnhofstraße Nr. 14 traf.

Unmittelbar nach der Machtübergabe an die Nazifaschisten im Januar 1933 begannen die neuen Machthaber, die jüdische Bevölkerung zu tyrannisieren, um sie u.a. zur Auswanderung zu bewegen. Eine besondere Rolle spielte dabei auch die permanente antisemitische Hetze der Zeitung "Der Stürmer", die in Auflagen von Hunderttau-senden verkauft und in so genannten "Stürmer-kästen" öffentlich ausgehängt wurde.

Im 1933 veröffentlichten Braunbuch "Über Reichstagsbrand und Hitlerterror" heißt es: "Der Rabbiner von Gelsenkirchen wurde während des Sabbath-Gottesdienstes mit einer Anzahl gläubiger Juden aus der Synagoge getrieben und durch die Strassen der Stadt bis in die SA-Kaserne geführt. Dort wurden alle gezwungen, sich mit dem Gesicht gegen die Wand zu stellen und Kniebeuge zu machen. Da der Rabbiner gegen diese Brutalität protestierte, wurde er auf eine Leiter gelegt und mit einem Stock verprügelt. Nach seiner Freilassung gelang es ihm, über die holländische Grenze zu entkommen. Er traf in Amsterdam so schwer verletzt ein, dass er weder stehen noch sitzen konnte. Bevor man ihn frei liess, musste er einen Revers unterschreiben, dass «seine Verhaftung auf ein Missverständnis zurückzuführen sei»."

Der Gelsenkirchener Holocaust-Überlebende Fred Diament schreibt in seinen Erinnerungen: "(...) Wir in der ostjüdischen Gemeinschaft hatten interessanterweise keinen Rabbi, wohingegen die deutsch-jüdische Gemeinschaft einen sehr berühmten Rabbi hatte - sein Name war Dr. Galliner -, der von den Ostjuden sehr respektiert wurde. Und nicht nur in der jüdischen Gemeinschaft sondern auch in der christlichen Gemeinschaft, weil er ein Gelehrter, ein hervorragender Linguist war. Ich erinnere mich, er sprach Chinesisch und er schrieb Chinesisch. Ein außergewöhnlicher Mensch!"

Das jüdische Gemeindeleben in Gelsenkirchen endete mit der gewaltsamen Zerstörung der Synagoge und des Gemeindehauses in der Altstadt, der Synagoge in Buer und des Betsaales in Horst in der Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938. Im Dezember 1938 starb Dr. Galliners Frau Rose im jüdischen Krankenhaus Köln [9] an Krebs. Erst im Frühjahr 1939, buchstäblich in letzter Minute, entschloss sich Dr. Galliner nach 25jähriger Berufsarbeit im Dienste des Judentums angesichts des zerstörten Jüdisches Lebens mit seinen kulturellen und religiösen Infrastrukturen zur Flucht nach England.

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