Biografie von Heinrich Bodenheimer, Elsa Bodenheimer geb. Wertheimer, Martha Nelly Bodenheimer und Ruth Hildegard Bodenheimer verh. Rothschild
Familie Bodenheimer, Rheinstraße 7 (Ortenauplatz)
Heinrich Bodenheimer
geb. am 1.12.1882 in Kehl, 1942 in Auschwitz ermordet
Elsa Bodenheimer, geb. Wertheimer
geb. am 2.11.1889 in Kehl, 1942 in Auschwitz ermordet
Ruth Bodenheimer, verh. Rothschild
geb. am 5.11.1919 in Freiburg, überlebt
Martha Nelly Bodenheimer
geb. am 9.11.1922 in Kehl, 1943 in Auschwitz ermordet
Heinrich Bodenheimer nahm als Freiwilliger am Ersten Weltkrieg teil, erlitt eine schwere Verwundung und lehnte nach dem Krieg aus patriotischen Gründen eine Rente für Kriegsversehrte ab. Der im karitativen Bereich sehr engagierte Pferdehändler musste 1937 nach Strasbourg auswandern, da er schon damals in Kehl starken Anfeindungen ausgesetzt (1 Woche Gestapo-Haft) und wirtschaftlich längst ruiniert war. Er wollte seine Frau Elsa und seine Tochter Martha nachholen, sobald er Arbeit bekäme und nicht mehr auf die Unterstützung seines in Paris lebenden Bruders angewiesen wäre. Ruth musste an Ostern 1934 aus rassischen Gründen die Oberrealschule verlassen, durfte aber noch auf der Höhere Handelschule 1936 die „Mittlere Reife“ ablegen .Da sie in Kehl keine Lehrstelle erhielt, ging die 17-Jährige dank einer „Grenzkarte“ nach Strasbourg, wo sie eine Sprachenschule besuchte. Ihren Lebensunterhalt bestritt sie als Dienstmädchen.
Mit Kriegsbeginn rissen sämtliche Kontakte abrupt ab: Am 3. September wurde Kehl vollständig geräumt, Martha und Elsa Bodenheimer wurden ebenso wie die übrigen Kehler evakuiert. Strasbourg war mit seinen 120 000 Einwohnern einen Tag zuvor geräumt worden.
Heinrich Bodenheimer wurde als deutscher Exilant am 05.09.1939 interniert, Ruth flüchtete von Strasbourg aus ins „Innere“ Frankreichs, wurde für 4 Monate in Gurs als „feindliche Ausländerin“ interniert, arbeitete dann in Versailles als Dienstmädchen und gelangte schließlich nach Saumur, wo sie bei einer Freundin Unterschlupf fand. Dort lernte sie auch ihren späteren Mann John Rothschild kennen, der Schweizer Staatsbürger war.
Ihr Vater war ebenfalls zu Kriegsbeginn in Frankreich verhaftet und in mehrere Lager verbracht worden. Schließlich war auch er in Gurs gelandet. Hier traf Heinrich Bodenheimer nach drei Jahren seine Frau wieder, die nach Kehl zurückgekehrt war und sich nun unter den am 22. Oktober 1940 von hier aus Deportierten befand. Ruth erfuhr von der Deportation ihrer Eltern nach Gurs, versuchte ihre Freilassung zu erreichen. Sie schickte auch Lebensmittelpakete an sie in das Lager, und noch im August 1942 erhielt sie eine Rückantwort der Lagerleitung von Gurs: „Parti sans adresse, destination inconnue“ („Abgereist ohne Adresse, Ziel unbekannt“).
Die Strapazen im Lager überstanden sie gemeinsam, bis sie am 6. August 1942 mit fast 1000 anderen deutschen Jüdinnen und Juden ihre letzte Reise antreten mussten: Per Bahn wurden sie nach Drancy nordöstlich von Paris transportiert, von wo aus vier Tage später, am 10. August morgens um 8 Uhr 55 der verplombte Zug mit der Nummer D 901/12 als Transport Nr. 17 seine Fahrt quer durch halb Europa mit Ziel Auschwitz-Birkenau aufnehmen sollte. Aller Wahrscheinlichkeit nach sind beide sofort nach ihrer Ankunft in der Gaskammer ermordet worden.
Auch das Leben ihrer Tochter Martha Bodenheimer endete in Auschwitz-Birkenau. Noch während der Kehler Evakuierung war sie nach Köln gezogen, wo sie in einem jüdischen Waisenhaus, später in einem jüdischen Altersheim als Hausangestellte eine Anstellung fand. Einen Monat vor ihrem 20. Geburtstag wurde sie Anfang Oktober 1942 zusammen mit mehreren hundert Kölner Juden zunächst nach Theresienstadt und von da aus am 29. Januar 1943 nach Auschwitz deportiert, wo sie sofort ermordet wurde.
1942 wurde Ruth zum zweiten Mal interniert, diesmal in den Lagern Nexon und Rivesaltes. Der junge Schweizer John Rothschild, der zum Ableisten seines Militärdienstes in die Schweiz zurückgekehrt war, erhielt nachdem er von der erneuten Internierung Ruths erfuhr, die Genehmigung, sich nach Frankreich zu begeben. Es gelang ihm, Ruth am 15. Oktober 1942 mit Hilfe französischer Freunde aus dem Lager Rivesaltes zu befreien und sich mit ihr auf einen 1000 km langen gefährlichen Fluchtweg über Guéret und Lyon quer durch das besetzte Frankreich in Richtung Schweiz durchzuschlagen. Am 13. November 1942 trafen sie in Lyon auf deutsche Besatzungstruppen. Ihnen gelang wenige Tage später dank Unterstützung weiterer „Fluchthelfer“ bei Genf der illegale Übertritt in die Schweiz.
Als einziges Familienmitglied sollte Ruth Bodenheimer, die noch 1943 in der Schweiz heiratete und nun Renée Rothschild hieß, den Holocaust überleben. Frau Renée Rothschild war zusammen mit ihrem Ehemann bei der Stolpersteinverlegung 2012 zugegen. Sie verstarb am 27. Januar 2018 in Louisville/USA, John Rothschild verstarb dem 15. März 2018.
Familie Bodenheimer wohnte von 1920 bis 1928 in der Hermann Dietrich-Straße 10, in dem Haus, wo später die Familie Kaufmann leben sollte. Dort wurden zur Erinnerung an Sally, Meta und Ruth Kaufmann am 13. September 2012 ebenfalls Stolpersteine verlegt.
Medien
Fotos
Kostenlos dank Ihrer Hilfe
Diese Biografie ist frei zugänglich. Wenn Ihnen der Stolpersteine Guide gefällt, freuen wir uns über einen kleinen Beitrag.
Danke an Martin Schreyer, Claudia Körner, Anett Humboldt, Peter Hein und 6 weitere.Stolpersteine in der Nähe
Hedwig Weil geb. Rosenthal60 m
Arnold Schwarzkachel120 m
Jakob Wertheimer190 m
Berta Wertheimer geb. Kaufmann190 m
Josef Wertheimer220 m
Fritz Wertheimer310 m
Quellen & Impressum
Arbeitskreis 27. Januar