Biography of Otto Späte
Otto Späte – Delitzscher Str. 82
Der Gärtner Otto Späte gilt als der erste Leipziger Zeuge Jehovas (bis 1931: Bibelforscher). Nach Erinnerungen der Familie könnte er sich bereits ab 1904 zu der Religionsgemeinschaft bekannt haben. Im Nationalsozialismus litt er aufgrund einer Denunziation im Gefängnis. Opa Späte, wie ihn viele noch bis in die 1970er Jahre nannten, hatte an einem Grab eines KZ-Häftlings tröstende Worte gesprochen.
Ernst Otto Späte wird am 03.06.1876 in Kayna bei Zeitz geboren, als Sohn von Laura (geb. Votzsch) und August Späte aus Kayna. Es kann sein, dass seine Mutter die erste Bibelforscherin in der Familie war. Otto Späte hat drei Brüder: Martin (1880-1958), Thilo (1885-1966) und Kurt (Jg. 1888). Von Beruf ist Otto Späte Gärtner. Am 11.03.1905 heiratet er in Gautzsch (heute: Markkleeberg) die am 20.05.1883 in Leipzig geborene Frieda Hempel. Auch sie schließt sich den Bibelforschern an. Am 21.06.1908 wird ihr Sohn Rudolf Späte in Weißenfels geboren.
Ab dem 30.09.1920 ist Otto Späte in der Delitzscher Straße 82 in Leipzig-Eutritzsch gemeldet. Er wohnt in einem Gartengebäude hinter einem zweistöckigen Villenhaus, das Theodor Lax gehört, der an dem großen traditionsreichen Kaufhaus Berndt, Lax und Co beteiligt war. Zunächst kümmert sich Otto Späte als Gärtner offenbar um den Park, der sich auf dem Grundstück befindet. Als die Kaufhaus-Geschichte endet, bekommt Otto Späte offenbar die Möglichkeit, auf dem Grundstück eine kleine Gärtnerei zu führen.
Am 13.11.1935 wird Otto Späte das Opfer einer Denunziation. Sieben Monate nach seiner Festnahme war der Musiker und Zeuge Jehovas Wolfram Krause aus Leipzig, der im KZ Sachsenburg inhaftiert war, gestorben. Die Witwe bittet Otto Späte bei der Beisetzung in Chemnitz zu sprechen. Das Chemnitzer Bestattungsamt informiert nach der Grabrede die Polizei. Bei einer Hausdurchsuchung beschlagnahmt die Gestapo am 14.01.1936 insgesamt 16 Bibelforscher-Bücher von Otto Späte. Im Verhör sagt er, dass er seit 1934 auf Bitten von Mitgläubigen in etwa zehn Fällen bei Beisetzungen in Leipzig kurze Nachrufe gehalten habe. „Ich rede nur im Sinne der Bibel. Dabei vermeide ich alles, was Anstoß erregen könnte“, betont er.
Am Ende seiner Aussage erklärt Otto Späte, dass er den „deutschen Gruß“ nicht ausführe, „weil ich unter dem Worte Heil die Heilung der Menschen verstehe, die aber nicht von einem Menschen kommen kann“. Am 14.07.1936 wird Otto Späte inhaftiert – weil er nach der Grabreden-Denunziation nochmals als Zeuge Jehovas in den Radar der Gestapo gerät.
Über das Polizeigefängnis in der Beethovenstraße und die Untersuchungshaftanstalt I in der Moltkestraße 47 kommt er in das Gerichtsgefängnis Freiberg.
Das Sondergericht Freiberg verurteilt ihn nach der Grabrede wegen des Verstoßes gegen das Bibelforscher-Verbot zu einer Strafe von drei Monaten Gefängnis. „Allein schon der Umstand, dass er als Bestattungsredner für ehemalige Mitglieder der verbotenen Vereinigung auftrat, enthält eine Bestätigung als Ernster Bibelforscher“, heißt es in der Urteilsbegründung. Es kommt nicht darauf an, ob seine Reden auch werbenden Charakter für die Lehre der Ernsten Bibelforscher gehabt haben.“
Die dreimonatige Gefängnisstrafe verbüßt Otto Späte im Freiberger Gerichtsgefängnis. Am 05.03.1937 wird Otto Späte erneut vor dem Sondergericht für das Land Sachsen angeklagt, als einer von 186 Angeklagten. Das sogenannte Verfahren der 186 im Landgerichtsgebäude in der Harkortstraße 9 in Leipzig ist einer der größten Prozesse gegen Zeugen Jehovas im Nationalsozialismus überhaupt.
Laut Staatsanwaltschaft besuchte Otto Späte im Sommer 1935 eine Vorführung des „Photo-Dramas der Schöpfung“ in einer Privatwohnung. Zudem habe er einige Wachtturm-Abschriften besessen. Otto Späte wird am 22.05.1937 erneut wegen Bibelforscher-Betätigung verurteilt, dieses Mal zu acht Monaten Haft. Die Strafe verbüßt er im Gefängnis in Leipzig-Kleinmeusdorf. 1938 ist Otto Späte bereits 62 Jahre alt. Es ist gut möglich, dass ihn dieser Umstand – in Verbindung mit seinem Charakter („er wusste, was er wollte, war aber eher ein ruhiger Charakter, der nicht groß auffallen wollte“) – vor dem KZ bewahrte. Dorthin wurden Zeugen Jehovas in der Regel nach erfolgter Strafverbüßung von der Gestapo eingewiesen, sofern diese nicht „abschworen“.
Auch nach 1945 sind Frieda und Otto Späte weiterhin als Zeugen Jehovas aktiv. Otto Späte tritt als Redner bei Zusammenkünften auf. Er und seine Familie erlebt nach dem Verbot der Religionsgemeinschaft in der DDR 1950 erneut Verfolgung. Vor allem viele jüngere Zeugen Jehovas hören bei Besuchen in der Delitzscher Straße dem sehr beliebten Otto Späte („Opa Späte war spitze“), der bis ins hohe Alter lernbegierig war und sehr belesen war, gerne bei Gesprächen über biblische Themen zu.
Schwiegertochter Elisabetha Spaete berichtet, dass ihr die erneute Verfolgung, die auch ihre drei Geschwister betraf, schwer zusetzte. Sie fühlt sich an die Repressalien in der NS-Zeit erinnert. Ihr ältester Sohn, Günther, der älteste Enkel von Otto Späte, wird 1954 aufgrund seines Glaubens als Zeuge Jehovas zu einer Gefängnisstrafe von drei Jahren und sechs Monaten verurteilt. Später bekommt er eine weitere Strafe von sechseinhalb Jahren, wird aber vor Haftende von der Bundesrepublik freigekauft. Seine Frau Regina und die beiden kleinen Töchter dürfen erst nach „großen Schikanen der Stasi“ ein Jahr später in den Westen folgen.
Rolf Spaete, das zweite Enkelkind von Otto Späte, und seine Frau Christl erleben über vier Jahrzehnte durchgehend bis zur Wende Repressalien – inklusive Verwehrung des Oberschulbesuchs, vieler Hausdurchsuchungen, Stasi-Vorladungen und hohen Geldstrafen. Während des Verbots der Zeugen Jehovas in der DDR organisiert Rolf Spaete insbesondere über 20 Jahre hinweg Jugendaktivitäten, an den bis 25 Personen teilnehmen.
Kurz nach dem Umzug der Familie in einer Wohnung in der Josephstraße 24 in Leipzig-Lindenau stirbt zunächst Frieda Späte. Ihr Mann, Otto Späte, stirbt kurz danach, am 03.08.1960. „Sein Herz schlug für den guten Kampf des Glaubens“, ist auf der Todesanzeige zu lesen. Zitiert wird dort auch die Bibelstelle aus 1. Johannes Kapitel 5, Vers 4: „Dies ist der Sieg, der die Welt überwunden hat: unser Glaube.“
Recherchen und Text: Sebastian Reichert, Malte Wilms
Patenschaft: Rolf Späte (Enkel) und seine Ehefrau Christl Spaete sowie Regina Spaete (Ehefrau des bereits verstobenen Enkelsohns Günther Spaete)
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