Biography of Liane Krieg
Ella Liane Krieg – Erich-Thiele-Str. 6
Ella Liane Krieg wurde am 3. November 1928 als fünftes von acht Kindern des Reserve-Lokführers/Rangiermeisters Paul Krieg (* 3.12.1896 in Lindenthal) und seiner Frau Emilie Ella Krieg (geb. Schiedewitz, * 20.9.1896 in Schönnewitz) in Lindenthal bei Leipzig geboren.
Im Alter von drei Jahren traten bei Liane erste Anfälle mit Schreien und Zuckungen auf. Im Jahr 1931 erkrankte sie an den Masern und erleidete dadurch eine Hirnhautentzündung. Daraus resultierten in der Folge sowohl eine Wesensveränderung als auch wiederholt auftretende Anfälle und Krämpfe. Sie wurde in der Folge mit dem Medikament Luminal (Phenobarbital) behandelt, da außer „mangelnder Hemmungen“ keine anderweitige Ursache festgestellt werden konnte. Am 17. September 1933 wurden bei ihr „Psychopathie“, also eine schwere Persönlichkeitsstörung, sowie Epilepsie diagnostiziert. Eine erneute Begutachtung im Jahr 1935 ergab in den Augen der Ärzte einen postencephalitischen Zustand (Zitat: „Charakterentartung“) mit psychogener Überlagerung, also einer starken Diskrepanz zwischen geringfügigen, objektiven medizinischen Befunden und dem empfundenen Leiden der erkrankten Person.
Ab 1936 wurde sie als immer unruhiger und unter Schlafmangel leidend beschrieben, man sprach von „sittlicher Gefährdung.“ Am 30. Mai 1937 wurde Liane aus dem Schulunterricht in der Volksschule Lindenthal entfernt. Zwei Tage später wurde Liane durch einen Dr. Gottschick in der Psychiatrischen und Nervenklinik der Universität Leipzig in der Kaiser-Maximilian-Straße 29 (heute: Institut für Chemie und Mineralogie, Grundstück Philipp-Rosenthal-Straße Ecke Johannisallee) untersucht. Festgehalten wurde ein metencephalitischer Zustand (also eine Erkrankung des Metenzephalons = Hinterhirns) in Kombination mit Erethie (gesteigerte Erregungsfähigkeit und Überempfindlichkeit) und epileptischen Anfällen. Am 6. Juli 1937 verfügte die Klinik in einem Brief an das Wohlfahrts- und Jugendamt, dass „ein Aufenthalt zu Hause […] in diesem Zustand nicht möglich“ sei und Liane deshalb „der Aufnahme in die zuständige Landesanstalt“ bedürfe; „bei […] ihrem Alter käme wohl Chemnitz-Altendorf in Frage.“ In die Sächsische Landesanstalt Chemnitz-Altendorf wurde sie am 24. August 1937 eingeliefert und kommt in die Pflegeabteilung. Bitten ihres Vaters um einen Besuch vor Ort sowie darum, Liane zu Weihnachten 1937 oder Osten 1938 für einige Tage nach Hause zu holen, wurden mit Verweis auf den Gesundheitszustand des Kindes abgelehnt.
Ab dem 3. März 1938 durfte sie versuchsweise wieder zur Schule gehen. Am 10. März 1938 riss sie in der Pause aus der Schule aus und der Versuch endete bereits nach einer Woche. Im Verlauf des Jahres 1938 schwankte ihr Befinden zwischen Phasen der Beruhigung und des Betragens und wiederholt auftretenden starken Anfallserien und Verhaltensausbrüchen. Einen weiteren Fluchtversuch unternahm Liane am 23. Februar 1939 und durfte in der Folge nicht mehr an Spaziergängen oder Ähnlichem teilnehmen. Abseits davon sind die Informationen für das Jahr 1939 in den anstaltsärztlichen Eintragungen verhältnismäßig spärlich. Im Juni litt sie unter vielen Anfällen und wurde mit Apomorphin-Injektionen behandelt, mit geringem Erfolg. Die Angabe vom 24. Februar 1940, dass wegen anhaltender Anfallserien ihre Medikation geändert wurde, ließ auf eine signifikante Verschlechterung ihres Zustandes schließen.
Gehäufte Anfälle ab Februar 1940, Behandlung mit dem aus heutiger medizinischer Sicht weit obsoleten Antiepileptikum Amylenhydrat, welches auch als Schlafmittel eingesetzt wurde. Im April stabilisierte sich scheinbar ihr Zustand. Am 28. Mai 1940 wurde Liane Krieg in die Heil- und Pflegeanstalt Hubertusburg verlegt, welche im Laufe des Jahres 1940 aufgelöst wurde. Das Areal wurde dann als Umsiedlerlager und Unteroffiziersschule der Luftwaffe genutzt. 1940/41 wurden fast 1.000 Patientinnen und Patienten in andere Anstalten und von dort aus wiederum zur Ermordung in die T4-Tötungsanstalten Brandenburg und Pirna-Sonnenstein gebracht.
So auch Ella Liane Krieg, die bis 17. Juli 1940 in Hubertusburg blieb und von dort aus in die Zwischenanstalt (offiziell: Landes-Heil- und Pflegeanstalt) Arnsdorf verlegt wurde. Ihr Vater wurde erst nachträglich darüber in Kenntnis gesetzt. Etwas mehr als einen Monat später wurde der letzte Eintrag der Anstaltsärzte vorgenommen — „Heute verlegt.“
Ella Liane Krieg (11 Jahre) wurde, gemeinsam mit 112 weiteren Menschen, am 28. August 1940 in die rund 25 Kilometer entfernte T4-Tötungsanstalt Pirna-Sonnenstein transportiert und dort ermordet. Ihre Eltern erhielten etwa zwei Wochen später die Benachrichtigung, ihre Tochter sei in Hartheim bei Linz verstorben.
Ein Projekt des Erich-Zeigner-Haus e.V. mit Lessing-Oberschule Schkeuditz (Text: Kilian Roth)
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