Biography of Fritz Weinstein, Jeanette Weinstein and 4 more
Die „WEINSTEINs“ gehörten zu den ältesten jüdischen Familien in den Südringgau-Dörfern der heutigen Großgemeinde Herleshausen.
FRITZ WEINSTEIN,
… der eigentlich bei der Geburt den Namen „Peres Weinstein“ bekam, ist am 28.01.1869 geboren. Damals wohnten seine Eltern noch in Wommen, bevor sie im Nachbarort Nesselröden ein Gasthaus in der Badegasse 3 erwarben und dieses auch betrieben haben. 1882/83 verkauften sie es an den Wirt Wilhelm Strube und erwarben dafür das im 18. Jahrhundert vom damaligen Dorfrichter Neubert erbaute Haus mit der heutigen Bezeichnung „Steinweg 4“. Es gehörte zu den schönsten Fachwerkhäusern in Nesselröden, musste aber 1965 abgerissen werden.
Fritz Weinstein ist nach der Schulausbildung nach Waltershausen verzogen und konnte später dort das Geschäft seines Lehrherrn übernehmen. Er war verheiratet mit Sarah, geb. Cramer, aus Gleicherwiesen, Kreis Hildburghausen. Seine Frau ist bereits 1932 in Waltershausen verstorben, ein Jahr später starb auch seine einzige Tochter Gertrud, die zu diesem Zeitpunkt bereits verwitwet war. Fritz Weinstein nahm sich der beiden 1922 und 1923 geborenen Enkeltöchter Ester und Judith an. Obwohl Fritz als eigenbrötlerisch und nicht unbedingt zugänglich galt, waren ihm die beiden Enkelkinder sein ein und alles!
Er erfuhr in Waltershausen sehr früh, wie grausam das NS-Regime mit den Juden umzugehen pflegte. Die Aufforderung „Kauft nicht bei Juden“ wurde – von NS-Anhängern überwacht – auch in Waltershausen strikt befolgt, sodass er 1934/35 Konkurs anmelden musste. Mit dem letzten Geld brachte er seine beiden Enkelkinder mit Hilfe der Gruppe „Aliyat Hanoar“, die jüdische Kinder vor dem Holocaust rettete, nach Palästina. Nach dem Verlust des Geschäftes zog Fritz Weinstein zunächst nach Gotha und versuchte etwa 1937 in die Anonymität der Großstadt Hamburgs zu flüchten. Von Hamburg aus wurde er am 19. Juli 1942 zunächst nach Theresienstadt deportiert. Am 21. Sept. 1942 kam er in das Vernichtungslager Treblinka, wo er ermordet wurde.
JEANETTE WEINSTEIN,
… die allgemein „Nettchen“ genannt wurde, ist am 04.07.1871 in Nesselröden geboren. Sie war die Schwester von Fritz und das vierte von fünf Kindern der Eheleute Viktor Weinstein (aus Wommen) und Geldchen Rothschild (aus Herleshausen). Nettchen war eine zierliche Person mit hübschem Gesicht, aber verwachsenem Rücken. Sie war unverheiratet und hatte in ihrem Elternhaus, das zuletzt ihrem Neffen Martin gehörte. Ihren bescheidenen Lebensunterhalt verdiente sich Nettchen als Schneiderin. Für viele Familien in Nesselröden und den umliegenden Dörfern hat sie genäht und etliche Mädchen konnten bei ihr das Schneiderhandwerk erlernen.
Ihr Elternhaus wurde 1937 mit dem Wohnrecht für sie verkauft. Es wurde Mitte der 1960er Jahre durch einen Neubau ersetzt. Der neue Eigentümer wurde damals oft von der örtlichen Parteileitung bedrängt, „die Jüdin doch auf die Straße zu setzen“, was er aber nicht getan hat. In der Pogromnacht verhinderte er, dass die damaligen Akteure, die bereits auf seinem Hof waren, auch die Fensterscheiben von Nettchens Wohnung eingeworfen haben. Nettchen weinte danach oft und ist im März 1939 zunächst zu ihrem Bruder Fritz nach Hamburg gezogen. Bereits im Mai 1939 meldete sie sich in der Hedwigstr. 9 in Kassel an und wechselte dort noch zwei Mal die Wohnung. Bei allen Kasseler Adressen handelte es sich um sogenannte „Judenhäuser“, in denen damals jüdische Mitbürger zwangsweise „hineingepfercht“ wurden. Mit „lebenswürdig“ hatte dies nichts mehr zu tun. Nettchen wurde am 7. Sept. 1942 in das Konzentrationslager Theresienstadt deportiert. Sie starb dort am 25. Febr. 1943.
MARTIN WEINSTEIN
… ist am 30.05.1903 hier im Haus Steinweg 4 als Sohn von Jakob (genannt: Julius) Weinstein (Bruder von Fritz Weinstein) und dessen Ehefrau Hedwig, geb. Laub, die aus Gleicherwiesen, Krs. Hildburghausen stammte, geboren. Martin hat in Eisenach Schlosser gelernt, übernahm aber nach dem Tod seines Vaters, der im Febr. 1927 an seinem Kriegsleiden starb, als Kaufmann dessen Geschäft.
Martin war Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr und war einer der Akteure, wenn es um die Kirmes ging. Er spielte dabei sogar – wenn’s sein musste – mit seiner Trompete in der Musikkapelle, was für einen Juden eher ungewöhnlich ist.
Martin war unter den Mitmenschen seiner Generation akzeptiert und eingegliedert. Da er der erste war, der ein Radio besaß, lud er sogar seine Nesselröder Freunde nachts zur Übertragung eines Boxkampfes ein. Martin Weinstein hat seine Frau …
FRIEDA WEINSTEIN, geb. Tannenberg,
… im Jahr 1933 geheiratet. Frieda ist am 27.12.1903 in Schenklengsfeld, Kreis Hünfeld, geboren. Friedchen, wie Frieda genannt wurde, war im Gegensatz zu Martin von zierlicher Statur und hatte dunkle Haare.
Martin erzählte seinem Nachbarn einmal davon, dass „… in der Nacht ein Stein durch sein Schlafzimmerfenster geflogen ist, … hätten wir schon ein Kind gehabt, wäre dieser Stein direkt im Kinderbett gelandet!“ Wem wundert es, dass Weinsteins, nachdem die Mutter Hedwig zu Martins Schwester nach Würzburg gezogen war, ihr Anwesen in Nesselröden verkauft und am 10. Okt. 1937 nach New York geflüchtet sind. Dort sind die Eheleute kinderlos verstorben.
GRETE WEINSTEIN
… die Schwester von Martin, ist am 05.09.1905 im Haus Steinweg 4 geboren. Nach dem Besuch der Volksschule in Nesselröden zog sie zu Verwandten nach Lehrberg in Bayern, um von dort aus in Ansbach die „Städtische Handelsschule für Mädchen“ besuchen zu können. Welche Berufsausbildung sie anschließend absolvierte ist nicht bekannt. Am 6. Nov. 1929 heiratet sie in Lehrberg den Textilhändler Siegfried Rosenheimer aus Archshofen im Taubertal. Auch dort wurde die jüdische Bevölkerung nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten ausgegrenzt und ihr das Leben schwer gemacht.
Siegfried, der nicht nur für seine Frau, sondern auch für den im Januar 1936 geborenen Sohn Gerd Isaak Verantwortung zu tragen hatte, bereitete die Auswanderung seiner Familie sorgfältig vor. Mit Schallplatten und dem Grammophon eines befreundeten Handwerkers übte er sich in einer fremden Sprache (vermutlich in Englisch). Währenddessen organisierte er einen Räumungsverkauf seines Geschäftes, der nicht auffallen durfte. Für das ersparte und aus dem Räumungsverkauf eingenommene Geld erwarb er landwirtschaftliche Geräte, die damals noch mit ins Ausland transportiert werden durften und für eine Einreisegenehmigung nach Palästina unabdingbar waren. Am 15. Okt. 1936 stand der Möbelwagen vor der Tür. Der 1936 gerade neun Monate alte Gerd bestätigt, dass alles problemlos „über die Grenze“ gekommen sei, erinnerte sich aber auch gut an die Schwierigkeiten seiner Eltern, sich in den Anfangsjahren in der Fremde wieder eine neue Existenz aufzubauen, zumal der Vater bereits mit 52 Jahren gestorben ist. Grete Rosenheimer starb 1972 in Israel.
BERTHILDE WEINSTEIN
… die Schwester von Martin und Grete, ist am 21.09.1906 in Nesselröden geboren. Sie hat nach ihrer Schulzeit bis 1924 in Eisenach das Schneiderhandwerk erlernt. Danach ist sie nach Würzburg verzogen. 1927 bis 1929 hat sie in Ateliers in Frankfurt/M. und Düsseldorf gearbeitet. Danach bereitete sie sich auf die Meisterprüfung vor, die sie 1931 in Würzburg ablegte. In der anschließend eingerichteten eigenen Näherei beschäftigte sie zeitweise 20 Näherinnen und Lehrlinge, zum größten Teil Christen. In dieser Zeit heiratete sie den aus Guxhagen bei Kassel stammenden Schneider Ludwig Katz, gemeinsam führten sie den Modesalon Katz-Weinstein.
Nach dem Novemberpogrom 1938 wurde Ludwig Katz im KZ Buchenwald in „Schutzhaft“ genommen. Berthilde konnte ihn am 25. Dez. 1938 mit der Auflage zu emigrieren „freikaufen“.
Über ihre Auswanderung im Febr. 1939 nach Palästina berichtete Berthilde 1988: „… Mit einem Koffer in der Hand und 10 Mark kamen wir in Haifa an. Wir wurden von Verwandten (Schwester Grete) aufgenommen. Am folgenden Tag begann ich als Hausschneiderin. Nach vier Monaten machte ich mich wieder selbständig. Mein Mann hat im Geschäft mitgearbeitet. Ich habe Tag und Nacht gearbeitet … später hatten wir wieder etwa 20 Angestellte. …“ Ludwig Katz starb 1970, Berthilde fünf Tage nach ihrem 91. Geburtstag im Jahre 1997 in Haifa. In ihrem letzten Brief an die Gemeinde Herleshausen schreib sie 1989: „Hier in Israel wohnt nur noch ein Sohn meiner Schwester, sonst habe ich keine Verwandten mehr, denn 74 meiner Verwandten sind im KZ umgekommen.
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Sources & Imprint
WERRATALVEREIN, Zweigverein Südringgau e.V., Herleshausen
ARBEITSKREIS "Stolpersteine Herleshausen und Nesselröden"
HELMUT SCHMIDT, Vorsitzender
Nordstraße 12, 37293 Herleshausen
Telefon: 05654 1010, E-Mail: helmut@schmidt-hlh.de
MARKUS MÜLLER, Mitarbeit
E-Mail: wtv.srgg.medien@mailbox.org
https://www.werratalverein1883.de/oertliche-werratalvereine/wtv-suedringgau/