Biography of Nathan Neumann
Nathan Neumann wurde 1880 als Nathan Nachmann Najmann in Warschau geboren. 1905 heiratete er dort Esther Malka Neumann, geb. Frydmann. Drei ihrer Kinder, die älteste Tochter Sura und die beiden Söhne Berek und Moritz wurden in Warschau geboren, bevor die Familie 1912 nach Stuttgart übersiedelte, wo 1913 und 1915 die Töchter Rosa Marie und Jenny geboren wurden.
Die jetzt siebenköpfige Familie zog 1916 von der Schwarenbergstraße 70 in eine 5-Zimmer-Wohnung im Erdgeschoss der Hackstr. 7. Einer der Räume – ein „Ladenlokal“ mit großem Schaufenster und überdachtem Eingang – wurde Schuhmacherwerkstatt und Verkaufsraum. Das Geschäft des tüchtigen Nathan Neumann florierte, seine Arbeit wurde nicht nur in der Nachbarschaft geschätzt und die Kunden genossen einen besonderen Service: Sura, die älteste Tochter Nathans sammelte die reparatur-bedürftigen Schuhe bei den Kunden ein trug sie nach der Reparatur wieder aus. Nathan Neumann eröffnete eine weitere Schuhmacherwerkstatt in der Marktstr. 13 in Bad Cannstatt, in der Stadtmitte in der Eberhardstr. 17 und schließlich die „Schulbesohlanstalt Rekord“ in der Hauptstätterstr. 154, in der ab Mitte der 20er Jahre auch seine beiden Söhne Moritz und Berek, der sich jetzt Bernhard nannte, mitarbeiteten. 1931 wurde der Betrieb in der Innenstadt verkauft, die Arbeit in der Hackstr. 7 wurde bis zum Boykott jüdischer Geschäfte fortgesetzt. Im Stadtarchiv Stuttgart erhaltene Fotos zeigen die Wirkungsstätte von Schuhmacher Nathan Neumann mit seinen Söhnen und Mitarbeitern. Noch 1938 annoncierte Nathan Neumann sein Geschäft im Gemeindeblatt der israelitischen Gemeinde.
Sohn Berek (Bernhard) Neumann arbeitete bis 1933 als Leiter der Rechtsabteilung der Firma BICO AG und vertrat zugleich die Firma SÜDAG mbh in allen Rechtsfragen. Die Nazis verhafteten unmittelbar nach der Machtübernahme politische Gegner und jüdische Männer und sperrte sie in „Schutzhaft“ ins KZ Kuhberg bei Ulm – auch Berek wurde misshandelt und litt seitdem an Depressionen. Befreundete Anwälte setzten sich für ihn ein, erreichten seine Freilassung und verhalfen ihm und seiner Freundin zur Flucht in die Schweiz. Von dort aus unterstützt er die Flucht seiner Geschwister und - kurz vor Kriegsbeginn – auch die seiner Mutter.
Moritz floh über die Schweiz und Palästina nach Mexico. Marie konnte 1937 mit einer Jugendgruppe nach Palästina auswandern. Sura bekam eine Stelle als Haushaltshilfe in England, wo sie zehn Jahre lebte. Jenny konnte nach Palästina fliehen. Das in der Spedition Gerlach eingelagerte Umzugsgut der Familie wurde von der Oberfinanzdirektion Stuttgart beschlagnahmt. Es bleibt unklar, warum Nathan Neumann in Stuttgart zurückblieb: Konnte er nicht mehr fliehen, weil die „Reichsfluchtsteuer“ für ihn nicht mehr aufzubringen war, weil er keine Genehmigung bekam oder wollte er sein Geschäft, seine Kundschaft und seine Gemeinde nicht verlassen, weil er sich nicht vorstellen konnte, was kommen sollte?
Am 28.10.1938 wurde Nathan Neumann - wie fast alle Juden polnischer Staatsangehörigkeit - nach Polen abgeschoben. Es war diese Aktion des NS-Regimes, die den 17-jährigen Herrmann Grünspan, dessen Familienangehörige unter den Deportierten waren, in Paris zu einem Attentat auf den Botschaftssekretär Ernst vom Rath veranlasst hatte, das den Nazis den Vorwand bot für das Pogrom gegen jüdische Einrichtungen und Menschen am 9. und 10. November 1938 in Deutschland.
Auch der Familienschmuck, den die Neumanns zunächst als Sicherheit für einen Kredit, dann vorsicherheitshalber im Safe der israelitischen Gemeinde deponiert hatten, wurde - wie der ganze Inhalt des Kassenschranks - geplündert.
Nathan Neumanns Betrieb wurde geschlossen und aus der Handwerksrolle gestrichen mit dem Löschungsvermerk „Betrieb eingestellt, da Inhaber Jude".
Gleich nach dem deutschen Überfall auf Polen wurde Nathan Neumann ins Ghetto Warschau eingewiesen. 1943 erhielten seine Angehörigen zum letzten Mal eine Nachricht von Nathan Neumann. Dann verliert sich seine Spur. Sein Todesdatum wurde nach dem Krieg auf den Tag des Kriegsendes, den 8. Mai 1945 festgesetzt.
Am 11. November 2006 wurde für Nathan Neumann - auf dringenden Wunsch seiner im 1941 von Deutschen Juden in der Wüste Negev gegründeten Kibbuz Dorot in Israel lebenden Tochter Marie - vor dem Haus in der Hackstr. 7 ein Stolperstein verlegt.
Recherchen und Text: Harald Stingele (2006) und Gudrun Greth (2021)
Media
Photos
Free thanks to your help
This biography is free to read. If you like the Stolpersteine Guide, we would be glad of a small contribution.
Thanks to Martin Schreyer, Claudia Körner, Anett Humboldt, Peter Hein and 6 more.Stolpersteine nearby
Karl Herz20 m
Ida HELZLE30 m
Irene Winter80 m
Margarete Neuberg80 m
Heinrich Baumann110 m
Ewald Hendel120 m
Sources & Imprint
Initiative Stolpersteine Stuttgart-Ost
www.stolpersteine-stuttgart-ost.de
info@stolpersteine-stuttgart-ost.de