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Josef Faßnacht

Biography of Josef Faßnacht

Josef Faßnacht, geb. am 2.Juni 1905, zwangssterilisiert am 9.4.1937, ermordet am 5. September 1940 in Grafeneck , Schöpplerstraße 10
Josef Faßnacht ist am 2.Juni 1905 in Augsburg geboren. Gemeinsam mit seinen Eltern Anna Faßnacht und Ägidius Faßnacht wohnt er bis zu seiner Erkrankung in Augsburg in der Schöpplerstraße 10. Sein Vater ist Reichsbahnschaffner.
Josef hat eine sechs Jahre ältere Schwester, Maria (geb. 1899), die in ihrem elften Lebensjahr verstirbt. Seine zweite Schwester Maria Anna wird am 26.1.1911 geboren.
Josef ist Maschinenzeichner und seit seinem 15. Lebensjahr bei der MAN beschäftigt. Er hat eine ordentliche Schulausbildung absolviert und gilt in der Firma als sehr fleißiger und zuverlässiger Arbeiter. Josef ist hoch sensibel, er wiegt nur 60 Kg und ist 1,67 cm groß.

Anfang Dezember 1936 beobachtet seine Mutter bei ihm eine Art von Melancholie, er unterhält sich nicht mehr mit den Angehörigen, nimmt keine Nahrung mehr zu sich und leidet an Schlaflosigkeit. Als er sich mit Selbstmordabsichten trägt, von Eltern und seiner Schwester Maria Anna Abschied nimmt und sich aus dem Fenster zu stürzen droht, verbringt ihn die Mutter in die psychiatrische Abteilung des Städtischen Krankenhauses Augsburg.
Bei der Exploration dort hält man fest, dass der Patient mütterlicherseits erblich vorbelastet sei. Nach dem Befund der Ärzte handelt es sich bei Josef um eine katatone Form von Schizophrenie. Bei seiner Befragung ist er über Zeit und Ort orientiert. Über seine berufliche Laufbahn gibt er bereitwillig Auskunft. Bei dem Besuch seiner Mutter fällt er ihr stürmisch um den Hals und bittet sie um Vergebung. Er erkundigt sich mit großer Einfühlsamkeit nach ihrem Befinden.
Mit Zustimmung der Angehörigen wird er am 18.12. 1936 in die Heil- und Pflegeanstalt nach Kaufbeuren überführt.
Dort diagnostiziert man bei ihm eine Form der Schizophrenie. Er entwickle hypochondrische Vorstellungen, die er aus wahnhaften Beziehungen zur Umwelt aufbaue. Josef sei großen Gefühlsschwankungen und Ängsten unterworfen. Oft sei er völlig ratlos. Wohl als Folge der verabreichten Medikamente wirkt Josef antriebs- und affektlos, die Ärzte halten ihn für ängstlich, depressiv, rat- und orientierungslos. Auch ein Brief seiner Mutter, in dem sie ihren Besuch und seine baldige Entlassung ankündigt, löst bei ihm keine Gefühlsregungen hervor. Josef wird in Kaufbeuren in der Gärtnerei beschäftigt und gibt sich alle Mühe, baldmöglichst entlassen zu werden. Die Ärzte stellen fest, dass von Sinnestäuschungen und wahnhaften Gedankengängen bei ihm nichts mehr zu bemerken sei.
Am 2. März 1937, also kein Vierteljahr nach seiner Einlieferung, beantragt die Anstaltsleitung in Kaufbeuren die Sterilisation des Patienten. Dem Einspruch seines als Vormund eingesetzten Vaters Ägidius Faßnacht gegen die Zwangssterilisation wird nicht stattgegeben.
Am 9. April 1937 wird Josef Faßnacht ins Städtische Krankenhaus Kaufbeuren zur „Unfruchtbarmachung“ überführt und von dort nach diesem Eingriff am 17.4. entlassen. Binnen von 14 Tagen darf Josef sogar wieder nach Hause, er muss sich aber mit seiner Mutter regelmäßig bei der Außenfürsorge in Augsburg einfinden. Seine Arbeit kann er nicht mehr aufnehmen. Als sich sein Gesundheitszustand weiter verschlechtert und er wiederum von Sinnestäuschungen geplagt wird, er sich von Leuten gequält und beschimpft wähnt, keinen Schlaf mehr findet und einem Nachbarn droht, wird er am 10. Februar 1938 erneut in Kaufbeuren eingewiesen.
Josef schreibt Briefe nach Augsburg, bezeichnet sich als SA-Mann und bittet imaginäre „Parteigenossen“ um Befreiung aus der Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren Josef wird mit Luminal ruhiggestellt und mit einem Gürtel fixiert. Da er gegenüber Mitpatienten gewalttätig wird, unterziehen ihn die Ärzte einer Insulinbehandlung. Seine Gedanken kreisen ständig um die SA, er schreibt weiter Briefe an vermeintliche „Kameraden“ in Augsburg und erhofft von ihnen Hilfe für seine Befreiung.
Anfang Mai hat sich sein Gesundheitszustand wesentlich verbessert. Er macht auch psychische Fortschritte. Er schreibt Karten an seine Mutter und seine Schwester. Der Inhalt dreht sich weiterhin um Politik und um seine künftige Verehelichung. Er wolle ganz im Sinne des „Führers“ mit seiner Frau leben. Josef schreibt imaginäre Briefe an seine Schwiegermutter und bittet um die Hand der Tochter. Über Monate hinweg ändern sich seine Phantasien kaum, seine Gedanken kreisen um die „Bewegung“ und um seine Verehelichung.
Im August wird Josef zunehmend gewaltbereiter. Er greift Mitpatienten an, wirft das Kruzifix und den Weihwasserkessel aus dem Fenster, attackiert den Pater, der eine Patientin besucht. Jedermann begrüßt er mit dem „deutschen Gruß“ und erwartet hunderte von Malen die gleiche Erwiderung. Seine Mitpatienten fordert er dazu auf, sich mit NS-Literatur zu beschäftigen anstelle von jüdisch-marxistischer Literatur. Die Ärzte setzen ihn wegen seiner Neigung zur Gewalttätigkeit unter Trional und isolieren den Patienten.
In seinem Verhalten ändert sich die nächsten Monate kaum etwas, er beharrt unbeirrbar auf seinen Plänen zur „Nationalisierung“. Der Arzt notiert: „Versucht alle Kranken meist mit Brachialgewalt – für die nationalsozialistische Weltanschauung zu bekehren….. völlig unbelehrbar“. Josef legt sich mit fast allen Mitpatienten an.
Im Januar 1940 notiert der diensthabende Arzt: „in seinen Ideen völlig unverändert. Kam letzte Zeit mehrmals in Rauferei mit anderen Kranken. Vollkommen unverändert“.
Nach wie vor gilt sein Hauptinteresse der Politik und der Partei. „Möchte in der Gärtnerei arbeiten, ist aber von seinen anti-religiösen Ideen nicht abzubringen.“
Der letzte Eintrag in seiner Patientenakte lautet: „In letzter Zeit ziemlich wortkarg. Muss immer von dem Abteilungssaal entfernt werden, wenn der Oberpfarrer während seiner Visite durch die Abteilung geht. Begrüßt den Arzt täglich mit dem Gruß der SA. Bezeichnet sich als SA Mann. Patient kann wegen seines bedrohlichen Verhaltens nirgends beschäftigt werden. Körperlich unverändert. Wird verlegt. Gez. Ma
Am 5.9.1940 wird Josef Faßnacht mit 74 weiteren Männern nach Grafeneck „verlegt“ und dort im Rahmen der T-4 Aktion vergast.

Biographie erstellt:
Dr. Bernhard Lehmann, StD a.D., Gegen Vergessen-Für Demokratie RAG Augsburg-Schwaben, 86368 Gersthofen, Haydnstr. 53, bernhard.lehmann@gmx.de,

zusammengestellt durch die Stolpersteininitiative Augsburg
http://www.stolpersteine-augsburg.de

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