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Sylvia Cohn

Biography of Sylvia Cohn

Der 22.10.1940, ein Tag des Schreckens: 6500 Juden in Baden und der Saarpfalz werden gezwungen, innerhalb einer Stunde zu packen und ihre Heimat zu verlassen. Die Dichterin Sylvia Cohn ist eine von ihnen. Nicht nur die Ungewissheit, wohin sie gebracht wird, ist erdrückend. Noch größer ist die Sorge um ihre zwei jüngeren Kinder, die in der jüdischen Schule in Freiburg sind, und um ihre Älteste, die 13-jährige Esther in München.

Sylvia Cohn (*5.5.1904) ist die Tochter eines Offenburger Weingroßhändlers. 1925 heiratet sie Eduard Cohn, einen Handelsvertreter. Das Ehepaar bekommt drei Töchter. Sylvia Cohn engagiert sich in der jüdischen Gemeinde, ihr Mann ist Vorsitzender der Zionistischen Ortsgruppe Offenburg. Am 9.11.1938, der Reichspogromnacht, wird er wie alle jüdischen Männer der Stadt nach Dachau deportiert und nur unter der Bedingung freigelassen, dass er Deutschland so schnell wie möglich verlässt. 1939 kann er nach England emigrieren und will die Familie nachholen. Doch der Kriegsausbruch durchkreuzt diese Pläne.

Deportation in das Internierungslager Gurs

Sylvia Cohn und die beiden jüngeren Töchter Miriam und Eva werden am 22.10.1940 nach Gurs in den Pyrenäen verschleppt. Die älteste Tochter Esther lebt in einem Münchener Kinderheim bis zu ihrer Deportation nach Theresienstadt und Auschwitz. Am 13. September 1942 wird Sylvia Cohn nach Drancy gebracht, am 16. September weiter nach Auschwitz. Sie stirbt dort 12 Tage nach ihrer Ankunft – zwei Jahre vor ihrer Tochter Esther, die im Oktober 1944 vergast wird. Die Töchter Eva und Miriam überleben in der Schweiz.
"Wie soll ich das verstehen?" Die Dichterin Sylvia Cohn
Mit 15 Jahren beginnt Sylvia Cohn, Gedichte zu schreiben. Seit den ersten großen Schicksalsschlägen – der Kinderlähmung der ältesten Tochter, dem Aufkommen des Nationalsozialismus – verdunkelt sich der Ton, dichtend setzt sie sich mit der Verfolgung auseinander. Der Schwarzwald ist seitdem nur noch bedingt Ort des Trostes und der Lebensfreude. Im französischen Lager Rivesaltes entsteht ihr letzter Gedichtband mit dem Titel "Von gestern und heute", gebastelt aus dem Wenigen, was sie auftreiben kann, wie den lila Wollfaden zum Zusammenbinden der Seiten.

Die Dichterin Sylvia Cohn

"Wie soll ich das verstehen?"
Lyrik aus dem Lager

Mit 15 Jahren beginnt Sylvia Cohn, Gedichte zu schreiben. Seit den ersten großen Schicksalsschlägen – der Kinderlähmung der ältesten Tochter, dem Aufkommen des Nationalsozialismus – verdunkelt sich der Ton, dichtend setzt sie sich mit der Verfolgung auseinander.

Fremdheit.
Breitnau, 6. Juni 1937

Wie starr muss ich geworden sein,
Wie sehr mir selbst entwendet,
Daß ich nun ohne Worte sein
Muß, - wie mir selbst entwendet.
(…)
Mich, die des dunklen Tannwalds Höhn;
Des Schwarzwalds tiefe Schwere
Erhoben, wann ich sie gesehn,
Aus düst’rer Erdensphäre,-
(..)
Noch spür’ den Sommer ich, der webt,
Noch schmeckt ich seine Süße…
Doch wenn ich nach ihm fassen will,
Der tief mir war zu eigen,
Da wird’s um mich so fremd und still,
Das Land hüllt sich in Schweigen.

Frl. Dallheim zum Abschied
3. Dezember 1941
Lange hast Du Dich gesehnt,
Endlich wird es wahr,
Und was endlos Du gewähnt,
Geht zu End dies Jahr.
Ach, was hat man uns getan,
Qual und Not und Pein.
Und wir trugen's, Frau und Mann,
Nun bin ich allein.
Doch nicht Trauer füllt den Sinn,
Tut auch der Abschied weh,
Ziehe, ziehe froh dahin,
Zieh nach Übersee!

Und verkünde tausendfach,
Was man an uns tut
Hunger, Kälte, Härte, ach
Qualen bis aufs Blut!

Rufe Freundin, rufe laut
Wecke Taube auf!
Daß man auf uns Ärmste schaut,
Rettet uns zuhauf!

Rettet uns, eh es zu spät,
Helft, ach helft sofort,
Nicht dass der Wind dies Wort verweht,
Ich sag Euch, es ist Mord.

Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Eva Mendelsson und Martin Ruch

Buchtipp:
Eva Mendelsson - Martin Ruch:
Sylvia Cohn 1904-1942,
Gedichte und Briefe.
Norderstedt 2004

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