Biography of Markus Roth, Toni Roth geb. Stern and 3 more
(German and english text)
(Die Stolpersteine für Familie Roth liegen z.Z. noch vor der Synagoge Lahnstraße 28a)
Familie Roth (genannt Herze)
Haus: Lahntalstraße 20 / frühere Hausnr. 7
Markus Roth
kam am 5. September 1893 als Sohn von Jonas und Lina Roth in Nieder-Ohmen zur Welt. Er erlernte zunächst das Metzgerhandwerk. Im Ersten Weltkrieg nahm er an zahlreichen Schlachten teil und wurde sowohl mit dem Eisernen Kreuz 2. Klasse als auch mit der Hessischen Tapferkeitsmedaille ausgezeichnet. 1922 heiratete er Selma, die Tochter von Herz und Emma Stern, und zog in das Haus seiner Schwiegereltern ein. In Roth betrieb er einen Handel mit Futter und Düngemitteln, pflegte enge Kontakte zu seinen bäuerlichen Kunden und war allseits angesehen.
Mit Selma bekam er die drei Kinder Leo Herbert, Adelheid Irene und Jakob Walter.
Am 28. Februar 1934 verstarb Selma plötzlich an einer schweren Infektion. Daraufhin heiratete Markus Roth im Jahr 1936 eine Verwandte seiner Frau aus Roth, Toni Stern. Markus Roth wurde 1935 in der Oberhessischen Zeitung wegen angeblich unlauteren Handels heftig denunziert, eine von vielen Aktionen der Nazis, um jüdische Geschäftsleute zur Strecke zu bringen. Sein Geschäft kam praktisch zum Erliegen, und die Familie ernährte sich nur noch mühsam vom Ersparten und von ihrer kleinen Landwirtschaft.
Markus Roth sah für sich und seine Familie nun keine Zukunft mehr in Deutschland und betrieb seine Auswanderung in die USA. Am 16. Juni 1938 meldete sich die Familie polizeilich in Roth ab und bestieg in Bremerhaven das Schiff New York, mit dem sie das rettende Ufer erreichte.
Die Familie Roth ließ sich in Chicago nieder, wohin 1937 bereits Verwandte aus Roth emigriert waren. In der Freiheit galt es, sich eine neue Existenz aufzubauen, was für Markus Roth mit seinen drei halbwüchsigen Kindern, zu denen im Januar 1939 noch das Baby Helen kam, nicht leicht war. Der einst selbstständige Geschäftsmann wurde zum Lohnarbeiter in einem Schlachthof, leistete schwere Arbeit und lebte in schwierigen wirtschaftlichen Verhältnissen. Mit der Zeit setzte ihm die Arbeit gesundheitlich so zu, dass er herzkrank wurde. 1967 verstarb Markus Roth in Chicago.
Toni Roth
wurde am 27. Juli 1898 als Tochter von Mannes und Bertha Stern geboren. Sie litt sehr darunter, dass sie ihre Mutter Bertha und die beiden Brüder Louis und Hugo in Deutschland zurücklassen musste und diese den Holocaust nicht überlebten. Trotz dieses Schicksals war sie die gute Seele der Familie, die ihre drei Stiefkinder ebenso liebevoll wie ihr eigenes Kind umsorgte und erzog. Von allen Enkel- und Urenkelkindern wurde sie geliebt und geachtet.
Sie war eine talentierte Köchin und Bäckerin, und mit ihren Speisen bewahrte sie die dörfliche, hessisch-jüdische Tradition in Chicago.
Toni Roth starb im hohen Alter von fast 100 Jahren am 28. Januar 1998.
Der Stolperstein für Toni liegt vor ihrem Elternhaus neben den Steinen für ihre Mutter Bertha Stern und ihre Brüder Louis und Hugo.
Herbert Roth
wurde als ältester Sohn von Markus und Selma am 17. Oktober 1923 geboren. Vor 1933 integriert in die Dorfjugend, spielte er am liebsten Fußball auf den Wiesen an der Lahn. Nach der Machtübernahme Hitlers wurde er jedoch von den einstigen Kameraden, die in die Hitlerjugend eintraten, vom gemeinsamen Spiel ausgeschlossen. Lehrer Knott hetzte im Unterricht jeden Morgen gegen Juden und beendete seine Reden mit dem Satz „Anwesende ausgeschlossen“, womit er jedoch gerade den jüdischen Jungen traf. Zu der traurigen und schwierigen familiären
Situation trat die Isolation durch Ausgrenzung. Im Oktober 1936 feierte Herbert Roth als letzter jüdischer Junge seine Bar Mitzwah in der Rother Synagoge. In Vorbereitung auf die Auswanderung schickte Markus Roth seinen Ältesten vorsorglich zum Englischunterricht nach Marburg, und in den USA angekommen, war er zunächst der Dolmetscher der Familie. Herbert setzte alles daran, um in dem neuen Land heimisch zu werden und diese letzten, so bedrückenden Jahre seiner Kindheit hinter sich zu lassen.
Bald sprach er nur noch Englisch. Zunächst besuchte er die Highschool, die er jedoch nach zwei Jahren ohne Abschluss verließ, um zum Familieneinkommen beizutragen im Hosengeschäft seines Onkels namens Hammerschlag. 1943 meldete er sich zur Armee, verließ diese jedoch aus gesundheitlichen Gründen nach wenigen Monaten. Nach einem Intermezzo bei einer Versicherungsfirma nahm er 1944, gefördert durch ein Stipendium, das Studium der Wirtschaftsprüfung an einem College in Chicago auf und legte 1946 sein Examen als Wirtschaftsprüfer ab. Zunächst arbeitete er in einer kleinen Firma, 1950 machte er sich selbstständig und war sehr erfolgreich in seinem Beruf. Herbert Roth engagierte sich darüber hinaus sozial, zunächst zwölf Jahre als Direktor und später als Präsident des Jewish Children’s Bureau, anschließend 16 Jahre als Präsident eines jüdischen Altenwohnheims. In Chicago lernte Herbert Roth seine Frau Elsa kennen, ebenfalls Kind deutscher jüdischer Emigranten, aus Bad Dürkheim gebürtig. 1948 heirateten sie. Sie haben zwei Töchter, fünf Enkelkinder und eine Urenkelin. Elsa starb am 25. Juni 2013, Herbert zwei Jahre später am 17.Januar 2015.
Irene Roth
Irene Roth wurde am 22. Januar 1925 als Tochter von Markus und Selma geboren. Sie besuchte die Rother Volksschule, und in Chicago absolvierte sie die Highschool. Arbeit fand sie in einem jüdischen Altenwohnheim. Sie kümmerte sich außerdem liebevoll um ihre Nichten und Neffen. Am 15. September 1969 verstarb sie im Alter von nur 44 Jahren.
Walter Roth
ist das jüngste Kind von Markus und Selma, geboren am 18. April 1929. Er war erst fünf Jahre alt, als er seine Mutter verlor, ein traumatisches Erlebnis. In seiner Kindheit gab es kein Herumtoben mehr mit den Dorfkindern, nur die etwas älteren jüdischen Jungen Kurt Bergenstein und Helmut Höchster blieben ihm als Spielkameraden. Eine Ausgrenzungserfahrung in der Schule ist ihm besonders im Gedächtnis geblieben. Lehrer Knott hatte eine Belohnung für den, der die Rechenaufgabe am schnellsten lösen würde, ausgesetzt; Walter schaffte dies und wähnte sich schon als stolzer Gewinner. Doch der Lehrer sagte, dieser Preis sei nicht für Juden zu erringen. Als Walter in die USA kam, sprach er kein Wort Amerikanisch, und man schickte den Neunjährigen zunächst einmal in einen Kindergarten. Doch rasch eignete er sich die Sprache an, wurde in die Schule aufgenommen, übersprang eine Klasse und beschloss die Highschool mit Bravour. Er studierte an der University of Illinois in Chicago, anschließend besuchte er die Law School der University of Chicago, wo er 1952 sein juristisches Examen ablegte. Nach einem einjährigen Kibbutz-Aufenthalt in Israel ließ er sich als Rechtsanwalt in Chicago nieder. Er engagierte sich vielfältig, genannt seien nur der American Jewish Congress und die Chicago Jewish Historical Society, deren Präsident er viele Jahre war. Als solcher verfasste er Bücher und zahlreiche Artikel zur Chicagoer jüdischen Geschichte. Mit seiner Frau Chaya, gebürtige Berlinerin und ebenfalls Holocaust-Überlebende, hat er einen Sohn, zwei Töchter und sieben Enkelkinder. Walter starb am 19. Januar 2019.
The Roth family
known as the “Herze”
Address: 20 Lahntal Street / formerly: House#7
Markus Roth
September 5, 1893 in Nieder-Ohmen —1967 in Chicago
was the son of Jonas and Lina Roth. He first learned the trade of a butcher. During World War I he participated in many battles and was awarded both the second class Iron Cross and the Hessian Medal of Bravery. He married Selma, the daughter of Herz and Emma Stern in 1922, and moved into their house. A dealer in feed and fertilizer in Roth, he was in close contact with his customers and well-respected by all.
He and Selma had three children, Leo Herbert, Adelheid Irene, and Jakob Walter.
His wife Selma died suddenly of an infection on February 28th, 1934. In 1936, he married his wife’s relative, Toni Stern.
The Oberhessian Newspaper (Oberhessische Zeitung) published an article in 1935, denouncing Markus Roth for unfair business practices. This was a common Nazi tactic for ruining Jewish businesses. Markus Roth’s business effectively collapsed, and he and his family had to live on their savings and their own meager farming.
With no prospect of being able to care for his family in Germany, Markus Roth decided to emigrate to the US. On June 16th, 1938, he gave the proper authorities notice of his family’s departure, and they boarded the ship New York in Bremerhaven, on which they reached safer shores.
The Roth family settled in Chicago, where some relatives from Roth had already moved in 1937. They now had to build a new life for themselves, which wasn’t easy for Markus Roth and his three half-grown children. Another baby, Helen, was born in January 1939, which didn’t make things any easier. The once independent businessman had to work as a hired hand in a slaughterhouse. The work was hard, and the family’s economic situation was not easy. In time the work affected his heart. He died in 1967 in Chicago.
Toni Roth, neé Stern
July 27, 1898 in Roth—January 28, 1998 in Chicago
was the daughter of Mannes and Bertha Stern. She long suffered from the knowledge that she had had to leave her mother and two brothers behind in Germany where they did not survive the Holocaust. She was the good soul of the family, who raised and cared for her stepchildren with all of the love that she had for her own biological daughter. She was deeply loved and respected by all of her grandchildren and great-grandchildren.
She was a talented baker and cook, continuing to make food in the Hessian-Jewish village tradition in Chicago.
Toni Roth died on January 28th, 1998, nearly 100 years old.
Herbert Roth
October 17, 1923 in Roth – January 17, 2015
is the oldest son of Markus and Selma Roth. He was well-integrated with his village peers before 1933. He greatly enjoyed playing soccer on the fields near the Lahn river. After Hitler came to power, his boyhood friends all joined the Hitler Youth, and he was excluded from the games. The schoolteacher Knott held diatribes against the Jews every morning, always ending with the sentence “with the exception of those present.” Of course, uttering this sentence brought attention to the boy, causing the most harm. In addition to his tragic and difficult family situation, he was isolated from those who were once his friends.
In October 1936 Herbert Roth became the last Jewish boy to celebrate his bar mitzvah in the synagogue in Roth. In preparation for their emigration, Markus Roth sent his eldest son to Marburg for English classes. When they first arrived in the US, he did the translating for the family. Herbert did all he could to integrate himself in his new country and to leave the difficult years of his childhood behind him.
Soon he only spoke English. At first he went to high school, but he left after two years without graduating. He worked in the pants store owned by his uncle, Mr. Hammerschlag, to bring in some money for the family. He joined the army in 1943, but had to withdraw after only a few months for health reasons.
After a short interim working for an insurance company, he got a scholarship to study accounting at a college in Chicago in 1944. He graduated in 1946, and first began to work for a small company. He started his own business as a certified public accountant with great success in 1950.
Herbert Roth was also very active in his community and served twelve years as director, later as president of the Jewish Children's Bureau. He then served 16 years as president of a Jewish nursing home. He met his wife Elsa in Chicago. She came from Bad Duerkheim. They married in 1948, and have two daughters, five grandchildren, and two great-grandchildren. Elsa Roth died on June 25th, 2013, after nearly 65 years of marriage. Herbert Roth passed away on January 17th, 2015.
Irene Roth
January 22, 1925 in Roth – September 15, 1969
was the daughter of Markus and Selma Roth. She attended the school in Roth and graduated from a school in Chicago. She then began working various jobs, one being at a bookbinding shop. She also helped care for her nephews and nieces. She died on September 15 th, 1969, at only 44 years of age.
Walter Roth
April 18, 1929 in Roth
is the youngest son of Markus and Selma Roth. He was also the last child born to a Jewish family in Roth. His mother passed away when he was only five. He never played with the other boys from the village in his childhood, his only playmates were the older Jewish boys, Kurt Bergenstein and Helmut Hoechster. One instance of being ostracized at school has particularly stayed with him over the years. The schoolteacher Knott had had a prize for the student who could solve a math problem the fastest. Walter was the fastest and wanted to claim his prize, but the teacher said that this prize could not be won by a Jew.
When Walter arrived in the US he didn't yet speak any English, so he was put in the kindergarten class despite being nine years old.
He learned English quickly, however, and was accepted to the school proper. He skipped a grade and ended up finishing high school with honors.
Attending the University of Illinois in Chicago, then the Law School of the University of Chicago, he earned his law degree in 1952. After spending a year at a kibbutz in Israel, he settled down as a lawyer in Chicago.
He was very active in the community, serving as a member of the American Jewish Congress and the Chicago Jewish Historical Society, among other things. He was president of the latter for many years, writing books and countless articles about the history of Jews in Chicago.
He published his memoirs, Departure and Return, in 2013. It deals with his emigration from Roth and his reflections on later visits he made to the village.
He and his wife Chaya, who was born in Berlin and also survived the Holocaust, have a son, two daughters, and seven grandchildren.
Walter died on January 19 th, 2019.
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Thanks to Martin Schreyer, Claudia Körner, Anett Humboldt, Peter Hein and 6 more.Stolpersteine nearby
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