Biografie von Karolina Thomas
Erinnerungen an KAROLINA THOMAS (1884–1940)
„Hat ab u[nd] zu ein bis zwei Wochen in denen sie ruhiger … ist.“
Als am 26. und 27. August 1940 die ersten beiden Patiententransporte aus der Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren-Irsee in die „Euthanasie“-Anstalt Grafeneck führten, waren dort bereits über 5.000 Menschen mit Kohlenmonoxid ermordet worden. Seit langen Jahren in Anstaltsbehandlung, ohne Aussicht auf Besserung oder gar Entlassung und ohne Familie gehörte die 56-jährige Karolina Thomas zu den ersten Opfern aus Irsee. Denn dies waren neben der Arbeitsfähigkeit die entscheidenden Kriterien, nach denen in der Berliner „Euthanasie“-Zentrale anhand der zuvor aus den Anstalten gesandten Meldebogen psychisch Kranke und behinderte Menschen selektiert wurden.
Leben und Arbeit in der Schweiz
Karolina wurde am 1. April 1884 in Nördlingen geboren und arbeitete seit ihrem 15. Lebensjahr als Dienstmädchen. Vermutlich auf Stellungssuche gelangte sie um 1900 in die Schweiz, wo sie im Jahr 1906 den in Berg/Thurgau ansässigen Coiffeur Fritz Thomas geheiratet hatte. Aus dem Jahr 1916 datieren erste aktenkundige Anzeichen einer psychischen Erkrankung. Eine Depression mit Suizidgefahr hatte einen stationären Aufenthalt im Sanatorium Kilchberg bei Zürich notwendig werden lassen. Bis dahin, so die Einträge im Krankenblatt, galt Thomas als „gute, arbeitsame Hausfrau“, die zudem im Geschäft ihres Mannes als Coiffeuse gearbeitet hatte. Elf Jahre später, am 12. August 1927, folgte nach plötzlich aufgetretenen Erregungszuständen die zweite, nunmehr dauerhafte Aufnahme in ein psychiatrisches Krankenhaus.
Überstellung nach Deutschland
Karolina Thomas kam zunächst in die ihrem Schweizer Wohnort nächstgelegene Thurgauische Irrenanstalt Münsterlingen am Bodensee. Als sich abzeichnete, dass sie längerfristig behandelt werden muss, wurde sie als deutsche Staatsbürgerin in eine Heil- und Pflegeanstalt des Deutschen Reiches überführt. Am 23. Dezember 1927 traf sie in Kaufbeuren ein. Am neuen Aufenthaltsort war sie ständig erregt, redete ununterbrochen und zerriss Wäsche und Bettzeug. Dieser Zustand hielt bis zum August 1928 an. Dann heißt es im Krankenblatt erstmals: „Etwas ruhiger, versuchsweise ausser Bett.“
Im Jahr 1930 forderte das Notariat der Stadt Berg/Thurgau ein psychiatrisches Gutachten „zum Zwecke der Einleitung eines Bevormundungsverfahrens“ an. Den Auftrag übernahm Alfred Prinzing, der 1929 in den Ruhestand getretene Direktor der Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren-Irsee. Er diagnostizierte eine schizophrene Psychose und schlussfolgerte: „… nach deutschem Rechte wäre an sich nach dem geistigen Zustande und der trostlosen Aussicht für später die Entmündigung wegen Geisteskrankheit gerechtfertigt.“ Prinzing empfahl allerdings lediglich eine Entmündigung „wegen Geistesschwäche“, „weil immerhin noch eine, wenn auch ganz entfernte Möglichkeit bestehen könnte, dass doch noch einmal eine gewisse Besserung eintreten könnte.“ Nachdem diese Besserung ausblieb, wurde die Patientin am 20. Juli 1931 in die Nebenstelle Irsee verlegt.
Der Gesundheitszustand von Karolina Thomas blieb über all die Jahre hinweg unverändert. Fast alle Einträge im Krankenblatt thematisieren unruhiges Verhalten, Halluzinationen und Zerstörungen. Nach eineinhalb Jahren in Irsee heißt es im Januar 1933: „In letzter Zeit etwas ruhiger“ und „Läßt sich zu Näharbeiten heranziehen.“ Ähnlich lautet ein Eintrag aus dem Jahr 1936: „Hat ab u[nd] zu ein bis zwei Wochen in denen sie ruhiger … ist.“ Der geschiedene Ehemann ließ den Kontakt Anfang der 1930er-Jahre abbrechen. Sein letzter Brief datiert vom Mai 1932. Besuch schien sie nur sehr selten von ihrer gleichfalls in der Schweiz lebenden Schwester erhalten zu haben. Die Schwester erkundigte sich im Januar 1941, nachdem sie ihre Neujahrspost als unzustellbar zurückgesandt bekommen hatte, ob Karolina Thomas „anderweitig versorgt oder gestorben ist“. Die Antwort der Heil- und Pflegeanstalt ist nicht überliefert.
Karolina Thomas war bereits am 27. August 1940 nach Grafeneck verlegt worden. Dort wurde sie vermutlich noch am selben Tag in der Gaskammer mit Kohlenmonoxid ermordet.
Autor: Dietmar Schulze
Abbildungen
Titelbild, Abb. 1: Auszug aus der Verlegungsliste (27. August 1940), Historisches Archiv des Bezirkskrankenhauses Kaufbeuren
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