Biografie von Ella Banehr
Erinnerungen an ELLA BANEHR (1916 –1944)
„… zeigt sich immerhin anhänglich an die Schwester …“
„Nun ist auch meine liebe Schwester Ella Banehr in ihrem 28. Lebensjahre meinen Eltern in den Tod gefolgt. In tiefer Trauer: Frau Liselotte Schroeder, geb. Banehr …“ lautet der knappe Text einer Todesannonce, die auf der letzten Seite der Bremer Zeitung vom 7. Mai 1944 erschien. Ohne die Angabe von Daten und Orten erregt die kleine, von vielen weiteren Todesmeldungen gerahmte Anzeige nur geringe Aufmerksamkeit. Sie ist jedoch der Schlusspunkt einer tragischen Lebensgeschichte, die sich erst nach dem Lesen weiterer Ausgaben der Bremer Zeitungen und verschiedener Akten erschließt.
Ella Banehrs Eltern, Diedrich und Ella Catharine, hatten am 4. April 1913 geheiratet. Am 2. Juli 1913 wurde das erste Kind geboren: die Tochter Liselotte. Drei Jahre später, am 14. Mai 1916, kam Ella Margarete in Burgdamm, heute Ortsteil des Bremer Stadtteils Burglesum, zur Welt. Über Ella Banehrs Kindheit und Jugend ist nur wenig bekannt. In den 1920er Jahren besuchte sie die Volksschule, allerdings nur für wenige Monate, da sie sich aufgrund ihrer eingeschränkten geistigen Fähigkeiten nicht zum Schulbesuch eignete. Im Sommer 1940 spitzte sich die familiäre Situation dramatisch zu: Diedrich Banehr, der Vater, verstarb unerwartet am 20. August 1940. Etwa einen Monat später, am 23. September, nahm sich die Mutter das Leben. Gemeinsam mit ihrer Tochter suchte sie den Tod in der Lesum, einem Nebenfluss der Weser. Der erweiterte Suizid misslang. Die Bremer Zeitung berichtete von der „muti ge[n] Rettungstat“ eines älteren Mannes, der abends „mit seinem Boot auf der Lesum [fuhr], als er plötzlich Hilferufe hörte. Er fuhr darauf zu und sah zwei Frauen, die sich im Wasser umklammert hielten“. Unter Mühen gelang ihm, so die Zeitung weiter, „eine der beiden Frauen lebend an Land zu bringen. Die andere Frau ertrank“.
Für die überlebende 24-jährige Ella Banehr fungierte fortan ein örtlicher Handwerksmeister als Vormund. Bei ihrer Schwester Liselotte, die zwischenzeitlich eine Familie gegründet hatte, konnte Ella nicht dauerhaft unterkommen. Die junge Frau galt als „Gefahr“ für ihre wenige Monate alte Nichte. Der hinzugezogene Amtsarzt erstellte ein Gutachten, in dem er „Schwachsinn erheblichen Grades“ diagnostizierte und aufgrund der Familienverhältnisse Ellas Unterbringung in einer Heil- und Pflegeanstalt empfahl. Sechs Monate nach dem Suizid der Mutter, am 27. März 1941, erfolgte die Einweisung in die nahegelegenen Rotenburger Anstalten der Inneren Mission (seit 1996 Rotenburger Werke).
Zur Deckung der anfallenden Kosten in Rotenburg ließ Liselotte Schroeder den Nachlass ihrer Eltern verkaufen. Am 7. September 1941 erschien in der Bremer Zeitung ein Inserat, das die Versteigerung der elterlichen Landstelle „mit Strohdachhaus und Stallung“ ankündigte. Am 22. November informierte die Bremer Zeitung über den Verkauf des verbliebenen Hausrats. Der erste und einzige Eintrag des Rotenburger Arztes Dr. Kurt Magunna in der Krankengeschichte datiert auf den 4. Juni 1941: „Ist tagsüber in der Kartoffelschälküche, wo sie leidlich brauchbar ist. Am Tag ist sie sauber, nachts nicht, sich anziehen und essen kann sie allein.“ Außerdem konstatierte er albernes Benehmen, kindliche Sprache und mangelndes Ausdrucksvermögen. Der nächste Akteneintrag erfolgte vier Monate später, am 4. Oktober 1941: „nach Günzburg verlegt“, heißt es in lapidarer Kürze.
Ella Banehrs Überführung nach Günzburg war aus schließlich dem nationalsozialistischen Angriffskrieg geschuldet. Um im Bedarfsfall, das heißt nach einer möglichen Zerstörung medizinischer Einrichtungen durch alliierte Bombenangriffe, ausreichend Kranken betten in Bereitschaft zu haben, mussten die Rotenburger Anstalten auf staatliche Anordnung geräumt werden. Ella Banehr und weitere 139 Rotenburger Anstaltsbewohner wurden per Eisenbahn nach Süddeutschland in die Heil- und Pflegeanstalt Günzburg geschafft. Kaufbeuren-Irsee, die andere schwäbische Heil- und Pflegeanstalt, hatte am 8. und 9. Oktober 91 Rotenburger Patienten unterzubringen.
Während die junge Patientin in Rotenburg noch mit Küchenarbeiten beschäftigt wurde, blieb sie in Günzburg ohne sinnvolle Beschäftigung und sich weit gehend selbst überlassen. Etwa sieben Monate nach der Ankunft in Günzburg, am 18. Mai 1942, erfolgte der erste Eintrag in der Krankenakte: „Unordentliche Kranke, aber nicht unsauber, lässt sich gehen.“ Der zweite Akteneintrag vom 16. November 1943: „Sehr stumpf, teilnahme- u[nd] interesselos, äußert keinerlei Wünsche, sitzt untätig herum“ markiert gleich zeitig den Tag ihrer Weiterverlegung zur Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren-Irsee. Diese erneute Verlegung ist gleichfalls auf die kriegsbedingten Einschränkungen des zivilen Lebens zurückzuführen. Die Heil- und Pflegeanstalt Günzburg musste zugunsten Augsburger Krankenhäuser geräumt werden.
Da Ella Banehr nicht lesen und schreiben konnte, riss mit der Verlegung von Rotenburg in das mehrere hundert Kilometer entfernte Allgäu der Kontakt zur Familie ab. Ihre Schwester Liselotte sandte ihr in den Jahren 1942 und 1943 aus Anlass des Geburtstags ein Päckchen nach Günzburg. Bei dieser Gelegenheit erkundigte sie sich auch nach dem Befinden der Kranken. Aus der Zeit in der Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren-Irsee ist keine Korrespondenz überliefert. Besuch erhielt Ella Banehr in den über zwei Jahren ihres Aufenthalts in Günzburg und Irsee nicht.
Wahrscheinlich kam Ella Banehr ohne Umweg über die Hauptanstalt in Kaufbeuren sofort in den Irseer Anstaltsteil. Die Einschätzung des Irseer Abteilungsarztes, Lothar Gärtner, vom 3. Dezember 1941 entspricht in den Grundzügen der seiner Günzburger Kollegen, ergänzt um die wohlwollende Formulierung „zeigt sich immerhin anhänglich an die Schwester“. In Irsee wurde Ella Banehr nur verwahrt. Da sie nicht zur Hausarbeit herangezogen werden konnte, verbrachte sie die Tage beschäftigungslos auf der Station. Versuche, ihren körperlichen und geistigen Zustand therapeutisch zu beeinflussen, fanden nicht statt. Weder bei Ella Banehr noch bei den anderen Patientinnen und Patienten in Irsee. Ella Banehrs Krankengeschichte endet am 2. Mai 1944. Gärtner konstatierte „[z]unehmende Blässe und Abmagerung“, „unstillbare Durchfälle“ und „versagende Herzkraft“, schließlich „Todesursache: Tuberculose der Lunge und des Darms“. Dass Ella Banehr sich mit Tuberkulose infiziert hatte, ist vermutlich korrekt. Den Aufzeichnungen einer Irseer Krankenschwester zufolge wurde sie jedoch von der Krankenschwester Pauline Kneissler mit dem Schlaf- und Beruhigungsmittel Luminal ermordet. Ihr Grab befindet sich auf dem Anstaltsfriedhof (Abt. I/Reihe I, Grab 23).
Autor: Dietmar Schulze
Abbildungen
Titelfoto: Bremer Zeitung (7.5.1944)
Abb. 1: Postkarte der Schwester, Liselotte Schroeder, an die Heil- und Pflegeanstalt Günzburg (8.5.1942), Bezirksarchiv Schwaben, BKH Krankenakte Ella Banehr
Abb. 2: Gewichtsliste aus der Krankenakte, Bezirksarchiv Schwaben, BKH Krankenakte Ella Banehr
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