Biografie von Richard Scherer
Erinnerungen an meinen Onkel RICHARD SCHERER (1915-1945)
Mit dem Zug ins Allgäu
Am 9. Januar 1945 erreicht ein Lazarettzug mit 300 Menschen den Bahnhof Kaufbeuren. 284 Frauen und Männer sind Patienten der badischen Heil- und Pflegeanstalt Emmendingen, nördlich von Freiburg i. Br. gelegen. Außerdem im Zug das begleitende ärztliche und pflegerische Personal. Einer der Patienten ist Richard Scherer aus dem Schwarzwalddorf Schenkenzell im Kinzigtal. Er litt an einer psychischen Störung, die als „Schizophrenie“ diagnostiziert wurde. Seit Dezember 1942 befand er sich deshalb dauerhaft stationär in der Anstalt. Nach der Ankunft in Kaufbeuren wurde Richard Scherer zusammen mit weiteren Patienten noch am gleichen Tag in die nahegelegene Kaufbeurer Nebenanstalt in Irsee weitergeleitet.
Zwei Tage zuvor, am 7. Januar 1945, fuhr der Zug in Emmendingen los. Mit diesem Patiententransport in die „Ausweichanstalten“ Kaufbeuren und Irsee war die Evakuierung der Heil- und Pflegeanstalt in Emmendingen abgeschlossen. „Kriegswichtige Zwecke“ angesichts der im November 1944 am Oberrhein rasch herannahenden Front mit dem Vormarsch der alliierten Truppen in Frankreich waren der Räumungsgrund. Die Gebäude wurden fortan für die allgemeine stationäre Versorgung von akut erkrankten Menschen genutzt, und es wurde ein Kriegslazarett eingerichtet. Von den ursprünglich über 1.000 Patienten verblieben lediglich 186 arbeitsfähige Frauen und Männer in Emmendingen. Sie waren für Tätigkeiten in der anstaltseigenen Landwirtschaft sowie für Dienste in der Küche und der Wäscherei vorgesehen.
In kürzester Zeit und mit großer Eile war im Dezember 1944 die Verlegung der Emmendinger Patienten in die „Ausweichanstalten“ bewerkstelligt worden. Außer Kaufbeuren und Irsee waren dies die badische Pflegeanstalt Geisingen bei Donaueschingen sowie die württembergische Anstalt Schussenried. Von den im Januar 1945 nach Kaufbeuren und Irsee verlegten 284 Patienten waren dort bis Ende März 1945 schon 66 Frauen und Männer, darunter auch Richard Scherer verstorben. (Alle Zahlen nach G. Richter, 2005) Die Evakuierung der Patienten nach Kaufbeuren und Irsee bedeutete im Rückblick die Verlegung in zwei nach dem Krieg als „Tötungsanstalten“ bezeichnete Einrichtungen.
Für sieben Wochen in Irsee
Richard Scherer wird sieben Wochen in der Heil- und Pflegeanstalt Irsee verbringen. Es sind seine letzten Lebenswochen. Am 26. Februar 1945 kommt er dort zu Tode. Zwei Tage später wird er auf dem 1944 neuangelegten Friedhof hinter der Anstalt begraben.
Die wenigen Hinweise in den Akten belegen, dass Richard Scherer mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit zu den Opfern der in dieser Zeit in Irsee verübten Patientenmorde gehört. Die heute noch in den Akten nachvollziehbaren Vorgänge sowie vergleichbare Vorgänge bei weiteren Irseer Patienten legen dies nahe.
Mit der Verlegung nach Irsee gelangten auch die Emmendinger Akten zu Richard Scherer dorthin: die medizinische Behandlungsakte mit den Belegen ab der Aufnahme am 18. Dezember 1942 (Akte im Staatsarchiv Freiburg – Landesarchiv Baden-Württemberg) sowie eine in Emmendingen neu angelegte Verwaltungsakte für die Vorgänge in der Zeit des Aufenthaltes in Kaufbeuren und Irsee (Akte im Historischen Archiv des Bezirkskrankenhauses Kaufbeuren). Für die sieben Wochen in Irsee ist in der medizinischen Behandlungsakte ein einziger, in Handschrift vorgenommener Vermerk festzustellen: „26.2.45. +. Bronchopneumie (107)“, dazu der Eintrag über den Todestag und die Todesursache.
Der Akte beigeheftet wurde das Formblatt der in Irsee geführten „Gewichtsliste“ mit den Einträgen für die Monate Januar (53 kg) und Februar (52,5 kg) 1945 sowie dem Todesdatum.
Die in Irsee ab der Aufnahme am 9. Januar 1945 geführte Emmendinger Verwaltungsakte gibt weitere Aufschlüsse zu den Vorgängen zum Sterben und Tod von Richard Scherer. Erstmals wird ein Beleg für diese Akte mit Datum vom 21. Februar 1945 erstellt, die Abschrift eines Telegramms an die Familie in Schenkenzell: „Richard Scherer lebensgefährlich erkrankt bei Ableben Einäscherung wenn einverstanden Drahtzustimmung. Anstalt Irsee Allgäu.“ Der 21. Februar 1945 ist der 30. Geburtstag von Richard Scherer. Im Antworttelegramm zwei Tage später bittet die Familie für diesen Fall um eine „kath(olische) Beerdigung auf dem zustaendigen Friedhof“. Am 26. Februar dann ein weiteres Telegramm aus Irsee an die Familie: „Richard Scherer 26. Febr. gestorben, Beerdigung 28. Februar 13 Uhr in Irsee Anstalt Irsee.“ Schon wegen der unsicheren Verkehrslage in den letzten Kriegsmonaten konnte freilich niemand aus der Familie zur Beerdigung nach Irsee kommen.
Vier Wochen später, mit Schreiben vom 25. März 1945 „An die Anstalt Irsee“, erbittet die Familie nähere Auskünfte über Richard Scherer zu dessen „Ergehen und Befinden in der letzten Zeit und den letzten Tagen“. Das Antwortschreiben der „Direktion der Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren des Bezirksverbandes Schwaben Abteilung Irsee Bahnstation Leinau“ vom 14. April 1945 nachfolgend im Wortlaut: „In Beantwortung Ihres Schreibens vom 25.3.45 teilen wir Ihnen mit, dass Herr Scherer an einer Lungenentzündung gestorben ist. Er war immer der gleiche ruhige Kranke. Die letzten Tage vor seinem Tode verlebte er in einem Dämmerzustande, indem er dann sanft entschlafen ist. Der Pfarrer des Ortes Herr Wille hatte dem Verstorbenen die Sterbesakramente gereicht und auch die kirchliche Beerdigung vorgenommen. Die Grabstätte wird auf viele Jahre unentgeltlich von der Anstalt gepflegt und unterhalten. Heil Hitler! I. A. gez. Frick.“
In der Gesamtschau der Vorgänge bei den Patientenmorden in der Heil- und Pflegeanstalt Irsee ist daher mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass bei Richard Scherer mit einer überdosiert verabreichten Medikamentengabe eine Lungenentzündung, „Bronchopneumie (107)“, verursacht wurde, die dann wenige Tage nach Verabreichung zu seinem Tod führte. Auch das für den Sterbemonat Februar 1945 in der Gewichtsliste belegte Körpergewicht von 52,5 kg weist bei einem 30-jährigen Mann auf einen unterernährten Zustand hin. Die Tatsache, dass in der medizinischen Behandlungsakte von Richard Scherer zu den in dieser Zeit festgestellten Erkrankungen und daraus sich ergebender Behandlungsmaßnahmen keinerlei Vermerke vorliegen, ist als weiterer Beleg für eine gezielt herbei geführte Tötung zu werten.
Der Lebensweg von Richard Scherer – Stationen und Wegmarken
Richard Scherer ist mein Onkel und wird am 21. Februar 1915 in Schenkenzell im Schwarzwald als erstes von vier Kindern der Eheleute Kaufmann Richard Scherer sen. (1879 –1955) und Helene Scherer, geb. Gruber (1881–1964), geboren, meine Großeltern mütterlicherseits. Zusammen mit seinen drei Geschwistern, Hermann (1916 – gef. 1941), Erwin (1920 –1965) und Anna Scherer, verh. Eble (1923 –2014), meine Mutter, wächst er in einer musikalisch engagierten Familie auf. Richard Scherer erlernt mehrere Instrumente und strebt nach Ende der Schulzeit eine musikalische Tätigkeit an. Er nimmt weiteren Unterricht, besucht Kurse und wird Organist und Chorleiter an der Pfarrkirche St. Ulrich seiner Heimatgemeinde Schenkenzell.
1936 wird Richard Scherer zum Reichsarbeitsdienst (RAD) nach Freudenstadt im Schwarzwald einberufen. Mit Blick auf die danach zu erwartende Militärdienstzeit in der deutschen Wehrmacht versucht er weiterhin musikalisch tätig zu sein. Er bringt sich selber das Posaunenspiel bei und erhofft sich damit die Aufnahme in ein Militärmusikkorps. Dabei hatte er sich mit dem anstrengenden Üben offensichtlich körperlich und mental überfordert. Es zeigen sich bei ihm Anzeichen einer psychischen Erkrankung, die von Freudenstadt aus die Einweisung in die Universitäts-Nervenklinik Tübingen zur Folge haben.
Nach deutlicher Besserung seines Zustandes – die Diagnose „Schizophrenie“ konnte während der klinischen Behandlung nicht mit letzter Sicherheit gestellt werden, wird Richard Scherer nach einigen Wochen nach Hause entlassen. Dort setzt er seine musikalische Tätigkeit fort. Das zeitgleich eingeleitete Verfahren beim Erbgesundheitsgericht Tübingen mit Blick auf seine zwangsweise Unfruchtbarmachung (Zwangssterilisation) wird eingestellt (Akte im Staatsarchiv Freiburg – Landesarchiv Baden-Württemberg).
Die Einschätzung der Ärzte auf erneut auftretende Krankheitsschübe bei Richard Scherer sollte sich bestätigen. Diese Krankheitsschübe bedeuteten dann auch stets eine besondere Herausforderung für ihn selbst, seine Familie wie auch sein weiteres persönliches Umfeld. Im Dezember 1942 wird er in einer akuten Krankheitsphase in das Krankenhaus im benachbarten Wolfach eingeliefert und tags darauf in die badische Heil- und Pflegeanstalt Emmendingen verlegt. Richard Scherer verbleibt dort dauerhaft bis zum 7. Januar 1945. An diesem Tag erfolgt schließlich die kriegsbedingte Evakuierung der Anstalt und die Fahrt im Lazarettzug in die beiden im bayerischen Allgäu gelegenen „Ausweichanstalten“ Kaufbeuren und Irsee. In seinem Leben wird Irsee die letzte Station sein.
Ein „Dunkelfeld“ wird aufgehellt
Schon als Schüler (ich bin 1951 geboren) wusste ich irgendwie Bescheid über das Schicksal meines Onkels. In Familie und Verwandtschaft wurde darüber nur wenig und dies mit größter Zurückhaltung gesprochen. Dennoch ist mir der Ortsname „Irsee“ in Erinnerung geblieben. Im Herbst 1984 wurde ich durch einen Zeitschriftenartikel auf Berichte zu den sog. „Euthanasie“-Maßnahmen in Irsee aufmerksam (s. Ernst Mader 1982). Damit war ein erster Impuls zur Aufhellung gesetzt. In Irsee war ich erstmals 1999 und noch einmal bei einem Besuch im Jahr 2013. Zehn Jahre später, im September 2023, verbrachte ich zusammen mit meiner Frau einige Urlaubstage in Irsee. Bei Recherchen im Internet hatte ich zuvor festgestellt, dass zwischenzeitlich dort eine umfassende wissenschaftliche Aufarbeitung der „Euthanasie“-Maßnahmen erfolgt war, zahlreiche Publikationen vorlagen (u. a. die Reihe „Impulse“, Grizeto-Verlag Irsee), und es auf dem ehemaligen Anstaltsfriedhof eine Gedenkstätte gibt. Während dieser Tage in Irsee kam es zu Gesprächen mit Dr. Stefan Raueiser, dem Leiter des Bildungszentrums Irsee, Dr. Michael von Cranach, von 1980 bis 2006 Leitender Ärztlicher Direktor des Bezirkskrankenhauses Kaufbeuren, und Dr. Petra Schweizer-Martinschek vom Historischen Archiv des Bezirkskrankenhauses Kaufbeuren. Zudem konnten meine Frau und ich die Grabstelle von Richard Scherer ausfindig machen.
Wieder zurück in Offenburg war klar, jetzt konnte das „Dunkelfeld“ aufgehellt und die Ergebnisse zusammengestellt werden. Mit den nun vorliegenden Erkenntnissen kamen meine Frau und ich im Herbst 2024 erneut nach Irsee. Dazu erhielten wir eine Einladung des Schwäbischen Bildungszentrums Irsee zur Teilnahme an der Gedenkstunde „Lichter gegen das Vergessen“ auf dem ehemaligen Anstaltsfriedhof am Nachmittag des Allerheiligentages.
Mit der Verlegung eines Stolpersteines zum Gedenken und zur Erinnerung an Richard Scherer auf dem Irseer Klosterplatz vor dem Eingang der ehemaligen Heil- und Pflegeanstalt im Mai 2025 hat die Aufhellung dieses „Dunkelfeldes“ einen würdigen Abschluss gefunden.
Autor: Michael Eble
Quellen
Landesarchiv Baden-Württemberg, Abt. Staatsarchiv Freiburg:
Signatur StAF B132/1 1228 Erbgesundheitsgericht Tübingen (und Offenburg), Erbgesundheitssache des Scherer, Richard, Register für Erbgesundheitssachen XIII Nr. 139 von 1936.
Signatur StAF E120/1 5172 Badische Heil- und Pflegeanstalt Emmendingen, Medizinische Behandlungsakte – Ordnungsziffer 151 86, Patient: Scherer, Richard, Laufzeit der Akte vom 18. Dezember 1942 bis zum 09. Januar 1945.
Historisches Archiv des Bezirkskrankenhauses Kaufbeuren – Bezirkskliniken Schwaben, Kaufbeuren:
Badische Heil- und Pflegeanstalt Emmendingen, Verwaltungsakte – Ordnungsziffer 151 86 zum Aufenthalt in der Heil- und Pflegeanstalt Irsee bei Kaufbeuren, Patient: Scherer, Richard, Laufzeit der Akte vom 9. Januar 1945 bis zum 12. Oktober 1945.
Abbildungen
Titelfoto: Richard Scherer, Archiv Michael Eble, Offenburg
Abb. 1: Letzte Aktenseite der medizinischen Behandlungsakte, Landesarchiv Baden-Württemberg, Abt. Staatsarchiv Freiburg
Abb. 2: Klassentreffen des Schenkenzeller Jahrgangs 1914/15, Foto um 1934/35; erster von links: Richard Scherer, privat
Abb. 3: Familienfoto von 1939/40, Richard Scherer in Zivilkleidung mit seinen Geschwistern und den Eltern, Archiv Michael Eble, Offenburg
Abb. 4: Grabstelle von Richard Scherer auf dem nördlich der Irseer Klosterkirche gelegenen ehemaligen Anstaltsfriedhof, Foto vom 29. September 2023, Archiv Michael Eble, Offenburg
https://anstalt-irsee.de/wp-content/uploads/2025/06/richard-scherer.pdf
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Quellen & Impressum
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Werkleiter: Dr. Stefan Raueiser
Klosterring 4
87660 Irsee