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Keßler, Walburga

Biografie von Walburga Keßler

Erinnerungen an WALBURGA KESSLER (1918–1944)

„Sie lacht über das gesamte Gesicht.“

„Gut zu haben, immer froh und gut gelaunt“, notierte der Kaufbeurer Arzt Walter Weidmann im Sommer 1941 in der Krankengeschichte der 22 Jahre alten Walburga Keßler. Die in Burgberg im Oberallgäu geborene junge Frau war erst wenige Wochen zuvor auf Weisung des Kostenträges – des Landesfürsorgeverbandes Schwaben – aus der Heilanstalt Hall in Tirol ins Allgäu überstellt worden, in Anstaltspflege befand sie sich allerdings bereits seit mehr als zehn Jahren.
Walburga Keßler war an Armen und Beinen spastisch gelähmt. Sie konnte nicht sprechen, alle anderen Sinnesfunktionen waren hingegen weitgehend normal ausgebildet. Während der ersten Lebensjahre hatte die Mutter die Pflege und Versorgung übernommen. Der Familienüberlieferung zufolge trug sie Walburga ständig mit sich herum. Nach ihrem Tod im Februar 1928 musste jedoch eine andere Betreuungsmöglichkeit für das pflegebedürftige Kind gefunden werden. Anfang Januar 1929 brachte der Vater seine Tochter in die „Anstalt für Unheilbare – Jesuheim“ nach Oberlochau bei Bregenz. Dort lebte Walburga die nächsten zwölf Jahre bis Ende Februar 1941. Eine Krankengeschichte aus dieser Zeit ist nicht erhalten, weswegen ihr Leben in Oberlochau nicht nachgezeichnet werden kann.

Mit dem 27. Februar 1941 begann für Walburga Keßler eine mehrmonatige Odyssee durch verschiedene psychiatrische Krankenhäuser des Deutschen Reiches, die über die Hauptstelle der Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren schließlich bis in die Nebenstelle Irsee führte. Wegen der kurzen Verweildauer in den verschiedenen Aufnahmeanstalten wurden im Krankenblatt lediglich die Zugangs- und Abgangsdaten notiert und die in Oberlochau gestellte Diagnose „stumm und gelähmt seit Kindheit, nicht bildungsfähig“ sinngemäß übernommen. Erst die Kaufbeurer Ärzte um Valentin Faltlhauser diagnostizierten eingehender. Ihr Urteil lautete Schwachsinn infolge nachgewiesener Gehirnschädigungen mit spastischer Lähmung, Missbildung an beiden Beinen und Füßen (d.i. unterentwickelter) Muskulatur. Vermutlich hatte Sauerstoffmangel während des Geburtsvorgangs zum Absterben von Nervenzellen geführt und die Hirnentwicklung gestört.

Verlegung nach Irsee

Aus allen folgenden Bemerkungen im Krankenblatt spricht Empathie. So heißt es: „Sie lacht über das ganze Gesicht.“ oder „Wird regelmässig in den Garten gebracht. Fühlt sich sichtlich wohl.“ Trotz aller positiven Einträge im Krankenblatt wurde Walburga Keßler am 2. September 1941, wohl aufgrund der „Unheilbarkeit“ und des hohen Pflegeaufwands, in die Nebenstelle Irsee verlegt. Ihr Leben in Irsee kann nicht beurteilt werden. Für die fast drei Jahre Aufenthalt gibt es, mit Einschluss der Todesnachricht, lediglich fünf Einträge. Auch dabei klingt noch Empathie an, wenngleich Hilflosigkeit und Hilfsbedürftigkeit der Patientin viel stärker betont werden. Die Notiz des Irseer Oberarztes Lothar Gärtner vom Juli 1942 lautet: „Muss in allen Stücken besorgt werden, immerhin rein, zeigt an, wenn sie Verrichtungen benötigt. Vermag nicht zu sprechen, versteht indessen offenkundig einfache Fragen, reagiert sinngemäss; gibt auch sonst auf ihre Umgebung acht.“ Am 31. Juli 1944 sandte die Pfleganstalt Irsee zwei Telegramme an den Vater. Um 17.15 Uhr: „Walburga lebensgefährlich erkrankt. Besuch kann wegen Infektionsgefahr nicht gestattet werden.“ Um 19.30 Uhr: „Walburga gestorben. Beerdigung wegen Ansteckungsgefahr 1. August 9 Uhr in Irsee.“

Laut Krankengeschichte war Walburga Keßler neun Tage vor ihrem Tod an hohem Fieber mit Appetitlosigkeit und Benommenheit erkrankt. Eine in Erlangen vorgenommene Blutuntersuchung, deren Ergebnis vermutlich erst am Todestag in Irsee eintraf, ergab „Verdacht auf Typhus“. Der Leichenschauschein nennt lediglich Herzinsuffizienz als Todesursache. Die Grablegung erfolgte vermutlich auf dem neuen Anstaltsfriedhof, wobei der Typhusverdacht der Grund für die umgehende Beisetzung war.

Während des Augsburger Strafprozesses gegen Personal der Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren-Irsee wegen ihrer Beteiligung an der „Euthanasie“ wurde eine Liste mit den Namen von ca. 200 Irseer Mordopfern erstellt. Ein Name ist der von Walburga Keßler.

Autor: Dietmar Schulze

Abbildungen
Titelbild: Heimatschein der Gemeinde Mittelberg (1929), Historisches Archiv des Bezirkskrankenhauses Kaufbeuren
Abb. 1: Auszug aus dem Friedhofsbuch: Wald- und Anstalts-Friedhof Irsee, Historisches Archiv des Bezirkskrankenhauses Kaufbeuren

https://anstalt-irsee.de/wp-content/uploads/2025/06/namensflyer-walburga-kessler.pdf

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