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Kappestein, Elisabeth

Biografie von Elisabeth Kappestein

Erinnerungen an ELISABETH KAPPESTEIN (1872 –1945)

„Immer derselbe Zustand.“

„Der Krieg gibt auch dem Jahre 1943 sein Gepräge und damit auch den Heil- und Pflegeanstalten“, leitete der Direktor der Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren-Irsee, Valentin Faltlhauser, seinen Jahresbericht für das fünfte Kriegsjahr ein. „Namentlich der feindliche Bombenterror, der die deutschen Städte verwüstet“, so Faltlhauser, würde „seine besonderen Auswirkungen auf die Heil- und Pflegeanstalten“ zeigen. In der Nähe zerstörter Großstädte gelegene Anstalten müssten häufig als Ausweichquartier herangezogen werden, während die bisherigen Insassen „in anderen Heil- und Pflegeanstalten, oft recht ferne gelegenen, zusammengedrängt“ werden. Faltlhausers Bericht zufolge wäre dies „nicht allzu schwer mit Hilfe von übereinander gebauten Doppelbetten“ möglich, „und zwar ohne dass damit die Unterbringung der Kranken … zu beanstanden wäre“.
Die 71-jährige Elisabeth Kappestein gehörte zu den in die Ferne verlegten Patienten, die nun ihr Leben „zusammengedrängt“ in einem Schlafsaal mit Doppelstock betten fristen mussten. Die Einschränkungen am neuen Aufenthaltsort nahm die Rentnerin vermutlich krankheitsbedingt weniger wahr. Etwa fünf Wochen nach der Aufnahme in der Hauptanstalt Kaufbeuren charakterisierte der Arzt Walter Weidmann Kappestein als immer gut gelaunte, „brav unter den Senilen der Abteilung“ sitzende Patientin. Wiederum fünf Wochen später notierte er: „Immer derselbe Zustand. Lacht oft ganz unbegründet…, ist hie und da bissig, sonst gut zu haben.“

Elisabeth Kappestein, geb. Bartmann, wurde am 21. August 1872 in Stade, heute ein Ortsteil der Kreisstadt Olpe im Sauerland, geboren. Seit dem 8. Mai 1941 befand sie sich in Obhut der westfälischen Heil- und Pflegeanstalt Eickelborn. Die fast sieben Jahrzehnte ihres Lebens vor der Einweisung in die Anstalt lassen sich aus den wenigen vorliegenden Dokumenten nur bruchstückhaft nachzeichnen. Sehr wahrscheinlich ist, dass sie ihrem bereits von Stade nach Wetter (Ruhr) verzogenen Bruder folgte, der als Walzmeister mutmaßlich in der ortsansässigen Hütte arbeitete. Möglicherweise lernte sie über ihren Bruder auch den Schweißer Johann Bernhard Kappestein kennen, den sie im Alter von 26 Jahren am 12. November 1898 heiratete. Das offenbar einzige Kind des Ehepaares, der nach seinem Vater benannte Sohn Bernhard, kam am 23. März 1900 zur Welt.
Seit 1929 zeigten sich bei Elisabeth Kappestein Anzeichen einer Altersverwirrtheit. Anfangs werden ihre intellektuellen Einschränkungen noch nicht aufgefallen bzw. vom Ehemann ausgeglichen worden sein. Nach dessen Tod im August 1939 muss sich der Zustand der mittler weile 67 Jahre alten Frau jedoch verschlimmert haben. Es ist durchaus möglich, dass sie sich an die Erfordernisse des Krieges, zum Beispiel an die obligatorische Verdunkelung ihrer Wohnung bei Dunkelheit, nicht gewöhnen konnte oder durch absonderliches Verhalten ihrer Umgebung auffiel und deswegen in eine Anstalt eingewiesen wurde.

Die Provinzial-Heilanstalt für Geisteskranke Eickelborn, so die damalige Bezeichnung, Mitte der 1930er Jahre mit etwa 1.500 Plätzen, war die dem Wohnort Elisabeth Kappesteins nächstgelegene psychiatrische Einrichtung. In Eickelborn blieb sie die folgenden 2½ Jahre bis zur Verlegung nach Kaufbeuren. Ihr Sohn Bernhard sorgte sich sehr um die Mutter. Mehrfach erkundigte er sich beim Anstaltsdirektor nach dem Befinden der Patientin und fragte, ob sein Besuch erlaubt sei. Seinen – nicht überlieferten – Briefen an die Mutter legte er Briefumschläge und Rückporto bei, doch Elisabeth Kappestein antwortete nie. Die ausbleibenden Antworten waren für den Sohn ein Grund steter Sorge, was er in seinen Briefen an die Anstaltsdirektion zum Ausdruck brachte.
Die fortgesetzte Verschlechterung der militärischen Lage und die immensen Zerstörungen durch alliierte Luftangriffe bedingten die Räumung weiterer Heil- und Pflegeanstalten. Aus Eickelborn wurden Anfang Oktober 1943 mehrere Hundert Patientinnen und Patienten vor allem nach Bayern geschafft, um in Teilen des Anstaltskomplexes die Landesfrauenklinik Bochum unterzubringen. Elisabeth Kappestein zählte zu den von der Verlegung betroffenen Anstaltsinsassen. Sie wurde am 3. Oktober 1943 in einem Transport von insgesamt 120 Patienten in das etwa 600 km entfernte Kaufbeuren verlegt.

Elisabeth Kappesteins Aufenthalt in Kaufbeuren dauerte nur vier Monate. Am 4. Januar 1944 wurde sie aus der Hauptanstalt in die Nebenstelle Irsee abgeschoben. Der Irseer Anstaltsteil fungierte seinerzeit als Pflegeanstalt mit Heimcharakter, als ein Ort für Kranke, die nicht mehr auf Besserung oder Heilung hoffen konnten. Während der Kaufbeurer Arzt Walter Weidmann Kappesteins Alter und altersbedingte Einschränkungen registrierte und Positives hervorhob, erkannte der Irseer Abteilungsarzt, Lothar Gärtner, nur eine „[d]esorientierte, gänzlich verwirrte 76jährige Kranke“, die auf Anrede „ihre verworrenen Bruchstücke [murmelt]“ und „ungeschoren gelassen stumpf [brütet]“. Ohne jegliche Empathie stellte er fest: „[F]indet ihr Bett oder das Closet nicht ohne Hilfe. Geordnete Beziehung ist nicht möglich. Leere, läppische Euphorie kennzeichnet die Gemütslage.“
Elisabeth Kappesteins körperliche Konstitution muss wesentlich besser gewesen sein als ihre geistige Verfassung. Sie überstand alle Einschränkungen – überfüllte Stationen, reduzierte Ernährung, Mangel an Heizmaterial – offenbar weitgehend unbeschadet. In der Krankenakte fehlen leider entsprechende Vermerke. Ebenso fehlt ein Hinweis auf den Zeitpunkt ihrer Überstellung auf die Station der Krankenschwester Pauline Kneissler.

Kneissler war auf Anforderung von Anstaltsdirektor Faltlhauser im April 1944 von Berlin nach Kaufbeuren-Irsee gesandt worden; „zu dem ausgesprochenen Zweck der Tötung von Geisteskranken“, wie das Landgericht Augsburg während eines Strafprozesses im Jahr 1949 feststellte. Sie tötete innerhalb weniger Tage skrupellos alle auf ihre Station verlegten Patientinnen mit dem Schlaf- und Beruhigungsmittel Luminal. Elisabeth Kappestein starb am 19. März 1945 vorgeblich an Altersschwäche. Eine in Irsee tätige Ordensschwester führte heimlich Buch über die Todesfälle auf Kneisslers Station. An Nummer 214 notierte sie „Kappenstein. Elise“. Ihre letzte Ruhestätte fand sie auf dem Urnenhain (Reihe IV, Grab 127) des Irseer Anstaltsfriedhofs.

Autor: Dietmar Schulze

Abbildungen
Titelfoto: Bezirksarchiv Schwaben, BKH Krankenakte Elisabeth Kappestein
Abb. 1: Elisabeth und Bernhard Kappestein (1899), privat

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