Biografie von Lydia Geisenhof
Erinnerungen an LYDIA GEISENHOF (1919–1944)
Das knappe ärztliche Fazit nach 20 Elektroschocks: „Kein Erfolg.“
Am 16. April 1943 informierte der Landrat des Kreises Füssen in knappem und sachlichem Amtsdeutsch die Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren-Irsee über seine Entscheidung, die „Geisenhof Ludwina, geb[oren] 28.9.1919 in Pfronten-Ried Nr. 219 1/8, dort wohnhaft … auf die Dauer ihrer Geisteskrankheit und der dadurch hervorgerufenen Gemeingefährlichkeit …“ in ein psychiatrisches Krankenhaus einzuweisen.
Erster Aufenthalt in Kaufbeuren
Für Ludwina Geisenhof, genannt Lydia, war es nicht der erste Aufenthalt in einer derartigen Einrichtung. Bereits im Jahr 1940 befand sie sich wegen möglicher Suizidgefahr für vier Monate in der Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren-Irsee. Der damalige Anstaltsdirektor, Valentin Faltlhauser, hatte eine „zweifelsfreie Schizophrenie“ diagnostiziert und eine Insulinkur empfohlen, da er „den Fall noch nicht für gänzlich aussichtslos“ hielt.
Für etwa zwei Jahrzehnte – von 1933 bis zum Einsatz moderner Psychopharmaka Mitte der 1950er-Jahre – war diese auch „Insulinschocktherapie“ genannte Methode weit verbreitet bei der Behandlung von Psychosen und Depressionen. Durch die Verabreichung des Hormons Insulin wurde eine künstliche Unterzuckerung herbeigeführt und der Patient so für mehrere Minuten im Koma gehalten. Dabei konnte es zu einem Krampfanfall mit therapeutischer Wirkung kommen.
Lydia Geisenhof wurde nach erfolgreichem Abschluss dieser Behandlung wieder nach Hause entlassen. Für etwa drei Jahre lebte sie danach offenbar unauffällig im Haushalt ihrer Eltern. Im April 1943 griff sie jedoch eine Besucherin tätlich an. Diese erstattete Anzeige, weshalb der Füssener Amtsarzt ihre Überführung in die zuständige Heilanstalt veranlasste.
Zweiter Aufenthalt in Kaufbeuren
Über den zweiten Aufenthalt in Kaufbeuren berichtet die Krankengeschichte, dass sich Lydia Geisenhof zumeist unauffällig und abweisend verhielt. Sie sprach wenig, beantwortete Fragen nur wortkarg und aß widerwillig oder verweigerte gänzlich die Nahrungsaufnahme. Es wurde versucht, diesen weitgehend bewegungslosen Zustand der Patientin, „Stupor“ genannt, durch Elektroschocks zu lösen. Lydia Geisenhof erhielt am 19. April 1943, drei Tage nach ihrer Aufnahme, die erste Schocktherapie. Nach der dritten Behandlung, am 29. April, notierte der behandelnde Arzt Hans Mandel: „Wurde heute nach dem Elektroschock freier. Isst selbst und half bei der Hausarbeit mit.“ Allerdings hielt die Besserung nur kurz an. Das knappe ärztliche Fazit nach einer Behandlungsserie von 20 Elektroschocks lautete: „Kein Erfolg.“
In den folgenden Monaten des Aufenthalts in Kaufbeuren verschlechterte sich der geistige und körperliche Zustand Lydia Geisenhofs rapide. Die junge Frau wurde immer unselbstständiger und musste schließlich „gänzlich versorgt“, zeitweilig sogar isoliert werden. Bei Besuchen von Eltern und Schwester sprach sie kein Wort. Das Krankenblatt berichtet außerdem von mehreren Fieberanfällen und einer Entzündung der Harnwege. Die Aufnahme ihrer Mutter in die Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren-Irsee am ersten Weihnachtsfeiertag 1943 riss die Patientin noch einmal für kurze Zeit aus ihrer Apathie. Im Krankenblatt heißt es dazu: „Geht viel an das Bett ihrer schwerkranken Mutter, stellt sich zu ihr an das Kopfende, spricht nichts, berührt sie nicht, stiert nur geradeaus.“
Überstellung nach Irsee
In der Folgezeit dokumentiert die Akte lediglich Verlegungen innerhalb des Kaufbeurer Anstaltsteils, die nicht aus therapeutischen Gründen, sondern aus Platzmangel erfolgten. Weil eine Röntgenuntersuchung „eine ausgedehnte Tuberkulose über beiden Lungen“ ergab, wurde Lydia Geisenhof am 11. Juli 1944 auf die „Infektionsabteilung nach Irsee“ verlegt. Am 14. Juli 1944, nur drei Tage nach ihrer Aufnahme in Irsee, unterzeichnete Lothar Gärtner, Oberarzt im Irseer Anstaltsteil, bereits den Leichenschauschein. Als Todesursache gab er Lungentuberkulose an. Tatsächlich war Lydia Geisenhof mittels einer Überdosis des Schlaf- und Beruhigungsmittels Luminal ermordet worden.
Autor: Dietmar Schulze
Abbildungen
Titelbild: Lydia Geisenhof (um 1940), Historisches Archiv des Bezirkskrankenhauses Kaufbeuren
Abb. 1: Auszug aus dem Irseer Toten-Register, Historisches Archiv des Bezirkskrankenhauses Kaufbeuren
https://anstalt-irsee.de/wp-content/uploads/2025/06/namensflyer-lydia-geisenhof-.pdf
Medien
Fotos
Kostenlos dank Ihrer Hilfe
Diese Biografie ist frei zugänglich. Wenn Ihnen der Stolpersteine Guide gefällt, freuen wir uns über einen kleinen Beitrag.
Danke an Martin Schreyer, Claudia Körner, Anett Humboldt, Peter Hein und 6 weitere.Stolpersteine in der Nähe
Ella Banehr< 10 m
Alois Bauer< 10 m
Maria Rosa Bechter< 10 m
Rosina Biehler< 10 m
Anna Brieger< 10 m
Josefa Bühler< 10 m
Quellen & Impressum
Schwäbisches Bildungszentrum Irsee
Eigenbetrieb des Bezirks Schwaben
Werkleiter: Dr. Stefan Raueiser
Klosterring 4
87660 Irsee