Biografie von Alex und Georg Blancke
Alex und Georg Blancke – Straße des 18. Oktober Nr. 17
In der Zeit als Alex Blancke 1916 hier ins Erdgeschoß einzog, war die Straße gekennzeichnet von Kleingartenanlagen und Brachflächen. Von den großspurigen Ideen Ende des 19. Jahrhunderts eine „Prachtstraße“ zwischen der Leipziger Innenstadt und dem geplanten Völkerschlachtdenkmal zu entwickeln, entstanden ab 1914 nicht viel mehr als diese benachbarten Häuser.
Alex Blancke entstammte einer gutbürgerlichen jüdischen Familie, die seit Generationen im westfälischen Raum angesiedelt war. Er wurde am 23.06.1882 in Hameln geboren. Alex Blancke genoss eine kaufmännische Ausbildung und sollte es in seinem Berufsleben zu einem beachtlichen Erfolg bringen. Im Jahr 1912 kam er mit seiner Ehefrau Auguste (Jg.??) und den Zwillingen Georg und Charlotte, die am 17.2.1910 in Hannover geboren wurden, nach Leipzig. Hier gründete Alex Blancke eine Handelsfirma für Teer- und chemische Produkte. Er handelte mit recycelten Rohstoffen aus Produkten der chemischen Industrie, die besonders nach dem 1. Weltkrieg rar geworden waren und vertrieb sie in mehrere europäische Länder. Das Geschäft befand sich in der Nürnberger Str. 46. Auf diese Weise wurde Alex Blancke ein anerkannter und vermögender Geschäftsmann. Seinen Kindern konnte er dadurch eine gute schulische Ausbildung ermöglichen.
Georg entwickelte ein großes technisches Interesse, besonders für den aufkommenden Rundfunk und Autos. In seinen Erinnerungen, die er 1988 für seine Kinder verfasste, beschrieb er auch den schwelenden Antisemitismus der 1920er Jahre, wie er ihn als Jugendlicher wahrgenommen hatte: „Oft hörte ich von [den Lehrern] versteckte, antisemitische Anspielungen, manchmal waren derartige Äußerungen klar und offen, als einziger `Nichtarier` in der Klasse, gegen mich gerichtet. […] Da öfters Bemerkungen laut wurden, die Juden seien nur Schieber, Wucherer, feige und unsportliche Subjekte, entwickelte sich in mir ein Drang und Ehrgeiz, das Gegenteil zu beweisen. […] Ich trat einem Sportverein bei, dem VfB-Leipzig, trainierte ernsthaft und eifrig und zählte auch dort bald zu den besten meiner Jahrgänge.“*
Die Eltern ließen sich 1927 scheiden und Auguste Blancke ging, jetzt mittellos, zurück zu ihren Geschwistern ins Rheinland. Unter der Sehnsucht nach ihren Kindern erkrankte sie und starb bereits im Jahr 1933. Es war zunächst Georg, der seinen Vater versorgte, als diesem nach einem Autounfall 1926 das linke Bein amputiert werden musste.
Trotz der vehementen Einwände des Vaters begann Georg 1930 ein Medizinstudium an der Universität Leipzig. Mit viel Glück und Geschick gelang es ihm, nach 1933 sein Studium weiterzuführen und sogar sein Praktisches Jahr an der Uniklinik anzufangen - bis 1935: „Ich beschäftigte mich gerade mit der Untersuchung einer schwer herzkranken, älteren Dame, als ich hinter mir das Getrampel schwerer Stiefel, wie sie gewohnheitsmäßig die SA-Leute trugen, hörte. Schon war ich umringt von 4 Kollegen, die mich von der Kranken wegzerrten, mir den Kittel vom Leib rissen. Sie warfen mich um, traten mich, am Boden liegend, mit ihren Stiefeln und brüllten mich an, ich solle verschwinden und mich nie wieder in der Uniklinik blicken lassen.“* Gerade erst seine Approbation erhalten, wurde sie ihm wieder entzogen.
Georg fand eine Möglichkeit, seine Dissertation 1935/36 in Bern zu vollenden. Bereits seit dem Sommer 1933 trug er sich mit Auswanderungsgedanken. Da die Schweizer Polizei ihn wieder nach Deutschland abschieben wollte, versuchte Georg seine Flucht in die Tat umzusetzen. Doch die Erfolgsaussichten waren sehr gering, da in allen Ländern die Obergrenze der Auswanderungsquote weit überschritten war. Der bürokratische Aufwand war hoch und kostete vor allem viel Geld. Durch Zufall traf er in Zürich einen Verwandten mütterlicherseits, der ihm eine Einreiseerlaubnis für Chile besorgen konnte. Zurück in Leipzig organisierte Georg alles für seine Flucht. Ein Paradoxon: Die deutsche Genehmigung zur Ausreise erforderte die Vorlage des Wehrpasses. Obwohl Georg als Jude Wehrdienst-„unwürdig“ war, musste er sich noch für das Militär mustern lassen. Im Oktober 1936 floh Georg nach Frankreich und bestieg im November das Schiff nach Chile.
Zu dieser Zeit befand sich Alex Blancke in Leipzig in Haft. Er wurde in der Folgezeit gnadenlos enteignet. Ein „Strafverfahren wegen Genehmigungserschleichung“, was auf eine mögliche Zollhinterziehung im internationalen Handel zielte, konnte 1936 von Rechtsanwalt Dr. Martin Drucker wegen der Haltlosigkeit der Anschuldigung abgewendet werden. Doch im Herbst 1936 wurde er wegen sog. „Rassenschande“ erneut verhaftet und zu zwei Jahren Zuchthaus verurteilt. In Zwickau inhaftiert, musste er zusehen, wie sein gesamtes Vermögen durch die „Reichsfluchtsteuer“, die „Judenvermögensabgabe“ oder durch die „Sühneleistung“ in die Staatskasse floss. Allein im Dezember 1938, als die jüdische Bevölkerung die Schäden der Novemberpogrome selbst bezahlen sollte, wurden über 28.000 Reichsmark durch das Finanzamt eingezogen.
Für den Zeitraum seiner Entlassung aus dem Zuchthaus im Frühjahr 1939 hinterlegte Georg eine Schiffspassage von Hamburg nach Chile für seinen Vater, damit dieser sofort Deutschland verlassen könne. Doch dieses Ticket verfiel, weil Alex Blancke von Zwickau weiter in das KZ Sachsenhausen gebracht wurde.
Nach Kriegsbeginn 1939 waren die Grenzen in die meisten Länder geschlossen. Nach seiner Entlassung konnte Alex Blancke im April 1940 Leipzig über Triest nach Shanghai verlassen. In der chinesischen Metropole errichtete die japanische Besatzung 1943 das Ghetto Hongkew, in das er nun interniert wurde. Erst im August 1945 konnte er befreit werden und folgte seinem Sohn 1946 nach Chile.
* „Blick in den Rückspiegel“ – Memoiren Georg Blancke, 1988 / Quelle: Familienunterlagen
Patenschaft: Gabriel Fischer (Großneffe von Georg)
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