Zum Inhalt springen

Familie Maier

Biografie von Ludwig und Thekla Maier

Thekla und Ludwig Maier teilten in der NS-Zeit das Schicksal von Millionen verfolgter Juden. Mit viel Glück konnten beide in die USA emigrieren und starben dort. Jetzt aber zunächst zu Ludwig.

Ludwig Maier wurde am 26. April 1886 in Endingen (Kaiserstuhl) als Sohn des jüdischen Handelsmannes Hermann Maier und dessen Ehefrau Jette geb. Grumbacher geboren. Er besuchte in seinem Heimatort die Mittelschule. Anschließend absolvierte er in einem Kaufhaus in Brebach/Saar eine kaufmännische Lehre. Nach der Ausbildung arbeitete er in verschiedenen Kaufhäusern im Saarland und in Westfalen. 1910 begann er als Vertreter der Fabrik Strauss und Wolf in Köln zu arbeiten, um anschließend zu Patria Schuhwaren Gesellschaft in Berlin zu wechseln.

1914 kam er nach Tuttlingen und gründete 1916 mit Georg Schweizer und Hermann Martin eine Lederwarenfabrik, die ihren Sitz in der Bergstraße 27-29 hatte. Zunächst als offene Handelsgesellschaft ins Leben gerufen, gründeten die drei am 10. Juli 1923 eine Aktiengesellschaft, die 14.000 Aktien zu 1.000 Mark ausgab. Mit „Herstellung von Erzeugnissen der Lederindustrie, Handel mit Leder und Lederwaren“ wurden die Aufgaben der neu gegründeten Aktiengesellschaft beschrieben. Der Erfolg war ihnen mitten in der Inflation aber nicht hold: am 16. Januar 1926 wurde das Konkursverfahren eröffnet. Die Wege der drei trennten sich daraufhin. Ludwig Maier meldete bereits am 1. Oktober 1926 einen eigenen Handel mit Lederwaren an, den er in die Olgastraße 56 führte und mit dem er Kunden in Baden, Württemberg und Bayern belieferte. 1930 übernahm er das Geschäft von Siegfried Maier in die Möhringer Straße 52, das als Lederwarenfabrikation und Lederabfallhandlung bezeichnet wird. Seine Lieferanten waren jüdische Fabriken in Frankfurt, Hamburg und Berlin aber auch mit der Ledergroßhandlung Kälbermann in der Hermannstraße stand er in Geschäftsbeziehung. Bereits mit Hitlers Ernennung zum Reichskanzler aber spätestens mit Einführung der Rassengesetze ließ Ludwigs Geschäft deutlich nach. Die Betriebe der Lieferanten wurden aufgelöst und den früheren Abnehmern war es bei Strafe verboten, bei ihm etwas zu kaufen. Ende September 1938 löste er seinen Betrieb auf, emigrierte am 31. Oktober 1939 mit Geld, das er von seinem Bruder, Anton Maier, geliehen hatte, von Lützelsachsen in die USA und wollte seine Ehefrau Thekla später nachkommen lassen. Mit einem von seinem Bruder georderten Ticket bei der Holland-Amerika-Linie konnte er mit dem Dampfer „Pennland“ nach USA reisen. Die Kosten für Anreise und Überfahrt beliefen sich auf über 250 Dollar. Seine Ehefrau Thekla ging in ihre Heimat Lützelsachsen, um dort ihren alten Vater und dessen Bruder zu pflegen.

Er und ab 1942 auch seine Ehefrau Thekla lebten in Norwalk, Fairfield in Connecticut. Ludwig konnte in den USA zunächst keine Arbeit finden, so schlug er sich mit einem Hausierhandel durch. Er war zu alt, um noch eine gute Anstellung zu finden und sich neu einzuarbeiten. Von 1941 bis 1955 arbeitete er dann als Hilfsarbeiter in einer Lederwarenfabrik, was er dann wegen einer schweren Herzerkrankung aufgeben musste. Ludwig starb am 5. Juni 1961. Da er und seine Frau keine Kinder hatten, vererbten sie ihr verbliebenes Vermögen an Verwandte und Freunde. Bedacht wurde dabei auch eine Frau in Sasbach, die fünf nahe Angehörige von Ludwig bei Nacht in einem Versteck mit Lebensmittel versorgt hatte, bevor diese in ein KZ im Osten deportiert und getötet wurden.

Die Frau von Ludwig Maier, Thekla genannt Toni, wurde am 12. Februar 1895 in Lützelsachsen, das heute zum badischen Städtchen Weinheim gehört, als Tochter des jüdischen Handelsmannes Max Benjamin und dessen Ehefrau Babette Benjamin geb. Löwenstein geboren. Die Familie war sehr wohlhabend. Ihre Mutter starb bereits 1898.

Am 27. Mai 1929 heiratete sie in ihrem Heimatort Lützelsachsen den Lederhändler Ludwig Maier und zog zu ihm nach Tuttlingen. Hier lebte sie bis zum 3. Oktober 1939 zunächst im Gebäude Donaustraße 28, dann in der Bahnhofstraße 43 bei Oskar Rominger. Dann meldete sie sich in Tuttlingen ab und zog zu ihrem Vater nach Lützelsachsen. Während ihr Mann Ende Oktober 1939 nach USA auswandern konnte, blieb sie bei ihrem 81 Jahre alten Vater, um für ihn zu sorgen. Am 22. Oktober 1940 wurde sie ebenso wie ihr Vater in das Lager Gurs, das weit im Süden von Frankreich nördlich der Pyrenäen liegt, deportiert. In dieses Lager wurden viele Juden besonders aus Baden verschleppt. Für zahlreiche Deportierte war es nur eine Zwischenstation, bevor sie ab August 1942 im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau ermordet wurden. Lange hielt der Vater von Thekla Maier, Max Benjamin, die Strapazen des Lagers nicht durch und starb bereits am 3. Dezember 1940 im KZ Gurs. Für ihn wurde bereits in Weinheim in der Wintergasse 59/61 ein Stolperstein verlegt.

Durch die Hilfe des amerikanischen Roten Kreuz konnte Ludwig seine Frau 1942 retten und über Marseille nach Lissabon und von dort nach Amerika bringen lassen. Im Januar 1942 zahlte Ludwig 400 Dollar in New York bei der Hias (Hebrew Immigrant Aid Society) eine der großen jüdischen Hilfsorganisationen, die international agierte, für eine Fahrt mit dem Dampfschiff „Serpa Pintu“ von Lissabon nach USA. In Lissabon war der Sitz der europäischen Niederlassung der HIAS, die von dort aus Schiffspassagen mit den Dampfschiffen Serpa Pinto oder ihrem Schwesterschiff Mouzinho in die USA organisierten. Zunächst musste die Fahrt von Marseille nach Lissabon organisiert werden, um dann mit der Atlantiküberquerung in Lissabon zu starten. Nur wenigen Deportierten gelang es, auf diesem Wege dem KZ und dem sicheren Tod zu entkommen. Eine von ihnen war Thekla Maier.

Sie erreichte die USA und zog zu ihrem Mann nach Norwalk, Fairfield in Connecticut. Dort fand sie nichts von ihrem früheren Hausstand vor. Der Hausstand der beiden wurde Anfang 1939 nach erfolgter Genehmigung des Oberfinanzpräsidenten in Stuttgart in einen Container, einen so genannten Lift, verpackt und zur Überführung in die USA nach Bremen gebracht. Da zu diesem Zeitpunkt jüdischer Besitz nur exportiert werden durfte, wenn die Überführung vom Ausland bezahlt wurde, blieb der Lift zunächst in Bremen liegen, da Ludwig Maier noch mit Verwandten in der USA Kontakt aufnehmen wollte, damit diese den Container auslösen. Nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs war die Ausfuhr nicht mehr möglich, die ganze Habe wurde beschlagnahmt, nach Hamburg gebracht und später versteigert. Die Familie sah von ihrer wertvollen Einrichtung nichts mehr.

Thekla stammte aus wohlhabendem Hause und verlor durch ihre Flucht ihr gesamtes Vermögen und ihren Besitz. Wie schon bei Helene Landauer half Sybilla Kramer in der Nachkriegszeit von Deutschland aus, eine ausreichende Entschädigung für den Verlust der Familie Maier zu beantragen und nach einer Berufungsverhandlung auch durchzusetzen.

Thekla Maier starb am 5. November 1959 in Norwalk und wurde auf dem Friedhof Beth Israel beigesetzt.

Medien

Fotos

Kostenlos dank Ihrer Hilfe

Diese Biografie ist frei zugänglich. Wenn Ihnen der Stolpersteine Guide gefällt, freuen wir uns über einen kleinen Beitrag.

Danke an Martin Schreyer, Claudia Körner, Anett Humboldt, Peter Hein und 6 weitere.
Unterstützen

Stolpersteine in der Nähe

Alle Stolpersteine in Tuttlingen

Quellen & Impressum

Museen der Stadt Tuttlingen

Museen der Stadt Tuttlingen: https://www.tuttlingen.de/de/Kultur-Tourismus/Kulturelle-Einrichtungen/Museen/Staedtische-Museen/Heimatmuseum-Fruchtkasten