Biografie von Alfred Baer, Hans Baer und 3 weitere
Zur Familie Baer
Alfred Baer war das älteste Kind des jüdischen Handelsmanns Josef Baer (geboren am 1. Februar 1848, gestorben am 10 Mai 1922) und dessen Ehefrau Henriette, geb. Kahn (geboren am 1. Juli 1856, gestorben am 13. August 1903). Er war von Beruf Hausierer, was bedeutete, wie mir vor Jahren ein älterer Rodalber Bürger erzählte, dass er sehr arm war und mit einem Wachstuch, in das er die Sachen, die er zu verkaufen versuchte – wie Handtücher, Bettwäsche etc. – übers Land zog. In der vom 3. November 1938 stammenden Änderungsanzeige zum Verzeichnis der jüdischen Gewerbebetriebe Rodalben findet sich hierzu der folgende Eintrag: „Im Verzeichnis der jüdischen Gewerbebetriebe wurde gelöscht der nachstehende Eintrag: Bär, Alfred, Einzelhändler, Hausierhandel mit Kurzwaren, Stoffresten und Manufakturwaren, Bär Alfred, Rodalben, Friedhofstr. 7, Auswanderung steht bevor.“
Fred Samuel, ein Holocaustüberlebender aus Rodalben (der u.a. einmal seine Ferien zusammen mit seinem Freund Rudi Metzger „bei Tante Pauline“ in Süßen verbracht hatte), hat mir vor Jahren erzählt, dass Alfred Baer einerseits ein sehr netter Mann, andererseits aber ein „Schalwes“ gewesen sei, d.h. ein einfältiger, zurückgebliebener Mensch, der ohne die finanzielle Unterstützung durch seine Schwester Eugenie (Metzger) und Herrn Samuels Vater Ludwig Samuel, der sein Cousin war, gar nicht hätte existieren können.
Alfred Baer sei, so Herr Samuel weiter, speziell für die Hochzeit mit Hermine Lang, die am 2. Juli 1920 in Ernsbach stattfand, aus Vicksburg/USA zurückbeordert worden.
Da Alfred Baer am Ersten Weltkrieg teilgenommen hatte, konnte er sich nicht sonderlich lange in Vicksburg bei seinen Verwandten (wo es z.B. das Trockenwarengeschäft der aus Rodalben eingewanderten Brüder Lazarus und Abraham Baer gab) aufgehalten haben. Ein amerikanischer Staatsbürger war er jedenfalls nicht, auch wenn er dies dem Süßener Bürgermeister gegenüber im Dezember 1939 behauptet hat.
Hermine, seine Frau, hatte bereits nach der Geburt ihres unehelichen Sohnes Hans eine Zeitlang bei ihren Geschwistern in Süßen gewohnt. Nach der Hochzeit in Ernsbach zog sie, die sowohl von Herrn Samuel als auch von Kurt Lang als sehr intelligent beschrieben wurde, mit ihrem Ehemann und ihrem Sohn, der am Hochzeitstag den Nachnamen „des Vaters“ Baer erhielt, nach Rodalben in die Friedhofstraße 7 (siehe oben), wo Alfred Baer ein Haus besaß. Am 13. Juni 1921 wurde in Pirmasens dann das erste gemeinsame Kind des Paares geboren, Herbert Heinrich Baer, genannt Hugo, der wohl schon Anfang 1936 in die USA ausgewandert war (so heißt es im Mitteilungsblatt der israelitischen Kultusgemeinde Pirmasens vom 21. Juli 1936/37: „Der Hilfsverein der Juden in Deutschland führt seine im vorigen Jahre unterbrochene Aktion zur Verschickung jüdischer Schulkinder nach Amerika zu Ende. Im Zuge dieser Aktion wird aus unserer Gemeinde Gerhard Nellhaus am 23. d. Ms. von Hamburg aus die Ausreise nach USA antreten. Vor ihm haben bereits drei Knaben aus unserer Gemeinde, zwei weitere Knaben aus unserer Nachbargemeinde Rodalben diesen Weg dank der Vermittlung und Unterstützung durch den Hilfsverein eingeschlagen…“ – und da in den späteren Ausgaben Herbert Baer nicht mehr erwähnt wird, muss er einer der beiden Knaben aus Rodalben gewesen sein). Seinen beiden jüngeren Brüdern, Werner und Siegfried Baer, wurde dieses Glück leider nicht mehr zuteil.
Nach der Reichspogromnacht wurde Alfred Baer am 10.11.1938 in Pirmasens in Schutzhaft genommen, kurz darauf – wohl seines Alters wegen – aber wieder nach Hause entlassen.
Hans Baer dagegen kam ins KZ Dachau, wo er bis zum 21. Januar 1939 blieb. Zumindest über ihn gibt es eine kleine Anekdote, die mir vor Jahren ein älterer, inzwischen verstorbener Rodalber Bürger brieflich mitgeteilt hat:
„Ich weiß von einem älteren Sohn von Frau Baer, den sie mit in die Ehe gebracht haben soll. (…) Das Jahr 1939 nenne ich deshalb, weil dieser ältere Sohn, von Beruf Schneider, mir 1939 meine ersten langen Hosen gekürzt hat. Meine Mutter hatte mir den Anzug bei Antoinette Becker (…) in der Schillerstraße gekauft. Und Frau Becker brachte in der Nacht heimlich die Hosen zu diesem jungen jüdischen Schneider, der sich mit solchen 'Änderungen' durch sein stark gefährdetes Leben schlug.“
Dass Hans Schneider war, ist einer weiteren Schwester von Alfred und Eugenie Baer geschuldet, nämlich Louise Mann, die, mit ihrer Familie im Hause Alfred Baers lebend, Schneidermeisterin von Beruf war.
Im April 1939 musste Alfred Baer sein Haus in der Friedhofstraße zwangsverkaufen und Ende August 1939 Rodalben verlassen.
Die Familie zog zu Louis Lazarus Lang in die Hindenburgstraße 45 in Süßen.
Alfred Baer scheint – laut Hugo Lang – seines Alters wegen dort dann nicht mehr zur Zwangsarbeit verpflichtet worden zu sein.
Hermine Baer arbeitete im Haushalt der Langs mit. Sie habe immer sehr geschwiegen.
Hans Baer musste – wie z.B. auch Alfred und Rudi Metzger – in Eislingen in der Filiale der Firma Friedrich Bader Zwangsarbeit leisten. „Sommers wie winters“, so Hugo Lang, „mussten wir mit den Fahrrädern jeden Tag, auch samstags, dorthin fahren.“
Alfred und Hermine Baer versuchten alles, um wenigstens ihre beiden kleinsten Kinder noch irgendwie zu retten.
Werner schickten sie am 2. Januar 1940 nach Groß-Breesen, einem jüdischen Auswanderer-Lehrgut nördlich von Breslau, wo er zwei Jahre lang für ein zukünftiges Leben in Palästina vorbereitet werden sollte.
Siegfried zog am 1. Dezember 1940 nach Frankfurt/Main, wo er in der Rückertstraße 53, in der sich das Israelitische Lehrerinnen- und Studentinnen-Heim befand, wohnte. Möglicherweise, so meine Vermutung, erhielt er dort privaten Schulunterricht.
Da der Süßener Gemeindepfleger Karl Häfele bei seiner Vernehmung im September 1948 ausgesagt hat, dass Alfred und Hermine Baer „ihre beiden Buben“ „kurz vor der Deportierung“ nach Süßen kommen ließen, kann davon ausgegangen werden, dass auch sie Ende November 1941 von Süßen aus über Stuttgart nach Riga deportiert wurden.
Außer Hans scheinen alle bereits in Riga ermordet worden zu sein.
Zwar heißt es im „Gedenkbuch – Opfer der Verfolgung unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933 – 1945“, dass Werner im KZ Neuengamme gewesen sei, dies konnte aber vom dortigen Archiv nicht bestätigt werden.
Dagegen kam Hans am 16.Januar 1945 nach Meppen-Versen, einem Außenlager des KZ Neuengamme. Wenn es stimmt, was Fred Samuel mir vor Jahren telefonisch mitgeteilt hat, ist Hans auf einem der Todesmärsche gegen Ende des Krieges ermordet worden.
Überlebt hat, wie bereits erwähnt, lediglich Herbert Heinrich Baer, in Deutschland Hugo genannt, in Amerika dann Herbie. Fred Samuel berichtete mir, dass Herbert in den Staaten für die Post gearbeitet und über das Schicksal seiner Angehörigen absolut nichts gewusst hätte. Ein furchtbar netter Kerl sei er gewesen, der eigentlich eine junge, aus Speyer stammende Jüdin namens Elkan hatte heiraten wollen. Die sei dann auch tatsächlich aus Kairo nach Amerika gekommen, hätte die Heirat aber im letzten Augenblick abgesagt, so dass Herbert, der am 29. Oktober 1995 im Alter von 74 Jahren gestorben ist, später eine Amerikanerin aus Brooklyn, New York geheiratet habe.
Ich erwähne dies, weil Herberts Frau, nach meinen Recherchen muss es sich dabei um Shirley Baer (geboren 1928, gestorben im Januar 2017) gehandelt haben, im Jahr 2002 einen Wiedergutmachungsprozess gewonnen hat, bei dem es um das Vermögen von Alfred Baer ging. Dort heißt es u.a.: „Die Klägerin gab an, die Familie hätte ihrem Ehemann den Besitz Schweizer Geschäftskonten mitgeteilt, die sowohl seine Eltern als auch Cousins, in der Hoffnung der Verfolgung durch die Nazis entkommen und sich in den USA niederlassen zu können, angelegt hätten. Die Klägerin gab des Weiteren an, ihr Ehemann hätte vom Deutschen Staat nach dem Zweiten Weltkrieg ungefähr 7000 US-Dollar an Entschädigung erhalten.“
47.400 Schweizer Franken hat sie bekommen, so viel also war das Leben von Alfred, Hermine, Hans, Werner und Siegfried Baer also wert.
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