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Schrag, Arthur

Biografie von Arthur Schrag

Er war jung, er war schwul, er konnte nicht selbstbestimmt leben: Arthur Schrag starb mit fünfunddreißig Jahren im KZ Flossenbürg. Vielleicht ist dieser Mann derjenige auf unserer Website, über den wir am wenigsten wissen. Es gibt so gut wie keine Unterlagen über ihn, kein einziger Gegenstand existiert, der an ihn erinnern würde, und auch die heute lebenden Mitglieder der alteingesessenen Eislinger Familie Schrag wissen nichts zu berichten. „Es wurde nicht über ihn gesprochen.“ Auch Arthur Schrag ist einer von denen, auf die Hans Magnus Enzensbergers Gedicht „Die Verschwundenen“ zutrifft: „Es kann sich niemand auf sie besinnen.“ Doch einiges Wenige wissen wir dennoch:

Arthur Schrag wurde am 13. Februar 1907 in Eislingen geboren und wohnte dort zuletzt in der Jahnstraße 5. Am 8. Mai 1942 starb er im KZ Flossenbürg. Er war das jüngste von vierzehn Kindern des evangelischen Ehepaares Hermann Alfred Schrag (4. 6. 1861 - 6.12.1919) und Dorothea Schrag, geb. Hansch (28. 8. 1863 – 9.7.1909). Als er zwei Jahre alt war, starb die Mutter, der Vater starb, als Arthur zwölf Jahre alt war. So kam er ins Haus seiner sechzehn Jahre älteren Schwester Emilie Maunz, geb. Schrag, die zusammen mit ihrem Mann dem Jungen die Eltern ersetzen musste. 3. April 1921 wurde er in der nahen Christuskirche konfirmiert – der Eintrag anlässlich dieses Tages in das dortige Kirchenbuch ist das einzige Eislinger Fundstück, in dem Arthur Schrag vorkommt.

Wie muß es für den jungen Mann gewesen sein, als er seine Gefühle für Männer entdeckte? Die Zeit, in die er hineingeboren war, hat es ihm schwer gemacht. Wir wissen nicht, ob seine Homosexualität in der Familie bekannt war. Vielleicht lebte er total verdeckt und verleugnete einen lebenswichtigen Anteil seiner Person? Vielleicht wurde darüber gemunkelt? Vielleicht hat es sogar familiäre Auseinandersetzungen gegeben? Drohungen? Man war gut evangelisch, man lebte in einem kleinen Ort, wo beinahe jeder jeden kannte. Da mag es vielleicht durchaus gepasst haben, dass Arthur „Reisender“, also Handelsvertreter wurde und häufig unterwegs war. Wir wissen es nicht.

Die Kirchenbücher überliefern uns Arthurs Konfirmationsspruch; dieser liest sich im Nachhinein schmerzlich. Der Pfarrer hat wohl bei der Auswahl der Textstelle berücksichtigt, dass der Konfirmand so früh seine Eltern verloren hatte, gewiss wählte er nicht zufällig folgende Worte aus Psalm 27, 10: „Denn mein Vater und meine Mutter verlassen mich, aber der HERR nimmt mich auf.“ Der heutige (2019) Pfarrer der Christuskirche, Frieder Dehlinger, der für uns in die Kirchenbücher schaute, schickte die Angaben über Arthur und kommentierte den Konfirmations-Spruch mit den Worten: „Den Denkspruch könnte man für ihn von heute aus auch deuten auf Vater Staat und Mutter Kirche.“ Arthur Schrag war zuerst ein vielfach „Verlassener“ und wurde dann ein wahrlich „Verschwundener“.

Sein christlicher Glaube muß für Arthur Schrag wichtig gewesen sein: In seinem Nachlaß, der vom KZ Flossenbürg an die Kriminalpolizeileitstelle Stuttgart geschickt worden ist, befand sich, eher ungewöhnlich, eine Bibel. Doch gehen wir zuerst noch einmal ein paar Schritte zurück!

Der junge schwule Handelsvertreter muss irgendwann der Polizei aufgefallen sein. Vielleicht während einer der Razzien, die damals immer wieder an schwulen Treffpunkten durchgeführt wurde? Auch das wissen wir nicht. Auf jeden Fall liebte Arthur falsch; sein gleichgeschlechtliches Begehren war nach § 175 des deutschen Strafgesetzbuches verboten. Diesen berüchtigten Paragraphen gab es seit dem Kaiserreich, genau: seit dem 1. Januar 1872, er blieb in der Weimarer Republik bestehen, wurde im nationalsozialistischen ‚Dritten Reich’ 1935 noch einmal verschärft und dann – unglaublich, aber wahr! – in dieser verschärften Form von der Bundesrepublik Deutschland übernommen. In mehreren Schritten wurde er im Lauf der folgenden Jahrzehnte zunehmend entschärft und endlich am 11. Juni 1994 ganz aus dem StGB entfernt. Arthur war einer von ungefähr 140.000 deutschen Männern, die gemäß § 175 verurteilt worden sind. Kein Wunder, dass ein Zeitgenosse Arthurs, der nach dem Krieg als Vertriebener in Eislingen lebte, der Schriftsteller Josef Mühlberger (auch er wegen § 175 in den vierziger Jahren inhaftiert), vom „Schandparagraphen“ gesprochen hat.

Arthur wurde jedenfalls, wie und wo auch immer, ‚entdeckt’. Am 17. Januar 1940 lieferte man ihn in die Untersuchungshaftanstalt Mannheim ein, wo er unter der Gefangenenbuchnummer 1898 aufgeführt war, kurz danach, am 20. Januar 1940, wurde er ins Gefängnis in Dieburg überstellt. Grund: „Unzucht“, Strafdauer: zwei Jahre Gefängnis. Endlich wurde er am 8. September 1941 durch die Stuttgarter Kriminalpolizei ins Konzentrationslager Flossenbürg eingeliefert. Dort erhielt er die Häftlingsnummer 3089, nach den NS-Haftkategorien war er „Vorbeugehäftling“ wegen § 175. Er starb am 8. Mai 1942; als Todesursache wurde „acuter Herztod“ angegeben.

Mit deutscher Gründlichkeit wurden die Gegenstände, die er bei seiner Einlieferung ins KZ Flossenbürg hatte abgeben müssen, dort aufgelistet, aufbewahrt und nach seinem Tod an die Stuttgarter Kriminalpolizeileitstelle geschickt. Die Effektenkartei des Konzentrationslagers war ein Vordruck mit einer Liste üblicherweise abgegebener Gegenstände, der Raum für Ergänzungen ließ. Auf ihr wurden folgende letzte Besitztümer von Arthur abgehakt: 1 Rock (d.h. Jackett), 1 Hose, 1 Pullover, 1 Hemd, 1 Unterhose, 1 Paar Schuhe, 1 Paar Strümpfe, 1 Kragen, 1 Binder (d.h. Krawatte), 2 Nagelscheren, 1 Rasiergarnitur, 1 Beutel, 1 Bibel. (was fehlt noch? Das Unentzifferbare) Der Beutel und die Bibel mussten handschriftlich eingetragen werden. Was mit den Gegenständen danach geschehen ist, wissen wir nicht. Auch für sie gilt mit Enzensberger Worten: „Es kann sich niemand auf sie besinnen.“
Quelle: ITS - Arolsen.

Er war jung, er war schwul, er konnte nicht selbstbestimmt leben: Arthur Schrag aus Eislingen starb mit nur fünfunddreißig Jahren im KZ Flossenbürg. Im Jahr 2019, in dem der Stolperstein für ihn gelegt wurde, gedenkt man weltweit auch der sog. „Stonewall-Unruhen“ in den Tagen ab 28. Juni 1969 in New York, bei denen sich zum ersten Mal Homosexuelle und Transsexuelle gegen die dauernden Razzien der Polizei an ihren Treffpunkten, etwa der Bar Stonewall Inn in der Christopher Street, gewehrt haben. Dies Ereignis wurde Ermutigung und Inspiration für die Gay Liberation, die Bürgerrechtsbewegung für Menschen wie Arthur Schrag. Und wenn wir uns über die Situation schwuler, lesbischer, bisexueller, transsexueller, intersexueller und queerer Menschen in der heutigen Welt informieren, erkennen wir: Es gibt viel zu tun.

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