Biografie von Anna Michaelis
Bei allen Jubiläen und Gedenktagen im aufstrebenden Kurort Baden-Baden kam sie zu Wort - erhielt sie den Auftrag für ein Festspiel, Theaterstück oder Gedicht.
Die Dichterin Anna Michaelis kam 1888 nach Baden-Baden, zu einer Zeit, als der Anteil der jüdischen Bürger in dem aufstrebenden Kurort rasch anstieg. Im Kulturleben der Stadt spielte sie bald eine zentrale Rolle: Bei allen Jubiläen, Gedenktagen oder Einweihungen wandte man sich an sie mit einem Auftrag für ein Festspiel, Theaterstück oder Gedicht - sei es zum 50. Regierungsjubiläum des Großherzogs von Baden, zum 100. Todestag von Schiller oder zur Eröffnung der neuen Bergbahn zum Merkur.
Darüber hinaus führte sie eine Sprachen- und Handelsschule, in der junge Mädchen Fremdsprachen auch Buchführung, Stenographie, Maschinen- und Schönschreiben lernen konnten.
Aktiv in der Frauenbewegung
Die allein stehende, kinderlose Autorin engagierte sich in diversen Frauenvereinen der Stadt. In ihren Schriften setzte sie sich mit der Rolle der Frau und der Erziehung auseinander.
"Kein fremder Stamm, der noch gen Zion schaut"
Anna Michaelis verstand sich als Deutsche, die als Jüdin einer mit Katholiken und Protestanten gleichberechtigten Religionsgemeinschaft angehörte. Das brachte sie unter anderem in ihrem Gedicht zur Einweihung der Synagoge 1899 deutlich zum Ausdruck. Es spiegelt das Selbstverständnis der assimilierten jüdischen Gemeinde Baden-Badens, die ihren Platz in Deutschland sah und ganz bewusst dem Architekten den Auftrag gegeben hatte, ein Gotteshaus im romanischen und nicht etwa im damals auch üblichen maurischen Stil zu erbauen. Die Baden-Badener Presse begrüßte diese Entscheidung überschwänglich und lobte den "kernig deutschen Stil".
Für die glühende Patriotin Anna Michaelis war es eine große Ehre, dass sie in den Vorstand der Baden-Badener Sektion des Flottenverbands deutscher Frauen gewählt wurde.
Auf der Deportationsliste nach Theresienstadt
Anna Michaelis, die den Bau der Synagoge mitgefeiert hatte, musste 40 Jahre später miterleben, wie sie niedergebrannt und abgebrochen wurde. Vier Jahre danach, am 22. August 1942, stand sie auf der Deportationsliste nach Theresienstadt. Die früher so verehrte Heimatdichterin, die höchste Anerkennung in "ihrer" Stadt genossen hatte und völlig integriert gewesen war, starb ein paar Tage nach ihrer Ankunft im KZ Theresienstadt am 31. August 1942 im Alter von 82 Jahren.
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