Biografie von Regina Braun
Regina Braun war gebürtige Braunebergerin. Sie wurde am 2. Juni 1882 geboren und war das erste Kind vom Schuhmacher Daniel Braun aus Kästen, dem Dorf auf der gegenüberliegenden Mosel-Seite. Ihre Mutter Johanna, geboren Hess, stammte aus der großen jüdischen Gemeinde in der alten Kaiserpfalz Gelnhausen. Regina hatte drei Geschwister: Frieda, Siegfried und Seligmann, wobei Frieda als 3-jähriges Kind gestorben ist.
Reginas Vater hatte als Handwerker eine wichtige Funktion im Dorf. So wie die Händler, trugen Handwerker erheblich zur Wirtschaft des Dorfes bei. Alle Menschen brauchen Schuhe, erst recht, wenn sie den ganzen Tag hart im steilen Schieferweinberg arbeiten mussten. Von seinem Sohn Siegfried, der in den sechziger Jahren in Israel ein Artikel über Brauneberg geschrieben hat, ist überliefert, dass „Handwerker durchweg hinreichend Beschäftigung fanden, da es innerhalb der christlichen Bevölkerung keine merkliche Konkurrenz gab.“ Daniel Braun muss ein tüchtiger Schuhmacher gewesen sein. Denn, so Siegfried Braun: „Wem die Mittel reichten, der ließ den Sohn das Gymnasium in Trier besuchen und gab die Tochter in eines der Mädchenpensionate in Nancy.“
Regina Braun erlernte den Beruf zur Schneiderin. Und Siegfried machte in Trier Abitur und studierte in Köln Pädagogik. Er promovierte und war langjähriger Lehrer der städtischen Israelitischen Volksschule in Köln und Redakteur verschiedener Fachzeitschriften. Als Intellektueller wurde er gleich nach den November-Pogromen verhaftet und in Dachau interniert. 1939 gelangen ihm und seiner Familie die Flucht nach Palästina. Reginas jüngster Bruder, Seligmann, konnte bereits Ende 1936 mit seiner Frau Hilda nach USA entkommen. Nachfahren der beiden Brüder leben heute in USA und Israel.
Regina Braun war unverheiratet und widmete sich ihrem Beruf. Sie war im Dorf eine Persönlichkeit und wurde von allen „Schienchen“ genannt. In ihrer Nachbarin aus dem Hause Schiffmann hatte sie eine Freundin gefunden. Durch sie ist überliefert, was das „Schnienchen“ im November 1941 aüßerte, als der „Judenstern“ eingeführt wurde. Mit dem Stern an der Brust rief sie aus: „Ich wollte schon immer mal geschmückt wie ein Admiral herumlaufen!“ Bis zuletzt hoffte Regina Braun fliehen zu können. Sie wartete auf täglich auf ihre Ausreisepapiere. „Schienchen saß auf gepackten Koffern, denn sie wollte zu ihrem Bruder in die USA auswandern“, berichtete ihre Freundin. Ihre Ausreisepapiere kamen aber nicht. Stattdessen erhielt sie den Befehl, ihre Ausweisung „aus dem Reich“ vorzubereiten.
Ich habe mich oft gefragt, unter welchen Umständen das passiert war. Auch hier kann Dank der Quellen und der Zeugenaussagen ein ganz gutes Bild nachgezeichnet werden: Alle übrig geblieben Brauneberger Juden, sieben Männer Frauen und Kinder, mussten sich auf Befehl der Gestapo reisefertig machen. Der schriftliche Befehl lautete: „Zum Zwecke der Aussiedlung haben Sie sich und soweit Familienmitglieder vorhanden sind, auch diese, am Bahnhof Brauneberg-Filzen bei der Sicherheitspolizei am 15. Oktober 1941 um 11 Uhr morgens abreisebereit einzufinden. Achten Sie darauf, sich ordnungsgemäß abzumelden. Verlassen Sie Ihre Wohnung in ordentlichen und sauberen Verhältnissen und versichern Sie sich, dass sie auch abgeschlossen ist. Die Schlüssel, zusammen mit den Papieren zu Ihren Personalangaben werden Sie in der Sicherheitspolizei am Bahnhof übergeben. Die männlichen Personen haben glatt rasiert zu sein und einen soldatischen Kurzhaarschnitt aufzuweisen. Die weiblichen Personen haben gut frisiert zu erscheinen. Nichterscheinen wird mit schärfsten staatspolizeilichen Mitteln geahndet.“
Als Transport diente der ganz normaler Personenzug der Kleinbahn, der um 11:00 Uhr von Bernkastel in Richtung Trier abfuhr. An den waren einige für die Juden reservierte Waggons angehängt. Reginas Freundin erinnerte sich an diesen Tag: „Ich wollte mich von Schinchen noch verabschieden, da hieß es, es sei bereits zu spät, denn sie sei schon am Bahnhof. Ich bin trotzdem hingegangen und habe mich durch die Menge gedrängt, um sie noch mal zu sehen. Sie verabschiedete sich von mir mit den Worten „heute holen sie sich den Knoblauch, morgen den Weihrauch“ als Andeutung auf eine nationalsozialistische Christenverfolgung in der Zukunft.
Von Trier aus ging die Reise weiter per Lkw nach Luxemburg. Dort trafen am 16. Oktober 190 Juden aus dem Regierungsbezirk Trier ein. Nach sorgfältiger Registrierung, die Listen sind erhalten geblieben, setzte sich der Deportationszug, zusammen mit weiteren 323 Juden aus Luxemburg, in der Nach zum 17. Oktober in Bewegung. Die Fahrt ging langsam quer durch das ganze Land, vorbei an vielen Großstädten wie Koblenz, Frankfurt, Würzburg und Dresden. Erst am Mittag des 18. Oktober 1941 traf der Zug im Ghetto Lodz ein.
In den folgenden zwei Jahren musste Regina Braun in Rüstungswerken Zwangsarbeit leisten. 1943 kam sie wegen der dort ansässigen Industrie ins Getto Lublin, was etwa 240 Kilometer weiter östlich liegt. Aus den Quellen ist bekannt, was dort am 3. November 1943 passierte: Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter, die meisten hatten bei Schultz & Co. Kleidung für die Wehrmacht angefertigt, mussten gruppenweise zu vorbereiteten Gruben marschieren, sich entkleiden und mit dem Gesicht nach unten in die Gruben legen. Anschließend wurden sie durch Polizisten mit Genickschüssen hingerichtet. Musik aus aufgestellten Lautsprechern sollten die Schüsse übertönen. Insgesamt wurden dort am 3. November mehr als 17.000 Juden ermordet. So hat sich wohl auch das Brauneberger „Schinchen“ entkleidet und mit dem Gesicht nach unten in die Gruben gelegt, um wegen ihrer Abstammung umgebracht zu werden.
In den 1960er Jahren kam Siegfried Braun noch einmal nach Brauneberg. Auf dem jüdischen Friedhof stellte er einen Gedenkstein zur Erinnerung an seine Schwester auf. Der Stein steht dort noch heute.
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