Zum Inhalt springen

Familie Deresiewicz

Biografie von Isaak Deresiewicz

Jüdisches Leben war im Saarbrücken der 1920er und 1930er Jahre präsent. Insbesondere der Stadtteil St. Johann war zum Zentrum Jüdischen Lebens an der Saar geworden. In der Bahnhofstraße wurde ein Drittel der Geschäfte von jüdischen Männern und Frauen geleitet, über 20 Prozent der Rechtsanwälte waren Juden und fast 20 Prozent der Ärzte in Saarbrücken waren Jüdinnen und Juden.
Nicht alle jüdische Menschen in Saarbrücken gehörten zur gehobenen Mittel- und Oberschicht, es gab auch Mittelstand und untere Mittelschicht. Viele von ihnen arbeiteten als Verkäuferin, Buchhalter oder Dekorateur. Und so beschränkte sich jüdisches Leben nicht nur auf St. Johann und Alt-Saarbrücken, auch in Malstatt und Burbach gab lebten Jüdinnen und Juden. Nicht zu vergessen sind arme jüdische Menschen, die meistens als Wanderhändler um ihren Lebensunterhalt kämpften.

Ein Beispiel für jüdisches Leben in Malstatt ist die Geschichte der Familie Deresiewicz. Die Familie von Isaak und Miriam Deresiewicz, geborene Stern, war im Zuge der Pogrome, die nach dem Ersten Weltkrieg in Polen gegen die jüdische Bevölkerung einsetzten, zu Beginn der 1920er Jahre vollständig nach Deutschland ausgewandert. Die Familie stammte aus Tylawa, einer kleinen Stadt im Karpatenvorland, die seit Ende des Ersten Weltkrieges zu Polen gehörte, zuvor war sie Teil der Habsburger Monarchie Österreich-Ungarn.

Das Ehepaar Isaak und Miriam Deresiewicz hatte zehn Kinder, von denen sieben, wie sie selbst, zusammen mit ihren jeweiligen Familien den NS-Schergen nicht entkommen konnten. Insgesamt 30 Familienangehörige teilen das Leid von Schikanen, von Flucht, Ghettoisierung, von Inhaftierung, Deportation, von Tod und Ermordung. Nur drei der Töchter von Isaak und Miriam überlebten, zusammen mit ihren Ehemännern und vier Enkelkindern, da sie die Flucht nach Palästina und Amerika wählten, und nicht die Rückkehr in die alte Heimat Polen.

Die Grausamkeit des Antisemitismus zeigt sich beispielslos im Leidensweg der Familie von Isaak Deresiewicz und seiner Ehefrau Miriam Deresiewicz, geb. Stern. Das Schicksal ihrer Familie steht stellvertretend für das Schicksal vieler osteuropäischer Juden.

Die Hauptwohnadresse der Familie in Saarbrücken war die Alte Lebacher Straße 4 in Saarbrücken-Malstatt. Hier wohnten die Eltern und zeitweise auch die Kinder.

Die jeweiligen Leidenswege der einzelnen Familienmitglieder, ihre Schicksale, ihr Tod, konnten bis heute nicht für alle endgültig nachverfolgt und aufgeklärt werden. Fest steht: Insgesamt 22 der 30 Familienmitglieder fanden in Polen einen gewaltsamen Tod.

Die Familie von Isaak und Miriam Deresiewicz, geborene Stern, war im Zuge der Pogrome, die nach dem Ersten Weltkrieg in Polen gegen die jüdische Bevölkerung einsetzten, zu Beginn der 1920er Jahre vollständig nach Deutschland ausgewandert. Die Familie stammte aus Tylawa, einer kleinen Stadt im Karpatenvorland, die seit Ende des Ersten Weltkrieges zu Polen gehörte, zuvor war sie Teil der Habsburger Monarchie Österreich-Ungarn.

Die älteste Tochter Zlata war bereits 1915 mit ihrem Mann Markus Leib Lipsker nach Deutschland gezogen, kam über Landstuhl und Homburg gegen Ende der 1920er Jahre nach Saarbrücken. Die anderen Mitglieder der Familie folgten.

Hier im Saargebiet bauten sich die Kinder mit ihren Familien als einfache Kaufleute recht schnell sichere Existenzen auf. Ob der Vater Isaak selbst, als sie nach Saarbrücken kamen, noch einer Erwerbstätigkeit nachkam, scheint aufgrund seines Alters nicht wahrscheinlich. In seiner Heimat war er Gastwirt. Das haben uns die Aufgebotsunterlagen seiner Tochter Fradel Liebe verraten, die 1928 in Homburg Suesche Deutsch heiratete. Fradel lebte mit ihrem Mann, der ein gutgehendes Versandgeschäft betrieb, und den beiden Söhnen Hermann und Josef im eigenen Haus in der Ludwigstraße 16 in Saarbrücken.

Seit der Machtergreifung der Nationalsozialisten am 30. Januar 1933 wurden besonders Juden osteuropäischer Herkunft immer drastischer verunglimpft und diffamiert, so auch im Zuge des „vorauseilenden Gehorsams“ im noch „freien“ Saargebiet.

Bis 1936, kurz vor Ablauf des Römischen Abkommens zum 29. Februar 1936, und zwei Jahre vor der offiziellen Polenaktion Heinrich Himmlers im Oktober 1938, hatten alle Familienmitglieder aufgrund der hiesigen politischen Verhältnisse deutschen Boden verlassen.

Die Eltern und sieben der Kinder kehrten mit ihren Familien nach Polen zurück. Laut Meldekarten gingen sie fast alle zunächst nach Kattowitz, wohnten kurze Zeit später dann aber in dem nur rund 35 Kilometer entfernt liegenden Oświęcim, also in dem polnischen Städtchen Auschwitz.

Dass sie sich ausgerechnet den Ort als neue Heimatstadt wählten, den sich die Nationalsozialisten im Sommer 1941 im Rahmen der Endlösung als Stätte für die Vernichtung der europäischen Juden aussuchten, scheint umso tragischer.

Oświęcim zählte seinerzeit etwa 12.000 Einwohner, 7.000 davon waren Juden. Das reiche jüdische Leben in der Stadt wurde nach dem Überfall auf Polen am 1. September 1939 auf einen Schlag zunichtegemacht.

Bereits am 2. September fielen die ersten Bomben auf Oświęcim, trafen den Bahnhof, das Gymnasium. Viele Einwohner flohen. Am nächsten Tag wurde die Stadt evakuiert. Jedoch kehrten die Menschen recht schnell in ihre Stadt zurück, auch große Teile der jüdischen Bevölkerung. Im Oktober 1939 wurde Oświęcim ins Deutsche Reich eingegliedert und dem neugegründeten Bezirk Kattowitz zugeordnet.

Die vielfältigen Schikanen der deutschen Besatzung führten zu einer Verarmung großer Bevölkerungsteile, von der auch die hochbetagten Eltern Isaak und Miriam Deresiewicz stark betroffen waren, wie aus Erklärungen in den Landesentschädigungsakten hervorgeht.

Man nahm den Juden ihre Wertgegenstände fort, untersagte ihnen jegliche wirtschaftliche Betätigung. Lehrer, Angestellte, Künstler wurden entlassen. Die Schwester der Frau ihres Sohnes Hermann, der erst 1939 in Oświęcim geheiratete hatte, berichtet nach dem Krieg, dass ihre Schwester, Nechama Deresiewicz, die blond war und kein jüdisches Aussehen hatte, ihre jüdische Armbinde abstreifte und als Nichtjüdin getarnt, den Schwiegereltern mehrmals Lebensmittel brachte.

Kurz nach der Machtübernahme 1939 waren in Oświęcim alle Juden, die älter als zehn Jahre waren, verpflichtet am linken Arm eine weiße Armbinde mit dem Davidstern zu tragen. Sie durften keine öffentlichen Parkanlagen mehr besuchen und keine städtischen Verkehrsmittel benutzen, ihre Geschäfte wurden geschlossen, ihr Vermögen enteignet.

Ab September 1940 wurden alle jüdischen Männer von Oświęcim im Alter von 14 bis 60 Jahren durch die Dienststelle von Albrecht Schmelt – auch als Organisation Schmelt bezeichnet – zur Zwangsarbeit verpflichtet. Sie mussten die Straßen kehren, die zerstörte Brücke über die Sola wiederaufbauen oder im Winter den Schnee räumen.

Nach der Anordnung Himmlers vom 27. April 1940, in Auschwitz ein Konzentrationslager zu errichten, mussten zunächst 250 bis 300 Personen, später 500 Personen der jüdischen Gemeinde täglich das Gelände der polnischen Armeekaserne räumen. Drei Mal pro Woche musste jeder jüdische Mann aus Oświęcim hier Dienst tun. Die außergewöhnlich rücksichtslose Behandlung, die physische und psychische Folter sowie der Hunger führten zur völligen Erschöpfung der Arbeiter. Viele sollten später hier ihren Tod finden, wurden sie nicht zuvor bereits hier oder bei Einsätzen in anderen Arbeitslagern erschossen.

Im Frühjahr 1941 begann im Rahmen der Organisation Schmelt dann die systematische Räumung des Ortes und die Verschleppung der jüdischen Bevölkerung in die Sammellager Sosnowiec, Będzin und Chrzanów. In der Zeit vom 2. bis zum 7. April 1941 wurden etwa 5000 Juden aus Auschwitz verschleppt.

Im August 1943 wurden die Ghettos aufgelöst, die Juden in das Konzentrationslager Auschwitz deportiert und zum größten Teil ermordet. Schmelt ließ die Zwangsarbeiter, die nicht mehr arbeitsfähig waren, sowie Alte und Kranke zur Vernichtung nach Auschwitz schaffen. Bereits bis August 1942 hatte er 35.000 oberschlesische Juden vergasen lassen.

Diesem Schicksal konnten letztendlich auch die meisten Mitglieder der Familie Deresiewicz nicht entkommen. Nach dem Krieg fehlte von ihnen jedes Lebenszeichen. So waren sie durch ihre Rückkehr nach Polen zwar der Ausbürgerung durch die Nationalsozialisten, nicht aber der dann in ihrer alten Heimat einsetzenden systematischen Vernichtungsmaschinerie entkommen.

Sie wurden in den Konzentrationslagern Auschwitz, Stutthof und Mauthausen/Gusen ermordet.
Um diese Dimension der Ausrottung einer ganzen Familie zu vermitteln, die in Saarbrücken eine neue Heimat gesucht hatte, wurde als Verlegeort für die Stolpersteine die Alte Lebacher Straße 4 gewählt, der Wohnort der Eltern.

Stolpersteine werden an diesem Ort verlegt für folgende 20 Opfer der Familie Deresiewicz:

• Isaak Deresiewicz (*12.12.1857 in Tylawa), Schicksal unbekannt, Tod in Oświęcim

• Miriam Deresiewiecz (*9.6.1865 in Dubina), Schicksal unbekannt, Tod in Oświęcim

• Rosa Rachel Deresiewicz (*17.3.1888 in Tylawa), unverheiratet, ermordet in Auschwitz

• Adolf (später Abraham) Deresiewicz (*21.6.1892 in Tylawa), deportiert 1941 Ghetto Krakau, 1943 Plazow, 1944 deportiert nach KZ Mauthausen/Gusen, dort ermordet am 4.2.1945 und seine Ehefrau
• Regina, geb. Baumring (*25.6.1893 in Jaslo) (seit 30.6.1932 in SB, Johannisstraße 15; 5.2.1936 Emigration nach Polen), 1941 deportiert ins Ghetto Krakau, 1944 deportiert nach Stutthof, dort ermordert
• mit Tochter Hedwig (*20.06.1926 in St. Ingbert), Ghetto Krakau,1944 deportiert nach KZ Stutthoff, dort ermordet am 8.1.1945.

• Lea/Lina Deresiewiecz (*23.4.1895 in Tylawa), Auschwitz, Schicksal unbekannt
• und ihr Ehemann Max Kanner (*6.8.1895, Korczyna), (Handelsvertreter Textil, wohnhaft u. a. Breite Straße 7), Auschwitz, Schicksal unbekannt
• mit Kindern Salli (* 3.5.1926 in Neunkirchen),
• und Helga (*15.6.1929 in Saarbrücken), Schicksal unbekannt.

• Hermann/Hersch Deresiewicz (* 20.10.1905 in Tylawa), seit 1930 in Saarbrücken, u. a. Alte Lebacher Straße 4, Kaiserstraße 2a und Kasernenstraße 7, Emigration nach Kattowitz/ Polen 30.10.1935, heiratet 1939 in Oświęcim oder Krakau Nechama Blaustein, am 6.3.1041 wird im Ghetto Krakau der Sohn Ludwig geboren, das Schicksal der drei ist unbekannt.

• Friedel/Frieda Deresiewiecz (*17.9.1896 in Tylawa) und ihr
• Ehemann Max Knispel-Lilienthal (*23.03.1892 in Przeworsk), Kaufmann, wohnhaft u. a. Ludwigstraße 16 und 23, 1935 Emigration nach Polen, mit ihren beiden Söhnen
• Hermann (*6.9.1921 in Saarbrücken) und
• Josef (*21.7.1925 in Saarbrücken), verschollen, Schicksal unbekannt.

• Samuel Deresiewicz (*16.10.1897 in Tylawa), Emigration über Luxemburg, Frankreich, Italien, ermordet im KZ Auschwitz am 16.3.1944
• und seine Ehefrau Freide Gelber (* 24.3.1896), Emigration über Luxemburg, Frankreich,
• mit Tochter Edith (*24.12.1925 in SB), 1936 nach Lemberg emigriert, ermordet 1942.
• und Sohn Marcel (+21.08.1933 in Luxemburg) – Schicksal unbekannt.

• Deresiewicz, Chaskel Hugo (*15.06.1902 Tylawa), Flucht Polen 1933, deportiert ins Ghetto Sosnowitz, 1943 in KL Auschwitz, dort ermordet am 6.10.1943.

Den Holocaust überlebt haben:

DERESIEWICZ Zlata (* 06.05.1884 Tylawa), gest. 15.04.1972 Netanya/Israel,
mit ihrem Mann LIPSKER Markus Leib (* 21.06.1880 Dukla), gest. 27.02.1969 Netanya/Israel
und ihrem Sohn LIPSKER Ludwig (* 28.02.1921 Homburg), gest. am 25.11.2010 in Saarbrücken.

DERESIEWICZ Fradel Liebe gen. Fanny (*29.01.1908 Tylawa), gest. 09.1986 New York,
mit ihrem Ehemann DEUTSCH Süsche gen. Sydney (* 16.12.1900 Iskrzynia), gest. 07.1977 New York und der Tochter DEUTSCH Hilde Helga (* 24.12.1929 Köln), gest. 06.10.1999 New York (verheiratet mit FEINGOLD Jakob (* 03.11.1927 Berlin) )

DERESIEWICZ Zysl Sophie (* 25.06.1910 Tylawa), gest. 27.12.2010 Jerusalem
und ihr Ehemann FRIEDMANN Hermann (* 04.10.1904 Sanok).

Drei Töchter von Isaak und Miriam Deresiewicz kehrten mit ihren Familien nicht mit zurück nach Polen, sondern wählten Palästina beziehungsweise die USA als Emigrationsziel.
Die älteste Tochter Zlata und ihr Mann Markus Leib Lipsker emigrierten mit ihrem 14- jährigen Sohn Ludwig 1935 nach Palästina und erhielten am 29. Januar 1940 die dortige Staatsangehörigkeit. Ebenso nach Palästina emigrierten Tochter Zysl Sophie und deren Ehemann Hermann Friedmann. Die Tochter Fradel Liebe, genannt Fanny, emigrierte mit ihrem Mann Süsche Deutsch und der sechsjährigen Tochter Hilde Helga nach New York. An ihren neuen Wohnorten bauten sich die Familien jeweils neue Existenzen auf.
Zurück nach Deutschland kehrten zwei der Enkel, Salomon Lipsker, der später nach Straßburg zog, und Ludwig Lipsker, der im Jahr 1951 (1954) wieder zurück ins Saarland kam.
Ludwig, am 28. Februar 1921 in Homburg geboren, war mit seinen Eltern (dem Bruder Salomon und Schwester(?)) 1935 nach Palästina emigriert und erhielt 1940 die dortige Staatsbürgerschaft.

Kostenlos dank Ihrer Hilfe

Diese Biografie ist frei zugänglich. Wenn Ihnen der Stolpersteine Guide gefällt, freuen wir uns über einen kleinen Beitrag.

Danke an Martin Schreyer, Claudia Körner, Anett Humboldt, Peter Hein und 6 weitere.
Unterstützen

Stolpersteine in der Nähe

Alle Stolpersteine in Saarbrücken

Quellen & Impressum

Landeshauptstadt Saarbrücken

Oberbürgermeister Uwe Conradt
Rathausplatz 1
66111 Saarbrücken
Tel. +49 681 9050
E-Mail: stadt@saarbruecken.de