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Berta und Norbert und Jacob Simon

Biografie von Berta, Norbert und Jacob Simon

Der jüdische Bürger Jacob Simon aus Ritterhude und seine Familie

An­bau­stel­le Nr.75, Fer­gers­berg­stra­ße 20, Adolf Hit­ler Str.302, ab 1945: Goe­thes­tr. 28

In Ritterhude erinnern jetzt sogenannte Stolpersteine an alle ehemaligen jüdischen Bewohner, die dem Holocaust zum Opfer gefallen sind. Die letzten Gedenksteine wurden am 8. Mai 2014 verlegt.
Unter Einbeziehung der Schulen geht die Erinnerungskultur in Ritterhude seit einigen Jahren neue Wege. Jetzt haben die von Reinhard Egge (Gegen das Vergessen – für Demokratie) geprägten Bemühungen ein erstes Ziele erreicht. Egge bemüht sich seit Jahren um eine in die Zukunft gerichtete Beschäftigung mit den von Krieg und Naziherrschaft bestimmten Kapiteln der Ortsgeschichte. Am 8. Mai, dem Jahrestag der deutschen Kapitulation im Zweiten Weltkrieg, wurden die letzten fünf Stolpersteine vor den früheren Wohnorten der Verfolgten verlegt. Damit wird in der Hamme-Gemeinde an alle Einwohner jüdischen Glaubens erinnert, die dem Holocaust zum Opfer fielen. Auf einer Messingplatte am Kopf der von Künstler Gunter Demnig in Handarbeit hergestellten Pflastersteine sind jeweils Name sowie Geburts- und Todesdatum der Opfer eingraviert. Seit 1995 wurden in Deutschland und dem europäischen Ausland mehr als 45 000 dieser zehn mal zehn Zentimeter großen Stolpersteine verlegt, 617 in Bremen, acht in Ritterhude.
Normalerweise verlegt Demnig die Steine höchstpersönlich. Aber diesmal machte er eine Ausnahme. Junge Männer aus dem dritten Lehrjahr, die am Schulzentrum Alwin-Lonke-Straße in der nächsten Woche die Gesellenprüfung zum Straßenbauer ablegen werden, passten die Steine auf dem Gehweg von Ries- und Goethestraße fachgerecht ins Pflaster ein. Die Kinder müssen immer zwischen ihren Eltern platziert werden, so die Vorgabe. „Noten gibt es dafür nicht, aber Bonuspunkte“, sagte die Lehrerin der zukünftigen Gesellen, Diplom-Ingenieurin Regina Rauch. „Das doch ist Ehrensache“, versicherten Marcel Schröder und Tobias Käding, während sie ein letztes Mal mit dem Gummihammer die Steine fixierten und sie mit dem Schwamm sauber wischten.
Erinnerung an Schicksale
Anschließend erinnerte Michael Cochu – Mitautor des Buches „Stolpersteine Region Nord – biografische Spurensuche“ – an das Schicksal der Ritterhuder Holocaust-Opfer. Die ursprünglich aus den Niederlanden stammende Familie ter Berg bewohnte das Haus Riesstraße 39. Hartog ter Berg und seine Frau Paula, beide Jahrgang 1886, übernahmen 1923 das Textilgeschäft der Eltern. Die Familie war angesehen und im Turnverein „Frisch auf“ aktiv. Seine Auszeichnung als Teilnehmer des Ersten Weltkrieges schützte ter Berg ab 1933 nicht vor Ausgrenzung und Boykott. 1938 musste er sein Geschäft verkaufen. Todesängste standen die Ritterhuder Familien Cohen, ter Berg und Sinasohn aus, als sie im Morgengrauen des 10. November 1938 von SA-Trupps aus dem Bett geholt und – nur mit Schlafzeug bekleidet – in den feuchtkalten Wiesen des St.-Jürgen-Landes ausgesetzt wurden. Man traktierte sie mit Schreckschüssen und Peitschenhieben. Nach einer Zwischenstation im Bremer „Judenhaus“ wurden die ter Bergs ebenso wie die Cohens und die Familie Simon in das Ghetto Minsk deportiert, wo sie einer der Massenmordaktionen zum Opfer fielen. Mit Sohn Adolf, der 1938 nach Großbritannien gelangte, überlebte nur ein Mitglied der weit verzweigten Familie. Als Schlachtermeister lebte Jacob Simon (Jahrgang 1883) mit seiner Frau Berta und dem behinderten Sohn Norbert in der Goethe-straße 28/Ecke Windmühlenstraße. Jacob Simon sang im Gesangverein und soll ein Herz für Arme gehabt haben. Begehrt war seine „Zipfelwurst“, mit der er Bedürftige unterstützte. Wie die ter Bergs mussten die Simons nach Boykottaufrufen ihr Geschäft aufgeben. Sie wurden ebenfalls nach Minsk deportiert und dort ermordet.
„Es berührt einen immer wieder tief, wenn man vor diesen Gedenksteinen steht. Man stumpft nicht ab“, sagte Dr. Barbara Johr von der Landeszentrale für politische Bildung, die das Stolperstein-Projekt in Bremen leitet. Nicht stolpern, sondern sich vor den Opfern verneigen und in die Knie gehen, um die Inschrift zu lesen, das sei nach der Intention von Gunter Demnig der Sinn der Gedenksteine.
Neben vielen Gästen aus Vereinsleben, Kirche und Politik wohnte die Klasse 4b der Grundschule Ihlpohl der Zeremonie bei. Gemeinsam mit der tief berührten Gisela Ackermann, Patin der Gedenksteine für die Familie Cohen in der Goethestraße, legten die Kinder rote Rosen nieder und verharrten in einer Gedenkminute. Die Schüler haben sich unter Anleitung von Reinhard Egge mit den Ritterhuder Denkmälern befasst. Die Auseinandersetzung führte von den Lernorten der Geschichte zu den Kinderrechten der UN. Es entstanden neue Gedenksteine aus Pappmaschee, die die Rechte der Kinder anmahnen.

Nach der Deportation übernahm die Reichsfinanzverwaltung das Haus der Familie Simon.
Im Oktober 1990 gab die Gemeinde Ritterhude einem Seitenweg der Windmühlenstraße den Namen
‚Jacob-Simon-Weg’.

Nathan Simon war der ers­te aus der jü­di­schen Fa­mi­lie Si­mon, der ei­nen Schutz­brief er­hielt und 1744 in Rit­ter­hu­de sie­del­te. Er war Schwie­ger­sohn des Schutz­ju­den Levi Herz aus Os­ter­holz. Levi Herz über­trug sei­nen Schutz­brief auf Nathan Simon.

Na­thans Sohn, Levi Simon, ge­bo­ren um 1803, war ab 2.03.1852 als Han­dels­mann in Rit­ter­hu­de tä­tig. Er han­del­te mit Tuch­wa­ren, El­len­waa­ren. (Quel­le: Pro­zess 1833, Levi Si­mon ge­gen An­dre­as Mur­ken).

Da Levi Si­mon fast die gan­ze Fa­mi­lie fi­nan­zi­ell un­ter­hal­ten muss­te, be­müh­te er sich um den Schutz­brief sei­nes ver­arm­ten Va­ters und wur­de da­bei von dem Vor­ste­her Na­than Co­hen un­ter­stützt.

Levi Simon hei­ra­te­te um 1833 die Toch­ter des Da­vid Hirsch­berg, Sarie Hirschberg (22.10.1847 in Rit­ter­hu­de ver­stor­ben). Ihre Toch­ter Hannchen Simon, die 1833 ge­bo­ren wur­de, hei­ra­te­te den Zi­gar­ren­fa­bri­kan­ten Simon Leeser aus Rit­ter­hu­de.

In 2. Ehe hei­ra­te­te Levi Si­mon Adelheit Edel Herz Rennberg, ge­bo­ren 1813 in Rit­ter­hu­de. Ihre jüngs­te Toch­ter Sophie Simon, ge­bo­ren 1855, ver­mähl­te sich mit Har­tog ter Berg aus Gro­nin­gen. So­phies Toch­ter Johanna ter Berg /Levy, ge­bo­ren 1895 in Rit­ter­hu­de, ge­hör­te zu den Op­fern des Ho­lo­causts. Sie wur­de am 19.11.1942 ge­mein­sam mit ih­rem Mann Lou­is Levy und ih­rer Toch­ter Hel­ga Levy in Aus­schwitz er­mor­det.

Sohn Nathan Simon aus 1. Ehe führ­te die Schlach­te­rei ab 26.05.1872 wei­ter.

Er hei­ra­te­te Mathilde Liebe Cohen, Toch­ter des Rit­ter­hu­der Schlach­ters Ja­cob Co­hen. Er kauf­te die An­bau­stel­le Nr. 75 (Fer­gers­berg­stra­ße ) und spä­ter das Grund­stück Goe­the­s­tra­ße 28. Hier er­rich­te­te er ein Wohn­haus und die ei­ge­ne Schlach­te­rei.

Jacob Simon wur­de am 12.01.1883 als 4. Kind der Fa­mi­lie Si­mon ge­bo­ren. Ja­cob er­lern­te das Schlacht­er­hand­werk und über­nahm nach dem Tod des Va­ters 1911 die Schlach­te­rei. Sei­ne Frau Ber­ta, ge­bo­re­ne Sam­son aus Ze­ven, half in der Schlach­te­rei mit. Be­rühmt und be­gehrt war die „Zip­fel­wurst“ der Si­mons, Wurs­ten­den, die nicht ver­kauft wor­den sind, schenk­ten sie Be­dürf­ti­gen. Der ein­zi­ge Sohn der Fa­mi­lie, Nor­bert, ge­bo­ren 1912, war halb­sei­tig ge­lähmt. Auch die Fa­mi­lie Si­mon hat­te un­ter dem Ter­ror des Nazi Re­gimes zu lei­den. In der Nacht zum 10.No­vem­ber1938 (No­vem­ber­po­grom) wur­den sie wie die Fa­mi­lie Co­hen und die Fa­mi­lie ter Berg auf Be­fehl des Le­su­mer Bür­ger­meis­ters Kös­ter von SA-Män­nern ab­ge­holt in ei­nem LKW nach Nie­derblock­land ge­fah­ren und durch die Wüm­me­wie­sen ge­jagt.

Eine Frau sah ihre Rück­kehr: „Ich er­in­ne­re mich sehr gut, so et­was kann man nicht ver­ges­sen. Mit ei­ner Be­kann­ten stand ich an der Ecke bei Rex (Damm­gut) Da sa­hen wir sie die Damm­stra­ße her aus den Wie­sen kom­men. Män­ner, Frau­en und Kin­der in Nacht­hem­den, bar­fuß, die Haa­re sträh­nig und nass. 5 bis 6 Ju­den aus den Fa­mi­li­en Co­hen und Si­mon, von ter Bergs habe ich nie­man­den ge­se­hen. Und hin­ter­her Leu­te mit Swip­peit­schen, die sie durch die Grä­ben ge­trie­ben hat­ten.“

Nach dem No­vem­ber­po­grom muss­te Ja­cob Si­mon sein Ge­schäft auf­ge­ben. Er zog mit sei­ner Fa­mi­lie in das Ober­ge­schoss ih­res Hau­ses in der heu­ti­gen Goe­the­s­tra­ße 28.

Nach dem De­por­ta­ti­ons­be­fehls vom 24.Ok­to­ber 1941 durch Kurt Da­lue­ge wur­den
am 18.No­vem­ber vom Bre­mer Haupt­bahn­hof aus 570 Ju­den nach Minsk de­por­tiert. 440 Ju­den ka­men aus Bre­men und 130 aus dem Re­gie­rungs­be­zirk Sta­de. Der Zug ver­ließ mor­gens um 8.40 Uhr die Stadt Bre­men in Rich­tung Ham­burg zur Wei­ter­fahrt nach Minsk. Im Zug sa­ßen die drei Rit­ter­hu­der Fa­mi­li­en, Si­mon, Co­hen, ter Berg und mit ih­nen ei­ni­ge ih­rer engs­ten Fa­mi­li­en­mit­glie­der aus Bre­men und Sta­de.

Deportation in das Ghetto Minsk am 18.November 1941

Jacob Simon ge­bo­ren am 12.01.1883 in Rit­ter­hu­de wur­de am 18.No­vem­ber 1941 von Bre­men über Ham­burg in das Ghet­to Minsk de­por­tiert.

Berta Simon /Samson ge­bo­ren am 14.03.1884 in Ze­ven wur­de am 18.No­vem­ber 1941 von Bre­men über Ham­burg in das Ghet­to Minsk de­por­tiert.

Norbert Simon ge­bo­ren am 27.12.1911 in Rit­ter­hu­de wur­de am 18.No­vem­ber 1941 von Bre­men über Ham­burg in das Ghet­to Minsk de­por­tiert.

Sophie Simons/Hartog ter Bergs Kinder

Johanna Ter Berg /Levy, ge­bo­ren 1895 in Rit­ter­hu­de, wur­de 1942 in Aus­schwitz er­mor­det.

Isaak Hartog ter Berg, ge­bo­ren 1886 in Rit­ter­hu­de, wur­de 1942 in Aus­schwitz er­mor­det.

Levy ter Berg wur­de mit sei­ner Ehe­frau nach Riga de­por­tiert. To­des­da­tum:06.12.1941.

Rebecca Sara ter Berg und ihr Ehe­mann Al­fred Herz wur­den 1941 nach Minsk de­por­tiert und 1942 er­mor­det. To­des­da­tum von Re­bec­ca 28.07.1942.

Elias ter Berg, sei­ne Ehe­frau Mat­hil­de Roth­schild und Toch­ter Jen­ny wur­de am

18.11.1941 von Bre­men aus über Ham­burg nach Minsk de­por­tiert. To­des­da­tum von Eli­as ter Berg: 28.07.1942 in Minsk.

Johanna ter Berg und ihr Ehe­mann Lou­is Levy wur­den von Hol­land aus nach Aus­schwitz de­por­tiert. To­des­da­tum der Ehe­leu­te: 19.11.1942. Ihre Toch­ter Helga Levy wur­de im Jahr 1942 eben­falls in Aus­schwitz er­mor­det.

Semmi Simon ter Berg wur­de ab Bie­le­feld nach Sach­sen­hau­sen de­por­tiert und dann in Aus­schwitz er­mor­det. To­des­da­tum: 02.03.1943.

Au­tor: Bri­git­te Stür­mer

Quel­len: Pro­zess 1833: Levi Si­mon ge­gen An­dre­as Mur­ken.

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