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Gustav-Weis-Str. 8: Theresa Ehrle

Biografie von Ehrle Theresa

Theresa Ehrle (Jg. 1907) kommt in Eichstetten am Kaiserstuhl als Toch-
ter des Arztes Dr. David Rueck und seiner Ehefrau Flora geb. Epstein
zur Welt, sie erhält die hebräischen Vornamen „Tirtsa Malina“. Sie hat
noch zwei jüngere Brüder. 1913 verzieht die Familie nach Gunzenhausen/
Mittelfranken. Nach dem Ende des 1. Weltkrieges werden sie durch den
krankheitsbedingten Tod der Eltern Vollwaisen. Nach einem aus finan-
ziellen Gründen abgebrochen Medizinstudium in Freiburg macht sie eine
Ausbildung zur Röntgenassistentin und findet 1928 Arbeit in Heidelberg.
Hier lernt sie den Ludwigshafener Franz Ehrle kennen, der als Kaufmann
bei der Kehler Getreidegroßhandlung Martin Kaufmann & Söhne in der
Großherzog-Friedrich-Straße 71 arbeitet. Nach der Hochzeit 1933 zieht
das Paar nach Kehl, wohnt zuerst in der Nibelungenstraße 4, dann in der
Horst-Wessel-Straße 8 (nunmehr wiederum Gustav-Weis-Straße). 1935
tritt Tirtsa aus der israelitischen Glaubensgemeinschaft aus, da das „Ge-
setz zum Schutz des deutschen Blutes und der deutschen Ehre“ die Ge-
schäftsentwicklung der Getreidegroßhandlung belastet; die jüdischen
Firmenbesitzer Kaufmann wandern zwischenzeitlich nach Palästina aus,
Franz Ehrle übernimmt 1936 das Geschäft. Doch nach NS-Recht leben sie
in einer Mischehe. Durch den politischen und gesellschaftlichen Druck
ist die Ehe so sehr belastet, dass sie 1938 durch Scheidung ihr Ende hat.
1939 geht Franz Ehrle eine zweite Ehe ein.
Im Dezember 1938 gelingt Theresa Ehrle die Flucht nach Strasbourg.
Doch mit Beginn des 2. Weltkrieges beginnt für sie eine Odyssee von
Flucht und Vertreibung. Mit der Evakuierung Strasbourgs strandet sie in
Dijon, wo sie im Mai 1940 als „Angehörige eines Feindstaates“ in Haft
genommen und in Gurs/Pyrenäen interniert wird. Dank ihres in der fran-
zösischen Armee dienenden Bruders Assa Moses kommt sie frei und ge-
langt nach Marseille, wo sie als Übersetzerin arbeitet. Nach der deut-
schen Besetzung Südfrankreichs 1942 kann bis zum 9. April 1944 dort
versteckt weiterleben, dann wird sie verhaftet und nach 3 Wochen im
Gefängnis in das Durchgangslager Drancy bei Paris deportiert. Von dort
wird sie dann am 20. Mai 1944 unter der Nummer 20678 mit dem Trans-
port 74 nach Auschwitz deportiert. Nach späteren Aussagen stand sie,
die eine wunderschöne Frau war, bei Ankunft an der Rampe dem Herrn
über Leben und Tod Dr. Mengele gegenüber. Er sei von ihrer Schönheit
„verzaubert“ gewesen sei. Er habe sie
nach ihrem Namen gefragt. Dabei
stellte sich heraus, dass Mengele und
ihr Vater gemeinsam an der rumäni-
schen Front im 1. Weltkrieg gewesen
waren. Das rettete sie vor dem Gas.
So schuftet Theresa Ehrle mit der täto-
wierten Häftlingsnummer A 5497 beim
Straßenbau, im Januar 1945 wurde sie
in das KZ Bergen-Belsen verbracht,
wo sie als Pflegerin von Typhus-Kran-
ken arbeiten muss. Zwangsläufig be-
fällt auch sie diese Krankheit. Mit nur
noch 38 kg Körpergewicht wird sie am
15. April 1945 von britischen Truppen
befreit und verbringt 2 Monate zur Ge-
sundung in einem Lazarett.
Sie kehrt über Paris nach Marseille
zurück und wandert von dort 1946 in
die USA aus. In New York arbeitete
sie in einem Unternehmen für Damen-
hüte. Sie legt sich den Vornamen Terry
zu. Doch die Lagerhaft in Auschwitz
und Bergen-Belsen hinterlässt große
gesundheitliche Beeinträchtigungen.
1983 zieht Teryy Rueck-Ehrle im Alter
von 76 Jahren zu ihrem Bruder Moses
Aaron Eshra nach Denver/Colorado.
Im Oktober 1990 stirbt sie. Ihre Grab-
stätte befindet sich im Mount Nebo
Memorial Park in Aurora/Colorado
und der Stolperstein in der Gustav-
Weis-Straße 8 erinnert an sie und ihr
schicksalhaftes Leben.

Inschrift:
HIER WOHNTE
THERESE EHRLE
GEB. RUECK
JG. 1907
FLUCHT 1938
STRASSBURG
FLUCHT 1939
MARSEILLE
VERHAFTET 1944
INTERNIERT DRANCY
DEPORTIERT 20.5.1944
AUSCHWITZ
BERGEN-BELSEN
ÜBERLEBT

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