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Abraham Levi – jüdischer Lehrer und Prediger

Biografie von Jenny Rosenbaum

Abraham Levi wurde am 13. 8. 1857 als Sohn des jüdischen Kaufmannes David Abraham Levi und seiner Frau Jette, geborene Rosenbaum, in Braunschweig geboren. Seine Eltern zogen später nach Hannover um. Wahrscheinlich besuchte Abraham gute Schulen, sonst wäre es ihm nicht möglich gewesen, in der jüdischen Gemeinde Suhl eine Stellung ähnlich der eines Rabbiners einzunehmen. Am 24. 11. 1885 heiratete er Deborah Levi, geborene Ehrlich, in Meiningen. Deborah stammte aus einer kleinen jüdischen Gemeinde in Thüringen – Gleicherwiesen. Sie wurde dort am 20. 4. 1863 geboren. Spätestens ab 1887 wohnten sie in Suhl. Am 28. 2. dieses Jahres wurde ihre Tochter Jenny geboren. Sie ehelichte 1907 Herman Rosenbaum, allerdings wurde diese Ehe 1912 wieder geschieden. Aus der Ehe ging eine Tochter hervor. Ruth Rosenbaum wurde am 16. 6. 1908 geboren. Jennys Bruder Max Levi kam am 27. 2. 1891 auf die Welt. Zunächst lebte die Familie in einer Wohnung in der Stadelstraße, sie zog dann jedoch, vermutlich weil sich die Familie vergrößert hatte, in die Schillingstraße, heute Riemenschneiderstraße, um. Sie wohnten dort wiederum zur Miete in unmittelbarer Nachbarschaft zu anderen jüdischen Familien. Dies deutet auf eine gewisse Tendenz zur Gruppenbildung hin. Jedoch war Abraham Mitglied im Gewerbeverein Suhl. Dieser hatte 1914 zirca vierhundert Mitglieder und nahezu alle waren Nichtjuden. Der Verein verfügte über eine Bibliothek und man lud regelmäßig Redner für wissenschaftliche Vorträge ein. Die Mitgliedschaft in diesem Verein ist Indiz für seine Integration in Suhl. Vermutlich knüpfte er bei den gemeinsamen Aktivitäten im Verein Bekanntschaften und Freundschaften zu Nichtjuden. Die Familie Levi pflegte aber auch Freundschaften zu anderen jüdischen Familien wie zu Familie Sander.

Abraham Levi übernahm in der Suhler Gemeinde eine besondere Rolle, er wurde jüdischer Lehrer und Prediger. Seine Wahl erfolgte durch die Gemeinde nach Stimmenmehrheit. Er musste in der Lage sein, die Kinder zu unterrichten, Tiere zu schächten (rituelles Schlachten) und als Vorbeter zu agieren. Dass ihn die Gemeinde als dazu fähig betrachtete, weist auf Intelligenz und gute religiöse Kenntnisse hin. Abraham Levi unterrichtete einmal in der Woche in der Religionsschule die jüdischen Kinder in Hebräisch und der Geschichte des jüdischen Volkes. Zu seinen Pflichten als Prediger gehörte die Durchführung von Gottesdiensten. Ein besonderer Tag war die Einweihung der neuen Synagoge in Suhl am 7. 8. 1906, bei der Abraham Levi mitwirkte. Auf diesen Tag hatte die jüdische Gemeinde sehr lange hingearbeitet und es war auch ein Tag, an dem sich der herrschende Frieden zwischen den verschiedenen Religionen zeigte. In einem Zeitungsartikel der Henneberger Zeitung wird der Wunsch des Bürgermeisters so beschrieben, dass „der Friede zwischen den verschiedenen Religionsgemeinschaften, wie es in Suhl der Fall ist, daß dies stets der Fall sein möge.“ Die Juden in Suhl schienen sehr gut integriert und ihre Religion grenzte sie scheinbar nicht ab. So schlossen Herrn Levi seine religiösen Aufgaben vermutlich auch nicht aus und er hat sich trotz seiner Religion als Deutscher gefühlt. Bei der feierlichen Einweihung der Synagoge hielt er nicht nur mit „kräftigen, schönen und ernsten Worten“ die Festpredigt, sondern brachte auch den Weihspruch und das Gebet für den Kaiser aus. Bei den Gottesdiensten assistierten ihm zumeist Männer der Gemeinde. Vor allem an Feiertagen war die Hilfe dieser Männer als Vorbeter wichtig. Ihm halfen häufig Herr Wolf, Daniel Nußbaum und Herr Brylewsky. Manchmal hielt er Predigten. Diese sind zwar kein Pflichtbestandteil des jüdischen Gottesdienstes, gehen jedoch auf alte Traditionen zurück. Zu seinen Pflichten gehörte auch die Vorbereitung der Jungen und Mädchen auf ihre „Bar Mizwa“ bzw. „Bath Mizwa“. Übersetzt bedeutet das soviel wie Sohn bzw. Tochter des Gebots und ist eine synagogale Feier. Mit dieser Feier werden die Jungen nach dem 13. Geburtstag, die Mädchen nach dem 12. Geburtstag als religionsmündige Mitglieder in die Gemeinde aufgenommen. Sie sind danach verpflichtet, die Gebote des Judentums einzuhalten und können religiöse Aufgaben im Gottesdienst übernehmen. Auf diesen besonderen Tag bereitete Herr Levi die Kinder mit ein- bis zweimal wöchentlichem Privatunterricht in seiner Wohnung vor. Dabei wurden die Broches (Segenssprüche), die Parascha (Wochenabschnitte der Thora) und die Haftarah (Lesung eines Propheten) auf Hebräisch zu lesen geübt, um dies bei der Feier fehlerfrei zu beherrschen. Außerdem wurde gemeinsam eine Rede für den feierlichen Gottesdienst und eine für die sich anschließende Familienfeier vorbereitet. Bei diesen Privatstunden war seine Frau anwesend. Ende 1937 ging Abraham Levi achtzigjährig in den Ruhestand und seine Tätigkeit wurde durch den jungen Lehrer Herrn Färber fortgeführt.

Die Familie Levi war als eine der ersten jüdischen Familien von den judenfeindlichen Gesetzen des Nationalsozialismus betroffen. Abraham Levis Sohn, Max Levi, hatte den Beruf des Mittelschullehrers ergriffen. Er wurde gemeinsam mit Abraham Jaffe auf Grundlage des 1933 in Kraft getretenen „Gesetz[es] zur Wiederherstellung des Berufbeamtentums“, welches einen „arischen“ Nachweis als Berufsgrundlage festlegte, entlassen. Die Familie Levi war von der immer mehr zunehmenden Ausgrenzung genauso betroffen wie alle anderen Juden, die nicht emigrierten. So mussten auch sie die zweiten Vornamen Israel bzw. Sara annehmen. Und Abraham musste sich an der Sühneleistung, die den Juden nach der Reichspogromnacht als zusätzliche Demütigung auferlegt wurde, beteiligen. Die zunehmende Ausgrenzung und Diskriminierung führte dazu, dass die Suhler Juden den Kontakt zu anderen, nichtjüdischen Bürgern verloren. Diese mieden ihre jüdischen Bekannten und Freunde aus Angst. „Am Samstagabend trafen sich die wenigen [jüdischen] Familien in ihren Wohnungen, die Männer spielten Skat (...)“. Eine außen erzwungen worden und Abraham Levi verlor seine nichtjüdischen Freunde. Als der Mieterschutz für Juden 1939 aufgehoben wurde, mussten sie in Judenhäuser ziehen. So wurden sie noch mehr isoliert und verloren die letzten Kontakte zu Nichtjuden, ihren ehemaligen Nachbarn. Familie Levi zog zusammen mit anderen Familien wie der Familie Mühlfelder und der Familie Mannheimer in die Kellerstraße 4, in die Villa der Familie Brylewski. Dort hatte jede Familie nur ein Zimmer zur Verfügung, man lebte auf engstem Raum zusammen. Abraham Levi verstarb am 28. 9. 1940 durch einen Herzschlag und er wurde am 1. 10. 1940 auf dem jüdischen Friedhof bestattet. Wegen der herrschenden Kriegszustände erhielt er keinen Grabstein. Seine Frau Deborah und seine Tochter Jenny wurden mit dem letzten „Umsiedlungstransport“ von Suhl nach Theresienstadt deportiert. Theresienstadt war ein Ghetto in der ehemaligen Tschechischen Republik, dem damaligen Protektorat Böhmen und Mähren. Die Bedingungen glichen denen eines Konzentrationslagers. 1942 kamen Transporte aus ganz Europa dort an und das Ghetto war mit über 53.000 Menschen überfüllt, die Folgen waren Seuchen. Deborah verstarb dort, vielleicht an einer Seuche. Ihre Leiche wurde im Krematorium verbrannt und sie erhielt kein Grab. Dies ist entgegen der jüdischen Bestattungsriten und sollte Ausdruck der Wertlosigkeit des Judentums, seiner Riten und Anhänger sein. Es ist ein deutlicher Beweis dafür, dass der Umgang des Nationalsozialismus mit den Juden über eine Ausgrenzung, Verfolgung und Vernichtung hinausging.

Die Tochter Jenny wurde von Theresienstadt nach Auschwitz oder Treblinka deportiert. Dort starb sie in einer Gaskammer. Max Levi konnte noch rechtzeitig nach Amerika emigrieren, ebenso wie Jennys Tochter Ruth.

Währenddessen sie in Amerika blieb und dort heiratete, kehrte Max bereits im Mai 1945 nach Deutschland zurück. Damit steht er im extremen Kontrast zu den meisten emigrierten Juden, denn die Mehrzahl kehrte nicht nach Deutschland zurück. Die Shoah machte es ihnen unmöglich, Deutschland wieder als Heimatland anzunehmen. Dass Max Levi zurückkehrte, zeugte von seiner Verbundenheit zu Deutschland. In einem 1945 an den Bürgermeister der Stadt Suhl verfassten Brief äußerte er die Absicht nach Suhl zu kommen, um das Grab seines Vaters herzurichten. Er hat dies allerdings nicht getan, sein weiteres Schicksal ist unklar.

Quelle: "Kleine Suhler Reihe" (25) - Jüdisches Leben in Suhl, S. 51-54

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