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Familie Jolowicz

Biografie von Walter, Thekla, Marianne und Herbert Jolowicz

Ferdinand-Rhode-Str. 28 (ehem. Nr. 30)
Familie Walter Jolowicz

Walter Joseph Jolowicz stammte aus einer traditionsreichen Buchhändlerfamilie in Posen und Leipzig. Seine Berufslaufbahn war praktisch vorgeprägt. 19-jährig kam 1886 sein Vater Leo aus Posen nach Leipzig und wurde Mitarbeiter der „Buchhandlung Gustav Fock“. Im Jahr 1898 wurde er geschäftsführender Gesellschafter der GmbH und 1906 gründete er die Akademische Verlagsgesellschaft. Er war mit Leib und Seele Buchhändler und Antiquar.
Am 29. Juli 1908 kam sein Sohn Walter Joseph in Leipzig zur Welt. Er war damit das dritte von vier Kindern der Familie. Walter absolvierte 1927 erfolgreich das König-Albert-Gymnasium (heute steht an dieser Stelle das Parkhaus gegenüber dem Zoo). Er studierte an den Universitäten Heidelberg, Wien, London und Leipzig Archäologie und belegte gleichzeitig eine Buchhändlerlehre. Mit diesen Voraussetzungen wurde Walter ein engagierter Partner und Nachfolger der beiden Leipziger Familienunternehmen mit weltweiter Beachtung. Im Jahr 1933 wurde er Prokurist der Buchhandlung Gustav Fock GmbH und noch 1935 der Akademischen Verlagsgesellschaft mbH.
Im Jahr 1934 heirate Walter die am 29. Juli 1912 in Leipzig geborene Thekla Heine, die aus einer ebenfalls sehr erfolgreichen Unternehmer-Familie im Tuchhandel („Tuch-Heine“) stammte. Die Firma „Gebrüder Heine“ war ebenfalls international vernetzt und wurde von den Nationalsozialisten bis 1938 vollständig zerschlagen.
Aus der Ehe gingen zwei Kinder hervor: Angelika Marianne (am 9. April 1935) und Max Herbert Michael (am 19. März 1936) wurden in Leipzig geboren.
Die weltweite Vernetzung und Reputation der Familie wollte der nationalsozialistische Staat zur Bereicherung und internationalen Anerkennung maximal ausnutzen. Bevor man die Familie ausreisen ließ, sollten die jüdischen Unternehmen mit all ihren Kontakten noch vollständig „arisiert“ werden. Ein Schriftwechsel zwischen Leipzig und der Berliner Zentrale der Reichsschrifttumskammer vom April 1938 bringt dies sehr deutlich zum Ausdruck: „Lassen wir den Walter Jolowicz hinaus, dann bedeutet das eine Stärkung der Position der Juden in Deutschland. Das kann schließlich nicht unsere Aufgabe sein. Werden wir sie aber […] los, stärken wir die Stellung der Reichsschrifttumskammer und des deutschen Buchhandels und verschaffen damit auch dem deutschen Antiquariat wieder neuen Auftrieb zunächst einmal im Reich. Es wird sich dann ebenso gut und zielbewußt auch im Ausland durchsetzen.“*
Ende Juni 1938 wurden Leo und Walter Jolowicz aus den Unternehmen verdrängt. Trotzdem reiste Walter Jolowicz im September 1938 geschäftlich nach London. Er wollte dabei ebenso die Ankunft der Familie vorbereiten. Nach einer Aufforderung der Zollfahndungsstelle zur Vorsprache reiste er am 5. Oktober 1938 aus Sorge um die Familie zurück nach Leipzig. Man fand damit die Gelegenheit, ihm den Reisepass zu entziehen. Mit immer neuen Schikanen verhinderte man eine Flucht der Familie. So wurde die Kontrolle des Auswanderungsgepäcks (Privatbibliothek) immer weiter hinausgezögert oder Walter Jolowicz wurde kurzer Hand inhaftiert. Er gehörte zu den männlichen Juden, die im Zuge der Pogromnacht 1938 verhaftet wurden und nach Buchenwald kamen. Mit der Auflage, umgehend auszuwandern, kehrte er traumatisiert am 7.12.1938 nach Leipzig zurück. „Den Erlebnissen in Buchenwald folgte ein schwerer Nervenschock, er erlitt Ohnmachtszustände und Angstanfälle. Oft verließ er in den frühesten Morgenstunden die Wohnung, um stundenlang spazieren zu gehen und sich dann irgendwo versteckt aufzuhalten, aus Furcht, er könne wieder geholt werden. All das machte ihn schlaf- und ruhelos.“**
Walter Jolowicz unternahm alles, um so schnell wie möglich mit seiner Familie Deutschland verlassen zu können. Doch die Nazis tyrannisierten ihn weiter. Im Januar 1939 wurde die Ausreise abgelehnt. Ziel der Nazis war es, auf dem Wege der Erpressung sich nun auch des Eigentums und des Vermögens der Familie Heine über Thekla Jolowicz möglichst vollständig zu bemächtigen. Dabei drohte man mit erneuter Verhaftung, da Walter die Auflage von Buchenwald, Deutschland zu verlassen, nicht erfüllte, ja nicht erfüllen konnte. Die Situation schien ausweglos. Unter dem Vorwand des „Devisenvergehens“ wurden Thekla und Walter Jolowicz am 1. Februar 1939 erneut verhaftet.
Nach unzähligen Schikanen konnte die Familie Jolowicz mit den beiden kleinen Kindern erst am 1. April 1940 nach Schweden fliehen. Die Emigration führte über Kuba 1941 in die USA.

*Z.n.: Andrea Lorz: „Strebe vorwärts“ – Lebensbilder jüdischer Unternehmer in Leipzig, Passage-Verl., 1999, S. 110
**Ebd. S. 113

Patenschaft: Ein Projekt des Erich-Zeigner-Haus-e.V. mit dem Gymnasium Naunhof

Literatur: Andrea Lorz: „Strebe Vorwärts“ – Lebensbilder jüdischer Unternehmer in Leipzig. Familie Heine und ihr Unternehmen, das Tuchhaus Gebrüder Heine. Familie Leo Jolowicz mit den Unternehmen Buchhandlung Gustav Fock und Akademische Verlagsgesellschaft mbH. Leipzig, Passage-Verl., 1999

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