Biografie von Paula, Clara und Lilli Straus
Der Stuttgarter Kaufmann Leon Straus und seine Frau Clara Straus, geb. Levi hatten zwei Töchter: Lilli, geboren am 24. März 1892, und Paula, geboren am 15. Januar 1870.
Die Familie wohnte in der Gablenberger Hauptstraße 173 im Stuttgarter Osten. Als der Vater 1925 starb, waren die beiden Töchter beruflich auf einem sehr guten Weg.
Lilli, die Ältere, arbeitete viele Jahre als kaufmännische Angestellte in der Kakao- und Schokoladenfabrik Buck in der Ostendstraße, wo sie es bis März 1934 zur Prokuristin brachte. Weil sie Jüdin war, verlor sie ihre Arbeit.
Die Jüngere, Paula Straus, schloss sich früh der Wandervogelbewegung an und wurde eine der ersten und bedeutendsten Gold- und Silberschmiedemeisterinnen Deutschlands. Ihr Atelier hatte sie in Stuttgart Nord. Ihr Handwerk hatte sie in Schwäbisch Gmünd, Frankfurt und am Stuttgarter Weißenhof gelernt. Ihr Interesse galt der Herstellung von Gebrauchsgegenständen aus Silber, z.B. Schalen, Kannen, Dosen und Besteck. Sie entwarf aber auch Haushaltsgerät aus anderen Materialien sowie Möbel. Ihre einfache und funktionale Formsprache nahm manches vorweg, was das Weimarer Bauhaus später weltbekannt werden ließ. Das für industrielle Fertigung geeignete Design sollte schöne Gegenstände auch für Durchschnittsverdienende erschwinglich machen. Von ihren Arbeiten, die sie oft nur als Einzelstücke oder in Kleinserie hergestellt, sind leider nur wenige erhalten.
Die Nationalsozialisten bekämpften das Bauhaus und sein Umfeld, und die Silberobjekte einer Jüdin besaßen für sie nur Materialwert. So wurden während des Kriegs und danach viele ihrer Werke durch Einschmelzen zu Geld gemacht.
Mit den drei Straus-Frauen lebte Elise Erlanger, geb. Kahn, geb. am 02. Dezember 1872, in dem Haus im oberen Teil der Gablenberger Hauptstraße. Am 10. November 1938, einen Tag nach der Reichspogromnacht, erwarb die Kakao- und Schokoladenfabrik Buck das Haus.
Nur Lilli Straus gelang 1939 die Ausreise in die USA. Die anderen drei jüdischen Bewohnerinnen wurden aus Stuttgart in sogenannte "Judenorte" umgesiedelt, die als Zwischenstationen vor der Vernichtung geplant waren. Clara und Paula Straus kamen nach Haigerloch, Elise Erlanger nach Buchau.
Am 22. August 1942 wurden die drei Frauen im gleichen Transport von Stuttgart nach Theresienstadt deportiert.
Elise Erlanger wurde am 23. September 1942 weiter "nach dem Osten" gebracht und ist dort verschollen.
Paula Straus wurde am 29. Januar 1943 nach Auschwitz verfrachtet und dort am 10. Februar 1943 ermordet.
Clara Straus starb am 10. November 1943 in Theresienstadt.
Das Badische Landesmuseum Karlsruhe erinnerte 2011 mit der Ausstellung FRAUENSILBER an Paula Straus und andere Silberschmiedinnen der Bauhauszeit.
Den Nachlass von Paula Straus beherbergt heute das Jüdische Museum Berlin.
Bei der Ausstellung „Stein für Stein – Menschen ihren Namen wiedergeben“, die anlässlich des 20-jährigen Jubiläums der Initiative Stolpersteine Stuttgart-Ost im MUSE-O in Gablenberg stattfand, erinnerte eine Tafel und ein silberner Serviettenring an Paula Straus. Besonderer Höhepunkt war der Besuch der Erbin der Silberschmiede Bruckmann & Söhne, die extra aus Heilbronn anreiste und den staunenden Mitgliedern der Stolperstein-Initiative und Besuchern eine unglaublich schöne, von Paula Straus gefertigte Brosche zeigte – ein Geschenk an ihre ehemaligen Arbeitgeber, das glücklicher Weise die Schrecken der NS-Zeit überdauert hat und von der besonderen Gabe der Paula Straus zeugt.
Recherche und Text: Gerhard Hiller und Gudrun Greth, Initiative Stolpersteine Stuttgart-Ost
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